Brot & Tulpen
(Pane e tulipani)

Italien, 114min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Silvio Soldini
B:Silvio Soldini, Doriana Leondeff
D:Licia Maglietta,
Bruno Ganz,
Marina Massironi,
Giuseppe Battiston
L:IMDb
„Dies ist eine Unternehmung unter Beteiligung dreier Personen zur Zurückholung von Frau Rosalba!”
Inhalt
Als sie bei einem Bus-Urlaub einfach an der Rastätte vergessen wird, beschliesst Rosalba Barletta (Licia Maglietta), nicht mehr zu ihrer Familie zurück zu kehren, sondern einen Abstecher nach Venedig zu machen. Doch als sie dort den charmanten Fernando (Bruno Ganz) kennenlernt, verlängert sie ihren Aufenthalt kurzerhand um ein paar Tage. Und als sie in Grazia (Marina Massironi) eine neue beste Freundin kennenlernt und beim griesgrämigen Blumenhändler Fermo (Felice Andreasi) ihren Traumberuf findet, verwirft sie alle Pläne überhaupt zurückzukehren. Doch ihr Ehemann (Antonio Catania) sieht das anders, und setzt einen Privatdetektiv (Giuseppe Battiston) auf Rosalba an. Doch damit nicht genug, auch Fernando scheint noch unaufgedeckte Geheimnisse zu haben.
Kurzkommentar
"Brot & Tulpen" ist völlig zurecht einer der Dauerbrenner in den kleinen (Kunst-)Kinos. Liebenswert, charmant, und wenn auch mit einem leichten Spleen, so doch irgendwie sehr wirklichkeitsnah. Regisseur Silvio Soldini inszeniert äußerst gekonnt eine Komödie, die ihre Charaktere nicht zu Clowns macht oder ins Belanglose abdriftet, sondern die Herzen der Zuschauer erfrischt.
Kritik
Dam-Dam-Dam-Dabada. Das Leben ist ein Tango. Nicht immer leicht, es folgt komplizierten Regeln, hält immer unerwartete Wendungen bereit, ist letzlich aber von nicht zu überbietender Schönheit. An dieser Weisheit orientiert sich auch Regisseur Silvio Soldini, und inszeniert seinen Film entsprechend. Tatsächlich folgt "Brot & Tulpen" auch formal der Tango-Vorgabe. Nicht nur hält die Geschichte immer neue Wendungen bereit, die immer dann über den Zuschauer kommen, wenn er sich gerade an die wenigen geraden Schritte in eine Richtung gewöhnt hat, nein, auch die einzelnen Szenen sind schnitttechnisch entsprechend arrangiert: In jenen Momenten, in denen der Zuschauer exakt weiss, was nun folgen muss, blendet der Film ab, und verfolgt eine neue Richtung.

Glücklicherweise führt das allerdings nicht zu einer gebrochenen Handlungskette, sondern erhöht zum einen die Spannung, und erspart dem Zuschauer zugleich die gewohnten banalen Film-Platitüden. Das ist alles sehr herzerfrischend - aber da mit nicht genug. Venedig, mag man denken, das wird so ein Film, der die Schlüsselszenen vor bekannter Kulisse inszeniert, Marcus-Platz, Dogen-Palast, Santa Maria della Salute. Aber nein, auch hier gibt sich der Film völlig bodenständig, und umgeht diese allzu typischen Szenen mit Witz: Der erste Blick auf Venedig ist der auf das grosse Parkhaus, das alle Besucher gleich nach der Ankunft wenig ästhetisch grüßt. Und berühmte Stellen und Plätze, Gebäude und Aussichten kommen ebenfalls nicht direkt vors Objektiv und damit platt auf die Leinwand, sondern immer geschickt versteckt - als kaum wahrnehmbarer Hintergrund in weiter Ferne, als Spiegelung auf einer Sonnenbrille.

Um all diese Feinheiten herauszufinden, müsste man den Film wohl mehrmals sehen. Auch enthält er ein paar Stellen, die man wohl nur als Italiener(in) versteht - sie sind zwar prominent platziert, ihr Sinn wird dem deutschen Kinogänger aber nicht ganz klar. Nichtsdestotrotz ist diese ganze Raffinesse des Inszenierung nicht nur Blendwerk, vielmehr unterstützt sie die Handlung, die Geschichte. Die Bedeutung einer Szene wird nicht künstlich aufgewertet, nur weil im Hintergrund ein Postkartenmotiv gefällt. Zugleich aber spielt der Film natürlich nicht zufällig in Venedig, der vielleicht morbidsten Stadt Italiens, die auf schwankendem Grund gebaut ist. Auch das ist Sinnbild für den Film, denn das gleiche gilt für die Hauptpersonen.

Die, wie man gemeinhin sagen würde, beste Zeit ihres Lebens haben sie bereits hinter sich, doch das Fundament ihres Lebens bröckelt. Rosalba erkennt, dass ihre Beziehung zu ihrem Mann sie kaum erfüllt, und ihre Aufopferung für die Familie sich insofern relativiert, als die Kinder erwachsen sind, und keiner Hilfe mehr bedürfen. Welche Perspektiven bleiben da noch für das restliche Leben? Wenige. Was also wäre besser, als sich nochmal neu zu verlieben, diesmal in den richtigen Mann, in den Schöngeist, nicht in den Toilettenartikel-Händler. Doch auch Fernando steht nicht fest im Leben, im Gegenteil, mehr als einmal stand er schon auf jenem Hocker, den man schlussendlich selbst unter sich wegstossen muss - auch seine Familiengeschichte alles andere als erfüllend. Und damit sind sie nicht alleine, Rosalbas bester Freundin geht es wenig anders. Und so beginnt eine muntere Geschichte um Missverständnisse, Privatdetektive, Ehemnänner, und die Liebe.

Das ganze ist recht klassisch aufgebaut, kann aber dennoch durch viele kleine Veränderungen Eigenständigkeit bewahren. Den ganz besonderen Charakter erhält der Film aber durch den Italien-Faktor. Der ist schwer zu beschreiben, aber ein jeder Besucher wird ihn sofort erkennen. Denn auch abgesehen von Namen und Schauplätzen könnte so ein Film hierzulande kaum gelingen. Das ist insofern lustig, als weder der Tango eine italienische Erfindung noch Bruno Ganz ein italienischer Schauspieler ist, was den Film schon wieder international macht, aber der "italienische" Blick aufs Leben ist einfach unverwechselbar. Am besten, Sie sehen sich den Film selbst an, und geniessen einen lustigen, beschwingten Abend.

Beschwingt wie ein Tango, schön wie Italien


Wolfgang Huang