Cookie's Fortune

USA, 117min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Robert Altman
D:Glenn Close,
Liv Tyler,
Chris O´Donnell,
Julianne Moore,
Ned Beatty
L:IMDb
„..., weil ich mit ihm angeln war”
Inhalt
Irgendwo in den Südstaaten am Mississippi liegt Holly Springs, ein verschlafenes Nest, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Von der Gemächlichkeit des kleinstädtischen Treibens nimmt die alte Cookie (Patricia Neal) keine Notiz. Die Familienverhältnisse sind zerrüttet, sie hat den Tod ihres vor langer Zeit dahingeschiedenen Mannes nie überwunden und lebt wehmütig nur noch in der Vergangenheit. Von der Hoffnung beseelt, endlich wieder zu ihm und Glück zu finden, beschließt sie, sich zu erschießen. Ihre Nichten, die verhasste, überkandidelte Camilla (Glenn Close) und die begriffsstutzige Cora (Julianne Moore), finden die Tote. Zynisch zeigt sich Camilla nicht über den Verlust der Tante, sondern nur darüber entsetzt, dass ein Familienmitglied 'ehrlosen' Selbstmord begehen konnte. Kurzerhand isst sie Cookies Abschiedsbrief und inszeniert eine 'dramaturgische Umgestaltung' des Tatortes, damit alles nach Mord aussieht. Bald wird aufgrund von fehlinterpretierten Fingerabdrücken Willis (Charles S. Dutton), der arglosen Haushälter von Cookie, als einziger Verdächtiger festgenommen. Doch glaubt in der familiären Atmosphäre der Stadt niemand so recht an seine Schuld...
Kritik
Seitdem Robert Altman mit seinem Regiedebut, der schwarzhumorigen Militärkomödie 'M.A.S.H.', zu Beginn der siebziger Jahre schlagartig berühmt wurde, haftet seinen seltenen Filmen der Ruf detailversessener, sarkastischer Experimentalität an. Die Beziehung zum Geldgeber Hollywood blieb stets prekär und wurde zuletzt 1992 in 'The Player', ausgerechnet einer Satire auf Hollywood, erneut strapaziert. Danach kam 1994 der eher belanglose Laufstegversuch 'Pret-à-Porter' und zuletzt 1998 mit dem 'Gingerbread Man' als Grisham-Adaption der Beweis, dass nicht alles unter der Hand Altmans zu Gold wird.

'Cookie´s Fortune' ist nun ein überraschendes Resultat, denn Altman meldet sich in Höchstform mit einer satirisch angehauchten Südstaatenkomödie zurück. Der ironische Untertitel 'Aufruhr in Holly Springs' erfasst treffend die gesamte Atmosphäre, in der nichts so fremd bleibt wie Aufregung. Der entspannte Flair der Szenerie trägt denn wohl die 'Handschrift des Altmeisters', wenn alles am ehesten in seinem stoischen Gang an irgendeine Wiskey-Reklame aus dem Fernsehen erinnert, in der der Zeitbegriff aus den Angeln gehoben scheint. Im örtlichen Spirituosenladen heisst es auf einem Schild lakonisch trocken: 'Hier geschah im Jahre 1897 nichts'. Hier, wo man den Blues wirklich lebt und das Angeln noch ernsthafteste Herausforderung und erklärte Leidenschaft der Männer ist, hat das 20. Jahrhundert keine Spuren hinterlassen. Den Entwurf dieser träumerisch verödeten Idylle begründet Altman auf einem Erzählstil, der Einzelschicksale detailgenau ins Blickfeld nimmt und sie, weil jeder jeden kennt, wieder miteinander verwebt.

Zwar ist diese Idee der episodischen Erzählweise nicht sonderlich originell, aber Altman gelingt es, das Leben in komtemplativen Begriffen einer toten Zeit und würdevollen Ruhe auszubreiten. Zu wissen, wie man der Vorstellung des Alters filmisch zu begegnen hat, demonstriert Altman vorbildlich mit Patricia Neal als 'Cookie'. Von Beginn an wird klar, dass sich der Reiz des Filmes in keinem konventionell 'spannenden', eindimensionalen Erzählmuster niederschlägt. Denn Altmans multiperspektivischer Sichtweise ist an lebendigsten Charakteren gelegen, deren Eigenarten der Zuschauer genüsslich studiert. So ist es nicht sonderlich aufregend zu wissen, dass Camille den Selbstmordversuch ihrer Tante zu vertuschen versucht. Zu banal wäre es, wenn dann die Aufklärung des Selbstmordes das einzig zu verfolgende Moment des Filmes wäre. Nein, das Niveau ist höher, wenn Altman seine illustren Typen vom Leben erzählen und sie vollkommen menschlich wirken lässt. Hierbei ist das Geschehen um Cookie nur Ausgangspunkt für einen tiefen Einblick in die Seelenzustände der Einzelnen. Es sind seltsame Momente von Wertgefühl und Würde, wenn die alte Cookie langsam und schwerfällig die Treppe ihres Hauses hochsteigt, um sich mit einem Revolver ihres geliebten Mannes (Marke 'Peacemaker') zu erschießen. Dass sie den Selbstmord in der erlösenden Überzeugung vollzieht, bald wieder mit ihrem Gatten vereint zu sein, ist für sie vollkommendes Glück und Frieden, was in leichten, erhabensten Bildern eingefangen wird: Nach dem Schuss schweben nur die Federn des Kissens, das sich Cookie vor den Kopf hielt, durchs Zimmer.

Vor dem Hintergrund ihres mit milder Ironie betrachteten Todes entfaltet Altman nun das Eigenleben der schillernsten, unterschiedlichsten Typen. 'Glück' scheint für sie kein abstrakter Zustand, sondern allgegenwärtig und doch gleichgültig zu sein. Da ist zum einen Charles S. Dutton, Cookies alter Freund und Haushälter, der die bizarren, 'altersbedingten' Merkwürdigkeiten von Cookie akzeptiert. Als es heisst, sie wurde ermordet, bricht für ihn eine Welt zusammen. Dutton ist in seiner tragenden Rolle schlichtweg der Inbegriff von Gelassenheit, totaler Ruhe und Liebenswürdigkeit. Er ist schwarz, dick, gemütlich und bei allen beliebt - das erste Original in einem Film, der sich auch durch entspannten, milden Humor trägt. So ist die Szene, in der die gläzend agierende Glenn Close den Abschiedsbrief ihrer Tante kaut, während sie Cora (Julianne Moore) über ihren Plan instruiert, einfach zum Schreien komisch pointiert.

Deutlich wird, dass die in einem Altman-Film mitspielenden Schauspieler ihre Rollen voll auskosten und mit Genuss tragen. So überzeugt Gleen Close als arrogant überdrehte Egomanin, Julianne Moore als leicht debile Cora und Ned Beatty als kumpelhafter, angelnder Sheriff Lester Boyle. Auch die Jungstars Chris O´Donnell als ungestümer Sheriffsgehilfe, der Liv Tyler als latzhosentragende Fischlieferantin liebt, leisten mehr, als nur gut auszusehen. Selbst scheinbar belanglose Nebenrollen, wie der Barbesitzer und dessen urige Bluessängerin sind als echte Personen harmonisch ins Gesamtbild integriert. Die verschrobenen Figuren werden durch präzise, humorvolle Dialoge und liebenswerte Erzähldetails konsequent aufgebaut. So steht die Zelle von Willis (mit dem der Sherrif angeln war) immer offen und verwandelt sich zum sozialen Treffpunkt, wo Anwalt, Sheriff und Mordverdächtiger Scrabble spielen. Zudem gelingt es Altman überaus geschickt, die geprobte Theaterhandlung eines presbyterianischen 'Salome'-Stückes mit dem externen Geschehen zu verweben. Die Kameraführung von Toyomichi Korita ist in weich geschnittenen, ruhevollen Bildern gehalten und von dezent wirkungsvoller Bluesmusik untermalt. Der gewachsene Zusammenhalt, das Leben der Gemeinschaft scheint auch durch das Fremdglied Camille nicht erschütterbar, denn schließlich wird doch wieder gemeinsam schweigsam geangelt und die stillstehende Zeit erlebt. Mit 'Cookie´s Fortune' glückt Altman eine nuancierte Kleinstadtstudie mit feinsinniger Ironie und großartigen Schauspielern.

Whisky, Blues und simples Glück - feinfühlig satirische Südstaatenparabel


Flemming Schock