Dolphins

Deutschland, 45min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Farhad Yawari
B:Farhad Yawari
D:Julia Brendler,
Marco Hofschneider
Inhalt
Das Mädchen Lara (Julia Brendler) lebt in einer psychiatrischen Anstalt. Dicke Mauern, verschlossene Türen, vergitterte Fenster - obwohl Lara nicht krank zu sein scheint, muss sie ihr Leben in Gefangenschaft verbringen. Eingesperrt in ein kahles weißes Zimmer, führt sie ein Dasein voll Einsamkeit. Doch sie will die dunkelsten Momente ihrer Gefangenschaft vergessen, entkommen und ihren eigenen Traum der Freiheit verwirklichen.
Kurzkommentar
Farhad Yawari glaubte an seine visionäre Kraft und schuf mit "Dolphins" einen der vielleicht anmutigsten Filme der letzten Zeit. Seine metaphorische Erzählung einer immerwährenden Sehnsucht ist ein pathetischer-kindlicher Rausch für die Sinne. Bilder von Freiheit, Weite, Harmonie und Schönheit ziehen den Zuschauer in eine fast magische Welt.
Kritik
"Dolphins" handelt von einem universalen Menschheitstraum, von Sehnsucht und individueller Freiheit. Gleichzeitig ließ er für den Regisseur selbst einen Traum in Erfüllung gehen, so dass seine Entstehungsgeschichte wenigstens so ausgefallen und interessant ist wie der Film selbst. Farhad Yawari, 25-jähriger Exil-Iraner, schmiss sein Studium an der Münchener Filmhochschule, weil die Umsetzung seiner visuellen Wünsche jeden studentischen Rahmen gesprengt hätte. So machte er sich voller Visionen selbst an die Arbeit, schrieb das Drehbuch und schaffte es in einem beinahe epochalen Kraftakt, die beeindruckende Zahl von 70 Sponsoren für sich zu gewinnen und damit immerhin 4,5 Millionen Mark einzustreichen - für einen 45 Minuten langen Kurzfilm und Stummfilm die größte jemals aufgebrachte Summe.
So wurde es Yawari möglich, mit freilebenden Delphinen die Kernsequenzen seines Bildermärchens in wirklich sinnhafter Art feszuhalten. In einigen Kulturen galt der Delphin, heute wohl Sinnbild von Grazie, geheimnisvoller Intelligenz und Anmut, als heilig, Yawari sieht in ihm wohl in erster Linie das schöne Symbol weiter Freiheit. Davon, und natürlich von der Liebe, im Assoziationsumfeld direkt neben Sehnsucht und Freiheit zu finden, erzählt "Dolphins". Und welches Kollektivmetapher bildet jene universalistischen Gefühle am besten ab? Richtig, das Meer - allerdings erst seit einem viertel Jahrtausend. Doch bei Yawari steht nur die Emotionalität und nicht ihre Historizität im Vordergrund. Die Erzählweise von "Dolphins", der natürlich suggerieren will, dass ein Blick, in diesem Fall ein Bild mehr sagt als tausend Worte und dass die Liebe zur Humanität und Freiheit eine übersprachliche Semantik hat, ist in ihrer Stilform höchstens mit Veit Helmers "Tuvalu" zu vergleichen. Beide zeichnen sich durch eine konsequent durchkomponierte Bilderflut aus, die bei Helmer fast und bei Yawari gänzlich stumm bleibt. Auf Dialoge wird "Dolphins" aus dem ersichtlichen Grund verzichtet haben, den allegorisch-musikalischen Traum ja nicht aus seinem harmonischen Schwebenzustand herunterzuholen und ihn für das individuelle Sinnerlebnis des Zuschauers als Projektionsfläche offen zu halten.

Der Ausbruchs- und Selbsterfüllungsgedanke, den Yawari mittels des Meer-Klinik-Kontrasts ohne Frage platt und naiv gestaltet, ist nun wirklich fast so alt wie der Mensch selbst, aber hier geht es allein um dessen Schönheit. "Dolphins" ist nichts weniger als eine Hymne auf den edlen Traum von Harmonie von Mensch und Natur, auf den unzerbrechlichen Glauben an das Gute im Menschen. Zuvorderst leisten die beiden Hauptdarsteller durch ihr verhaltenes, geheimnisvolles Auftreten Löbliches. Mit Julia Brendler als rebellische Träumerin hat Yawari zweifellos das Optimalste eingelöst, scheint doch gerade ihr hoffender Blick und ihre tiefblauen Augen etwas von der ersehnten Freiheit in Ozeantiefe widerzuspiegeln. Und da wir noch immer ein Märchen träumen, ist Marco Hofschneider der gute Prinz. Die stilistische Einheit des Films ist atemberaubend, die dahinfließenden Bilder ein Fest für die Augen und die sinfonische Musik die pathetisch wundervolle Abrundung. Dass hierbei die minimalistische Handlung sekundär und zudem reine Allegorie ist, stört kaum.

Da mag man behaupten, dass dieses Loblied auf die Gedankenfreiheit eine rein tränendrüsenaktiverende Kitschkanonade sei, ignoriert dabei aber die Tatsache, dass Yawari das Kunstück gelungen ist, ein formales Gesamtkunstwerk abzuliefern, das nicht umsonst internationale Beachtung fand. Und auch wenn diese zeitlose Menschheitsparabel, in ihrer Schönheit weitab jeder Alltagsrealität, in den Augen Einiger salbungsvoll gehypter Totalschwulst ist - darf das Schöne, das gesund Naive nicht pathetisch sein? "Dolphins" ist durch seine Ausnahmestilistik und dadurch, dass er sich seiner pompösen Gefühle nicht geniert ein beachtlicher deutscher Film.


Altmodisch märchenhafte Sehnsucht in berauschend schöner Verpackung


Flemming Schock