Chicken Run - Hennen rennen
(Chicken Run)

USA, 91min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Peter Lord, Nick Park
B:Peter Lord, Nick Park
„It´s raining hen”
Inhalt
Die Hühner Ginger, Bunty, Babs und Mac sind fest entschlossen, ihrem Schicksal als Geflügelpastete zu entgehen und träumen von einer grünen Welt jenseits ihrer eingezäunten Eierfarm. Doch so einfach ist es nicht, in die Freiheit zu gelangen: die böse Mrs. Tweedy und ihr tumber Ehemann ertappen sie bei all ihren irrwitzigen und noch so ausgeklügelten Fluchtversuchen. Als der amerikanische Zirkus-Hahn Rocky auf der Hühnerfarm bruchlandet, sieht Ginger endlich den rettenden Ausweg: sie und die anderen Hühner werden die Farm einfach fliegend verlassen und Rocky muss ihnen dabei helfen. Zusammen werden sie beweisen, dass sie keine dummen Hühner sind. Sie planen einen spektakulären und äußerst gewagten Ausbruch.
Kurzkommentar
Spätestens jetzt mit "Chicken Run" sollte jeder Kinogänger auf die detailverliebten Künstler bei Aardman aufmerksam geworden sein. Wenn auch nicht ganz so ideenreich wie bei den Vorbildern "Wallace & Gromit" und weniger spritzig als die "Konkurrenz" bei Pixar, so sind die rennenden Hennen aufgrund ihrer absolut liebenswerten Charaktere und trotz allem wunderbar-schrägen Ideen definitiv den Kinobesuch wert.
Kritik
Trotzdem die drei "Wallace & Gromit"-Abenteuer noch nie einem großen Publikum in Deutschland vertraut gemacht worden sind, dürften die Vorzeigefiguren der Aardman-Studios doch vielen bekannt sein. Das Stop-Motion-Verfahren in Verbindung mit Knetfiguren wird außerhalb der Aardman Studios allenfalls noch für das "Celebrity Deathmatch" bei MTV verwendet, was die Kunst an sich schon faszinierend macht. "Chicken Run" ist nun der erste abendfüllende Spielfilm der kreativen Briten - ein Kinofilm mit den beiden Hauptstars Wallace & Gromit soll in ferner Zukunft folgen.

Nun: für Kenner eben dieser Beiden muß "Chicken Run" eigentlich eine klitzekleine Enttäuschung sein. Bevorteilt durch die kurze Dauer der "Wallace & Gromit"-Abenteuer (um die 20-25min jeweils) können diese mit einer höheren Ideen- und Gagdichte auftrumpfen, bieten teilweise schnellere "Action"-Szenen und sind von den Grundideen noch einen Tick absurder und damit witziger ("The Wrong Trousers", "A Close Shave") als die rennenden Hennen. Solch hochkinetische Szenen wie beispielsweise die Eisenbahnjagd in "The Wrong Trousers" oder die Rettung in "A Close Shave" erblickt man in "Chicken Run" recht selten. Genaugenommen nur zweimal: bei der Rettungsaktion in der Pastetenmaschine und beim finalen Fluchtversuch. Dabei kann eigentlich nur Letztere vollkommen überzeugen, der Kampf mit dem Monster Pastetenmaschine wirkt vergleichsweise schwach und aufgesetzt.

Doch die Qualität eines solchen Streifens sollte sicher nicht an bloßen Actionszenen gemessen werden. Im Vordergrund stehen liebevolle Charaktere, aberwitzige Ideen und ein absurdes, fast schon geniales Szenario. Und hier kann "Chicken Run" voll auftrumpfen. Ginger, Rocky, Babs, Düsentrieb-Verschnitt Mac, "Offizier" Fowler, Mr. und Mrs. Tweedy oder die beiden Gaunerratten haben allesamt mehr Charisma als die meisten Hollywoodfiguren. Sie sind liebenswert, haben ihre Eigenarten (mein Favorit: Babs hat immer ihr Strickzeug mit), bleiben interessant und - so absurd sich das anhören mag - sie sind dem Zuschauer nicht egal. Natürlich rollen hier keine Tränen, aber man gewinnt die pummeligen Knethühner ebenso lieb wie kleine Mädchen ihr glücksbringendes Stofftier. Besonders deutlich wird die Vertrautheit zu den kleinen Lebewesen beispielsweise, als Fowler offenbart, daß er natürlich noch nie ein Flugzeug der Armee fliegen durfte. Er sei schließlich nur ein Hahn - und wer läßt schon Federviecher Flugzeuge fliegen.

Daß man jede Persönlichkeit dabei leicht in eine Schublade stecken kann, stört im kunstvollen Knetszenario ebensowenig wie in der ähnlich behutsam geschaffenen Welt von "Toy Story". Dieser Film soll Spaß machen wie kein anderer. Und das gelingt ihm über weite Strecken. Das Leben aus der Sicht von Legehennen an sich wirkt - untermalt von der schräg-verspielten Musik aus dem Hause Media-Ventures - schon herrlich frisch und so ziemlich jede denkbare Anspielung auf Hühner, Eier oder allem, was damit zusammenhängt, wird ausgereizt. Nicht immer hundertprozentig gelungen, aber doch mindestens amüsant. Manche Wortwitze zünden wahrscheinlich auch aufgrund der Synchronisation nicht und ob Nick Park und Peter Lord Witze über Holland und Moorhühner im Sinn hatten, darf auch bezweifelt werden. Da in den wenigstens Kinos aber die Originalversion von "Chicken Run" laufen dürfte, muß sich der Zuschauer auch mit dem deutschen Äquivalent zu Mel Gibson rumschlagen: Ingolf Lück. Zwar passt seine Stimme einigermaßen und der permanente ironische Unterton kommt ganz gut, Mel Gibsons Machoimage geht dabei aber natürlich unter. Köstlich hingegen der schnelle, sich überschlagende holländische Akzent von Erfinderin Mac und die Synchronstimmen der anderen Hühner, die alle Charaktere so liebenswert tolpatschig und naiv erscheinen lassen.

Wohlgemerkt befinden sich die wenigen Kritikpunkte also auf dem Level der Superlative. Der Film ist allemal sehr gut, nur eben kein geniales Meisterwerk wie man nach den drei "Wallace & Gromit"-Abenteuern erhoffen konnte. Und die Ideenvielfalt, mit der die Aardman-Studios aufwarten ist natürlich absolut bewundernswert und macht Lust auf noch viiiiel mehr. Allein zur Erhaltung der wunderbaren Kunst "Knetanimation" sollte ein Kinobesuch Pflicht sein.

Kurzweiliges Abenteuer in hochamüsantem Szenario


Thomas Schlömer