Dinosaurier
(Dinosaur)

USA, 82min
R:Eric Leighton, Ralph Zondag
B:Thom Enriquez
„Sie wollten zum Urknall geweckt werden, Monsieur”
Inhalt
Noch vor dem Schlüpfen von seiner eigenen Spezies getrennt, wird Aladar auf einem Inselparadies vom Clan der Lemuren aufgezogen; das Chaos bricht über sein Leben herein, als ein verheerender Meteoritenschauer ihn zwingt, sich einer Gruppe wandernder Dinosaurier anzuschließen, die verzweifelt versucht, sichere Brutplätze zu erreichen. Wasser und Nahrung sind knapp, die Bedrohung durch Carnotauren ist allgegenwärtig. In dieser Situation fordert Aladar, in dem Versuch zu zeigen, dass Anpassung der beste Weg zum Überleben sein kann, die starren Verhaltensweisen der Herde heraus.
Kurzkommentar
Später als die meisterhaft erzählende Konkurrenz sattelt Disney in in einem ehrgeizigen Projekt auf dreidimensionale Computeranimation um. "Dinosaurier" krankt an üblich schaler Moralattitüte, kündet aber durch bahnbrechenden "Naturalismus" von den Ausmaßen des Trickfilms im neuen Jahrtausend.
Kritik
Vordergründig mag alles den Schein des Alten haben: es ist November und nach dem in überkommener 2D-Technik gezeichneten, an der Kasse verlässlich erfolgreichen "Tarzan" liefert Disney auch in diesem Jahr den gewohnheitsmäßigen Familienfilm für die Vorweihnachtszeit. Dass nun mehr aber, nachdem Disney durch die früh digitalisierte Konkurrenz bei Pixar ("Das große Krabbeln","Toy Story 2") und deren Erfolge nachdenklich gestimmt wurde, nichts geringeres als ein revolutionärer Einschnitt im Hause des traditionellen Trickstudios anstehen würde, ahnte man nicht sofort.
Dabei ist die Entwicklungsgeschichte von "Dinosaurier" womöglich nicht nur die teuerste (der genaue Kostenaufwand wird wohlweißlich verschwiegen), sondern vor allem die längste: bereits 1994 begann man mit ersten Konzepten und bald waren in aller Welt Kamerateams unterwegs, um Material für die realen, einkopierten Hintergründe des enorm ambitionierten Kreidezeitepos zu sammeln. Sobald diesem im Kasten waren, ging es bei Disney daran, sich mit der harten Vorstellung und Aufgabe vertraut zu machen, nicht mehr mit mehreren hundert Zeichnern und Schneidetischen, sondern allein mit Hochleistungsrechner zu arbeiten. Disney läutete verspätet das digitale Zeitalter ein, will es aber direkt mit dem Urknall beginnen lassen. Und da man im Buhlen um die Zuschauergunst gerne mit Zahlen protzt, seien auch diese erwähnt: 200 dieser Rechnerbolliden sowie 300 Tischcomputer rechneten Jahre lang den vielleicht größten Datenberg der Geschichte zusammen: 45 Terabyte oder 45000 Gigabyte, und kein Byte scheint man nicht zu sehen.

Über den kindskonformen, durch Tiere vermittelten Plot um allgemeinnützige Wertevorstellungen, Mitleid und damit gegen Sozialdarwinismus muss nichts mehr gesagt werden; zu Weihnachten macht sich die Besinnung immer gut. Dankenswerterweise steht er aber ebensowenig im Mittelpunkt wie der sonst regelmäßig enervierende Gesang, denn dieser fehlt gänzlich. Nein, diesal begeht auch Disney den (endgültigen?) Sieg der Form über den Inhalt und präsentiert eine berauschende Show, die absolute Macht der Bilder, ergänzt durch perfekten Ton und stimmiges Ethnogetrommel. Die Konkurrenz von Pixar wird die liebevoll detaillierte Individualisierung ihrer Charaktere auch in Zukunft als dicken Pluspunkt verbuchen können, aber in "Dinosaurier" wird mit mächtigem Wort deutlich, wer bis zum nächsten Rechnerresultat die Krone trägt. Die komplett computergenerierte Welt eines "Toy Story 2" wirkt plötzlich völlig steril, ja, fast deklassiert.

Wenn Disney mit "Dinosaurier" eines endlich wieder erreicht hat, dann das Ziel der Unterhaltung aller Alterstufen. Allein die brutalen Kampfszenen mögen auf Kleinkinder irritierend wirken. Die Eröffnungssequenz, wohl die beste des Films, ist in der bisherigen Filmgeschichte beispiellos, zeigt reale, paradiesgleiche Landschaftsaufnahmen in sagenhaft glaubwürdiger Bildsynthese mit den digitalen Ereignisträgern. Die Dinohaut scheint annähernd organisch, die Affenhaare sind bis in die Spitzen phänomenal animiert, die Feinarbeit der Texturierung ist grenzenlos. Nur schwerlich ist man aus dem Staunen darüber zu bringen, mit welcher Lebendigkeit prähistorische Zeiten hier ins Leben geraten. Gleichwohl kann man lamentieren, dass ohne quasselnde Urvieher ein ungleich beeindruckender Dschungelexkurs möglich gewesen wäre und dass "Dinosaurier" sich gegenüber einem inhaltswizigen Pixar-Projekt als reiner Hingucker und hohle Wundertüte entpuppt.

Aber was zählt das, wenn der Trickfilm das Tor ins neue Jahrtausend mit derartiger technischer Vollkommenheit aufstößt, deren Zeuge man noch nicht einmal ganz wird: "Dinosaurier" sollte Ausgestorbenes wiedererwecken und gleichzeitig mit hierzulande noch nicht möglicher digitaler Projektion das Aussterben des konventionellen Analogfilms bezeugen. Doch auch im "normalen" Bild, das nur ab und an unscharf wirkt, ist die Bilderflut überwältigend und verschafft inhaltlich verzichtbares, höchstes Formerleben. Bleibt nur zu hoffen, dass in Zukunft nicht allein Rechnerkapazitäten und visuelle Phantasie, sondern gerade im Hause des traditionsbehaftetsten Zeichenstudios auch erzählenswerte Geschichten den Ton angeben werden. Bis dahin mag die triumphale Stilübung von "Dinosaurier" vergessen sein, denn eine neue Begeisterungswelle, wie seinerzeit noch "Jurassic Park", wird durch die inflationären Dinodialoge wohl kaum losbrechen.


Epoche machender Grafikblender mit verschmerzbaren Disney-Stereotypen


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
"Dinosaurier" ist offensichtlich nur auf Optik und Akustik getrimmt und dürfte insofern die Erwartungshaltung der Zuschauer erfüllen. Nach diversen Dino-Filmen und Dokumentationen ist aber irgendwie schon nach einer halben Stunde die Luft raus und außer Kindern und Animationsfreunden gerät der Rest eher zur Routine, denn zum Abenteuer....