Bringing Out the Dead

USA, 118min
R:Martin Scorsese
B:Paul Schrader
D:Nicholas Cage,
Patricia Arquette,
John Goodman,
Tom Sizemore
„...und wieso verleugnen, dass man für diesen einzigen Moment Gott war?”
Inhalt
Der New Yorker Rettungssanitäter Frank Pierce (Nicholas Cage) droht unter den Anforderungen seines Jobs zu zerbrechen. Die psychologische Belastungsprobe steht jedoch bevor, als die Geister der Toten ihn in seinen Träumen heimsuchen. Aufgezehrt von dem Leid, mit dem er täglich konfroniert wird, trifft Frank auf Mary (Patricia Arquette), deren Vater er als Komapatienten in die Notaufnahme bringt. Mary hat ihre eigenen Sorgen, ihre Drogenvergangenheit, die sie einholt - doch Frank sieht auch die Wärme und Menschlichkeit in ihr und er klammert sich daran, in der Hoffnung, sie und sich selbst zu retten.
Kurzkommentar
Martin Scorseses ("Taxi Driver") drastisch gezeichneter Alptraumodyssee eines zu zerbrechen drohenden Rettungssanitäters mangelt es an äußerer Handlung. Die Psychologie der Personen hätte zudem besser ausgelotet werden können, aber insgesamt entwickelt sich ein realistisches und darum schwerverdauliches Drama ohne Chance auf Läuterung.
Kritik
Ohne Martin Scorsese würde der Filmgeschichte ein wesentlicherr ein provokanter wie inspirierender Baustein fehlen. Sein letztes Werk, das religiöse Portrait "Kundun" unterschied sich frappierend vom richtungsweisenden und explosiven "Taxi Driver", den Scorsese vor einem Vierteljahrhundert schuf. In dessen Mittelpunkt steht Travis Bickle (Robert DeNiro), ein Mann, der in Anlehnung an alte, "kafkaeske" Motive von der den Menschen zerreibenden Umwelt isoliert und deformiert wird. Er endet als zorngetriebender Soziopath. Seine Hilflosigkeit mündet nicht tatenloser Ohnmacht, sondern in der drastischen Entladung von Gewalt, die paradoxerweise wiederum zur Anerkennung durch die Gesellschaft führt.
Jetzt kehrt Scorsese, der in seinem Oeuvre auch stehts eine Widmung an die Filmgeschichte sieht, zurück an den Schauplatz des Hexenkessels der Großstadt. Die Analogien machen unübersehbar, dass "Bringing out the Dead" von "Taxi Driver" inspiriert worden ist und prinzipiell dessen Gegenentwurf darstellt, ohne jedoch in simpler Rezitation zu verharren. Es scheint denn vielmehr eine Fortschreibung und Variation der zeitlosen Thematik zu sein. In den Zentren beider Filme stehen seelisch ausgebrannte und atemlose "Helden" und die Hoffnung auf individuelle Erlösung. Aber in den seit "Taxi Driver" verstrichenen 25 Jahren hat Travis Blickle seine pervertierte Gewalt fallen lassen und ist zu Frank Pierce (Nicholas Cage) geworden, der Absolution und Hoffnung für seine zerrissene Seele im Beruf des Rettungssanitäters sieht. Bickle tötet, Pierce rettet. Hier wie dort geht es auch um Wahnsinn und stumme Verzweifelung, die Frank Pierce in der Überantwortung seines Lebens an einen extremen Beruf zu ersticken sucht. Für den Film, der auf einem autobiographischem Bericht des wirklichen Rettungssanitäters Joe Connelly fußt, arbeitete Scorsese zum ersten Mal seit "Taxi Driver" wieder mit Paul Schrader zusammen, der somit für beiden Filme das Drehbuch verfasste. Schon allein die Idee, die Geschichte eines rastlos kämpfenden Rettungssanitäters zu erzählen, verdient Beachtung.

Aus "Bringing out the Dead" ist erwartungsgemäß ein wichtiger Film geworden. Und auch die schockmäßige Umsetzung ist, ohne einen weit ausholenden Film über die Essenz New Yorks zu drehen, bemerkenswert, wenn auch schwer verdaulich. Die Stadt hat sich aus der Perspektive von Frank nur noch zu einem ausweglosen Horrorszenario verzerrt und verengt. Er verkörpert jene Sensibilität, die in einem nach Gefühlsabtötung und Stoizismus verlangenden Beruf den Wahnsinn bedeutet. Ohne die geforderte Widerstandskraft bricht der Schmerz in voller Wucht über Frank herein. Er scheint in die ihn die Welt der Toten zu tief verstrickt, um ihr noch entkommen zu können. Dem entspricht Scorseses Optik und Erzählrhytmik. Die Strapazen der unendlichen, aufzehrenden Nachttrips spiegeln sich in surreal schnellen Kamerabewegungen und unkonventionellen Perspektiven. Sie werden von ruhigen Sequenzen unterbrochen, in denen die Kamera in Nicholas Cages paralysiert schmerzvolle Augen förmlich hineingesogen wird. Neben seiner Weltschmerzgrimasse sind es die blassen Farben und die kontrastierende, lebendige Popmusik, die Scorseses verstörenden Film eine fast hypnotische Note verleihen. Wohl treffend formuliert Franks gedankliche Stimme aus dem "Off", dass er, trotzdem ihn Schuldgefühle am Tode einer jungen Frau plagen und er seit Wochen niemanden mehr retten konnte, von dem Beruf zehrt wie von einer Droge. Stetig vegetiert er in der Hoffnung auf den nächsten "Kick" durch ein gerettetes Leben. Dann schwingt er sich für nur einen Moment in die erhabene, unantastbare Position eines Gottes auf. Denn gottesähnlich kann er Leben schenken, aber die Realität des Todes holt ihn zurück.

Ohnehin arbeitet Scorsese mit auffällig christlichen Motiven wie z.B. der "Jungfrauengeburt". Seine Inszenierung lebt nicht nur von psychologisch fesselnder Intensität, sondern auch von Rasanz und einem wohldosierten Galgenhumor, der das bedrückende Gesamtbild aber nur bedingt entlastet. Besonders eindringlich ist jene Szene gelungen, in der ein halb aufgespießter Drogendealer sich der in den Nachthimmel sprühenden Funken der Schweißgeräte, die ihn befreien, erfreut und herausbrüllt, dass er diese Stadt liebe. Da Frank das Glück des Retters verlassen hat und er zum "Leichensammler" verdammt scheint, der nur jene ins Leben zurückzuholen versucht, die nicht wollen, findet er sein Verlangen auf Frieden schließlich in legitimer Sterbehilfe. Er "lässt jemanden gehen", findet aber keine Erlösung, sondern allenfalls Ruhe durch Erschöpfung. Nicholas Cage spielt den paranoiden Rettungssanitäter mit souverän fragender Leidensmimik, braucht aber sonst nicht viel zu leisten, da die beiläufige Handlung nicht viel verlangt. Die unterstützenden Schauspieler von John Goodman über Ving Rhames bis Tom Sizemore sind erstrangig und verkörpern Charaktere, die dem alltäglichen Wahnsinn durch anscheinend funktionerende Abwehrmechanismen begegnen.

So ist Scorseses alternativer Großstadthorror ein düsteres, eigentlich katharsisloses Kaleidoskop der vielfach erfahrenen Ohnmacht und dem Verlangen nach Menschlichkeit in einer Welt, die das Individuum erst isoliert und dann zerstört. In der letzten Szene kommt der verbrauchte, fast schon hüllenähnliche Frank keine dauerhaften Ausgleich, wohl aber einen ersehnten Moment der menschlichen Nähe und Ruhe. Was unweigerlich folgt, ist der Rückfall in den steten Alptraum. "Bringing out the Dead" hält trotz einger Längen, was der Titel verspricht und zeigt einen faszinierend aufwühlenden Horrortrip, der dennoch meditative Züge trägt.


Eindringlicher Trip in eine befreiungslose, schmerzvolle Realität


Flemming Schock