Cube

Kanada, 90min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Vincenzo Natali
B:Grame Maenson,Andre Bijelic
D:Nicole de Boer,
Nicky Guadagni,
David Hewlett,
Maurice Dean Wint
„Dort draußen findest Du nur Stumpfsinn - Macht nicht gerade das die Menschen so liebenswert ?”
Inhalt
Als Beitrag des Berliner Filmfestivals lief der kanadische Science-Fiction Thriller "Cube" schon 1998 in Deutschland, schafft aber erst jetzt den Sprung in die regulären Vorstellungen. Und wie es sich für einen finanziell wenig betuchten Independent-Streifen gehört (300.000$ Budget, 20 Tage Drehzeit), überzeugt der Film zunächst allein mit seiner Idee: Personen wachen ohne erkennbaren Zusammenhang in einem futuristisch anmutenden würfelförmigen Raum auf, der an jeder Seite eine Art Tür besitzt. Jede der Türen führt in einen bis auf die Wandfarbe beinahe identischen Raum mit folgendem "geringfügigen" Unterschied: manche Räume sind mit tödlichen Fallen ausgestattet. In diesem furchterregenden Konstrukt begegnen sich nun sechs scheinbar völlig unterschiedliche Menschen, die versuchen das Rätsel um den Kubus zu lüften und den Fallen aus dem Weg zu gehen...
Kurzkommentar
Mit "Cube" präsentiert der kanadische Jungregisseur Vincenzo Natali ein experimentierfreudiges und im Grundkonzept fast schon geniales Science-Fiction Abenteuer, das seinen intelligenten Ansatz leider in Hollywood-geschnitzten Charakteren und inkonsequenter Ausarbeitung verliert. Hier wäre eindeutig mehr drin gewesen.
Kritik
(Achtung: Spoiler voraus!) Und wieder ein Film der Kategorie "Potential ungenutzt". Die vielversprechende, fast geniale Grundidee stellt eigentlich ein großartiges Firnament für Gesellschaftskritik, Charakterzeichnung oder Lebensphilosophie dar, aber so sehr sich "Cube" auch um einen aussagekräftigen, rein metaphorischen Plot bemüht - der Streifen ist längst nicht so intelligent, wie er sein möchte.

Das liegt zum einen daran, daß die in den Kubus verbannten Charaktere nur allzu filmtypisch sind, zum anderen daran, daß der Ausgang und die damit verbundene Aussage des Films leider zu oberflächlich und fast naiv bleibt. Ein Polizist, der seine Aggresionen nicht unter Kontrolle hat, eine hysterische Ärztin und Verschwörungstheoretikerin, eine einzelgängerische Mathematikstudentin, ein manisch-Depressiver und ein Autist, der - eine weitere gängige Entwicklung - als Unschuldslamm im sinnlosen Chaos der Splatter-Fallen unter keinen Umständen sterben darf. So innovativ das Grundkonzept auch ist - in Sachen Charakter- und Plotentwicklung läßt der Kubus erfrischenden Neugeist vermissen.
Jeder verhält sich so, wie man es nach Klärung der einzelnen Berufsbilder/Vergangenheiten erwarten konnte. Der bullige Quentin dreht irgendwann durch, die Ärztin fällt ihren Wahnvorstellungen zum Opfer, die Mathematikerin stößt an ihre Grenzen, Worth ist in seiner Depression irgendwann alles gleichgültig und der Autist entpuppt sich als geniales Köpfchen.
Die Tatsache, daß es sich innerhalb der Gruppe um teils völlig andere Lebensansichten und -einstellungen handelt kann sich nie richtig entfalten und so bleibt auch hier das Potential einiger konfliktträchtiger Verhältnisse nur auf der oberflächlichen handgreiflichen Ebene. Von einem Low-Budget Film mit solch intelligentem Grundkonzept konnte man eigentlich eine ebenso intelligente Ausarbeitung erwarten: Fragen nach dem Sinn des Lebens werden nur angerissen, die Vor- und Nachteile diverser Lebenseinstellung nicht kritisch durchleuchtet und die ebenso potentielle Frage nach dem Big-Brother gerät vollkommen in den Hintergrund.

Mehr und mehr konzentriert sich der Film auf die tückischen Fallen und wie die Gruppe sich durch den Würfel kämpft. Dabei bleibt das Geschehen zwar immer packend und atmosphärisch - auf Splattereffekte derber Machart hätte trotzdem verzichtet werden können. Gut auch das Voranschreiten der ungleichen Charaktergruppe: meist zur rechten Zeit entdecken die Gefangenen neue Details und Kniffe, die das Rätsel um das würfelförmige Konstrukt ein wenig mehr aufklären - bis schließlich Rubik's Cube in Reinform übrigbleibt.

Über die den Kampf ums Überleben immer wieder störenden kleinen Storydetails (der nicht ganz schlüssige Mord an Ärztin Holloway, das hollywoodreife Comeback des 'Bösewichts' Quentin) könnte man noch gnädig hinwegsehen, wäre da nicht der Gesamtkonsens des Films.
Zwar wird die mögliche Intention des Kubus hier und da immer wieder angerissen, der auf unsere Welt übertragende Schluß kann allerdings nur lauten: Think positive. Worth merkt (etwas aufgesetzt) an, daß sich außerhalb des Kubus nur Stumpfsinnigkeit und Aggression befinden, Leaven entgegnet, daß gerade dies die Menschheit so liebenswert macht: ihre Fehler, ihre Tolpatschigkeit, ihre Naivität. Quentin erwähnt zu Beginn, daß jeder irgendein bindendes Element in seiner Außenwelt besitzt: eine Frau, Kinder oder simple Leidenschaft in irgendeinem Lebensbereich. Die Liebe als rettendes Element hätte ein strapaziertes, aber lohnenswertes Zugpferd dargestellt - doch auch dieses Element bleibt unangetastet.

Übrig bleibt der Autist: apathisch geht er dem hellen Licht, dem Ungewissen, entgegen. Und wieso überlebt ausgerechnet er ? Zufall ? Tiefsinnigere Aussage ? Weil er der Einzige ist, dem man keine "Schuld" zusprechen kann und in seiner Verantwortungslosigkeit derjenige ist, der für keine Taten büßen muß ? Wohl kaum: welchen Grund hätte dann der Tod der liebenswerten Mathematikerin Leaven ? So hart es klingen mag: Kazan überlebt wahrscheinlich nur, weil der Tod eines Unschuldigen unmoralisch und geschmacklos gewesen wäre.

Trotzdem muß man dem Film den Verzicht auf eine eindimensionale Erklärung (menschliches Experiment, Verschwörung, GameShow, womöglich sowas Schlechtes wie Außerirdische) hoch anrechnen: schon eine einfache Außenansicht des Kubus hätte der Grundidee seine Faszination genommen und jeglichen Reiz zerstört. Und so bleibt stilistisch und atmosphärisch bestechende Science-Fiction, deren Aussage sich auf ein weitläufiges "die Menschen sind doch gut" reduziert - jede tiefsinnigere Auslegung wäre überinterpretiert.

Wenig Tiefgang, oberflächliche Aussage, aber atmosphärische Verpackung.


Thomas Schlömer