Duell - Enemy at the Gates
(Enemy at the Gates)

Deutschland, England, Irland, 126min
R:Jean Jacques Annaud
B:Alain Godard
D:Jude Law,
Joseph Fiennes,
Ed Harris,
Rachel Weisz
„Und morgen erschießen wir´n paar Generäle”
Inhalt
Während sich deutsche und russische Truppen in Stalingrad gegenseitig bekämpfen, sieht der Rest der Welt voll Furcht dem Ausgang dieser Schlacht entgegen. Auch in Stalingrad ist der gefürchtete russische Präzisionsschütze Vassili Zaitsev (Jude Law), der von dem ehrgeizigen Polit-Offizier Danilov (Joseph Fiennes) zum Kriegshelden aufgebaut wird. Vassili erschießt einen Gegner nach dem anderen. Sein legendärer Ruf führt allerdings bald zu einem Duell mit dem besten Scharfschützen der deutschen Armee, Major König (Ed Harris). Es kommt zu einem erbitterten Zweikampf, während um sie herum die Schlacht tobt.
Kurzkommentar
Sicher, die Filmindustrie ist eine Unterhaltungs- und keine Belehrungsmaschinerie. Aber schmerzfrei unterhalten kann Jean Jacques Annauds verantwortungslose Heldenhymne, die das namenlose Massensterben in Stalingrad zu einem Cowboy-Drama vor einsamer Kulisse pervertieren lässt, nur jene, die Filmkunst mit keinem Gewissen in Beziehung setzen. Ungeachtet guter Darsteller ist der teuerste europäische Film der Geschichte auch gleichzeitig sein größtes Desaster.
Kritik
Von Stalingrad, dem Namen, der zu fast keiner Biographie mehr gehört, verbindet die heutige Generation nur noch die Andeutung, dass es damit etwas Besonderes auf sich hat. Direkte Berührung erzeugt es bei den Meisten nicht mehr, bei Einigen jedoch sogar eine gelegentliche Faszination wie kein anderes militärisches Ereignis des 2. Weltkrieges. Anders in der Erinnerung der noch wenigen Lebenden, die der Kesselschlacht um die Stadt an der Wolga im Winter 1942/43 entkamen und aus der Kriegsgefangenschaft zurückehrten. Da wirkt es als Mahnmal einer mörderischen Vernichtungsschlacht, in der jede humane Perspektive verloren ging. Auf deutscher Seite fielen von dreihunderttausend eingeschlossenen Mann in etwa zwei Drittel, einhunderttausend schleppten sich in die Gefangenschaft, letztlich überlebt haben nur etwa sechstausend. Die Opfer auf sowjetischer Seite waren noch erschreckender, gerade auch in der Zivilbevölkerung.
Die Geburt des deutschen Mythos "Stalingrad" ist jedoch schon ein Phänomen der NS-Propaganda, die die Agonie der 6. Armee in der Heimat erst verschwieg, um sie dann, als das Massensterben nicht mehr zu verbergen war, in einer abstrakten Scheinwelt als "Heldenepos" wieder aufgehen zu lassen. Fortan appellierte Stalingrad als "heiliger Schauer", "erhabenes Ringen" und "tragisches Heldenopfer" (so der NS-Jargon) ans Gemüt der deutschen Bevölkerung, die auf die Katastrophe vorbereitet werden musste. Spiegelbildliches, natürlich nur mit entgegengesetzter Wirkung, spielte sich auf sowjetischer Seite ab, die die erbitterte und letztlich erfolgreiche Verteidung der Stadt über den militärischen Sieg hinaus vielmehr als einen symbolischen Triumph feierte. Hier hatte, obwohl die Stadt nicht von herausragender militärstrategischer Bedeutung war und die Wehrmacht durch ein Versorgungsdebakel auch ohne ein Stalingrad in der Weite der Sowjetunion versackt wäre, der Mythos die Wirklichkeit schnell überlagert. Sie war ideologischer Brennpunkt, der bis zum Äußersten gehende Konflikt zweier Tyrannen, in deren Namen sich das unvorstellbare, namenlose Massensterben vollzog.

Der Einzelne war nichts, er wurde verheizt oder verhungerte (mehr Tode als durch Kugeln) und das Wort "Mensch" verlor seine Bedeutung. Soweit die Geschichte. Und wie nähert man sich ihr ungeschminkt? Im Film ist sie, und das ist das Problem jedes Kriegs- oder vorgeblichen Anti-Kriegsfilms, die Schlacht mit Gesicht, die große Rührung, das echte Abenteuer, letztlich in jedem Fall das, was bewältigt werden, was immer noch unterhalten kann; wir sind ja im Kino. Wo frühere Kriegsgemälde mit dem ideologischen Vorschlaghammer den Geist der Zeit trafen und Geschichte unverhohlen instrumentalisierten, wird Parteinahme heute hinter fragwürdigem Hyperrealismus, den minutenlangen Schockmetzeleien eines "Soldat James Ryan" versteckt, der im gut gepolsterten Kinosessel der Schrecklichkeit des Krieges ein begrifflichen Ausdruck verleihen soll. Und die Moral der Leinwandschlacht? Was ist von Filmen zu halten, die vernichtende Kämpfe, die Normandielandungen so "naturgetreu" wie möglich nachzustellen vorgeben, damit wir in sicherer Unmittelbarkeit den Adrenalinkick des Soldaten im Angesicht des Todes nachempfinden, damit wir durch lärmendes Körperzerfetzen uns gleichzeitig schockiert, unterhalten und belehrt darüber fühlen dürfen, wie falsch Krieg doch ist?

Fragen, die vor der wiedererstarkenden Popularität des Sujet an Gewicht gewinnen. Bevor Hollywood im Sommerkino den amerikanischen Fanal "Pearl Harbor" mit Radaupathos, Industrial Light & Magic Effects und schönen Schauspielern vergewaltigt und diverse andere Produktionen folgen, ist Jean-Jacques Annaud ("Der Name der Rose") in Europa an der Reihe, Kriegsgeschichte durch den Blickwinkel weniger Menschen zu vermitteln. So heißt es es immer. Dafür war die Betroffenheit auf der Berlinale, wo "Enemy at the Gates" als Eröffnungsfilm lief, umso größer. Annaud, von der vernichtenden Kritik brüskiert, fühlt sich ungerechtfertigt behandelt und will nie wieder ein Werk von sich auf dem Festival zeigen. Hoffen wir, dass er sein Versprechen einlöst. Der als Prestigobjekt und Konkurrenz zu Hollywood geplante Streifen ist mit 75 Millionen Dollar Budget der teuerste jemals in Deutschland produzierte Film - natürlich mit fast ausschließlich britischen Darstellern.

"Enemy at the Gates" täuscht nur vor, sich wie Vilsmaier in "Stalingrad", für die neuere Perspektive von "unten", für das Leiden des Soldaten zu interessieren, dient ihm das Sterben doch nur als Kulisse für seinen persönlichen Mythos, eben dem Heldenepos. Wo der Krieg keine Helden, sondern nur Opfer und anonymes Sterben kennt, wird er bei Annaud auf private Überschaulichkeit und das metaphorische Katz- und Mausspiel zweier Soldaten reduziert. Geschichtsnötigung und Perversion beginnen schon früher. Allein in der Eröffnungssequenz nimmt Annaud das 72-tägige Blutbad in Stalingrad ins Blickfeld, wenn Sowjetsoldaten mit Unterstützung des unverzeihlichen Klangschwulsts vom "Titanic"-Komponisten James Horner von den Deutschen dahingemetzelt werden; nicht nur emotional, sondern auch technisch ein Desaster. Der Großteil des Budgets wird beim ersten Angriff verpulvert, dennoch sieht man dem computergenerierten Horizont seinen digitalen Ursprung an, zudem ist die Kameraführung eine einzige Schlamperei.

Dann vollzieht Annaud ("es ist doch nur ein Film") das eigentlich Unglaubliche, wenn er sich dadurch, dass Stalingrad, wo täglich Tausende ein qualvolles Ende fanden, zur fast leergefegten Bühne eines Highnoon-Showdowns wird, von jedem filmischen Gewissen verabschiedet. Mag der Western, selbst ein Mythos, auch tot sein, die verantwortungslose Geschichtsklitterung wird so weit gedehnt, dass dieses Machwerk sogar den Eindruck suggeriert, vom Ausgang des Duells dieser beiden Stalingrad-Cowboys hätte der Ausgang des zweiten Weltkrieges abgehangen. Auch filmschaffende Freiheit muss ihre Grenzen haben, aber die, jede Historizität, die Millionen Toten von Stalingrad und nicht zuletzt auch die Intelligenz des Zuschauers beleidigt "Enemy at the Gates" in jeder Sekunde. Darf derart verirrte Geschichtsverzerrung, eine Triviliasierung des Ungeheuerlichen zur fast verlassenen Westentaschenstadt, wo sogar noch Raum für ein Hauch Lagerfeuerromantik und eine Sexszene (!) bleibt, erlaubt sein?

Schale Rührung, Mythos und statt Menschen Helden, die im Gegensatz zu Millionen alles andere als den anonymen Tod erleiden und das Schlachtenglück kontrollieren und sich in der verlassenen Ruinenwelt genussvoll duellieren können - das sich das als nicht-fiktional verkaufen möchte, ist unentschuldbar. Da mögen die tragisch verheizten, allesamt guten Darsteller auch ansehnlich davon abzulenken versuchen, dass das Schreckenssymbol des zweiten Weltkrieges hier auf eine schäbige Westernschablone, auf einen Schießbudenstand mit Liebeszutat heruntergerechnet wird. Aber das ist wohl der ästhetisch richtige Zugang zum nicht Darstellbaren. Wie Annaud mit "Enemy at the Gates" jedes Gewissen aus dem Kino verabschiedet, so gehört auch diese Katastrophe verbannt. Aber es ist ja nur ein Film, eine Metapher.


Cowboys in Stalingrad: skrupellos dümmliche Geschichtsvergewaltigung


Flemming Schock