Braut, die sich nicht traut, Die
(Runaway Bride)

USA, 116min
R:Gary Marshall
D:Julia Roberts,
Richard Gere,
Joan Cusack,
Hector Elizondo
„Visualisiere, visualisiere!”
Inhalt
Jedesmal, wenn Maggie (Julia Roberts) denkt, den Mann fürs Leben gefunden zu haben und vor dem Traualtar steht, ergreift sie in letzter Minute die Flucht. Mehrfach hat sie nun schon ihre zukünftigen Ehemänner im Regen stehen lassen, als der engagierte New Yorker Journalist Ike Graham (Richard Gere) auf ihre Geschichte aufmerksam wird. Diese Braut auf der Flucht scheint ihm das perfekte Futter für eine erfolgreiche Story zu sein. Doch der Artikel bringt Ike keinen Ruhm, stattdessen verliert er seinen Job - sie als männerfressende Pflanze zu bezeichnen war einfach keine gute Idee. Ziemlich verärgert heftet sich Ike der attraktiven Ungetrauten an die Fersen und lernt sie alsbald besser kennen als ihm lieb ist.
Kritik
Zweifelsohne ist es ungeschriebenes Statut in Hollywood, dass zu einem kommerziell erfolgreichen Film prompt eine Fortsetzung nachgelegt werden muss, deren Strickmuster das des Originals nur unwesentlich variiert. Mit 'Pretty Woman' feierte Regisseur Gary Marshall Anno 1990 nicht nur einen Überraschungserfolg, sondern landete gleich einen Welthit, weil er ein glückliches Händchen beim richtigen Mischungsverhältnis von Romantik und Märchen bewiesen hatte. Die von Höhen und Tiefen gezeichnete Filmkarriere der Julia Roberts wurde begründet und Richard Gere (mehr Frauenliebling als Schauspieler) blühte in der simplen Rolle des Charmeurs so richtig auf. Die Chemie zwischen den beiden schien vortrefflich und alle Welt sah in ihnen DAS archetypische Traumpaar, von dem man mehr verlangte. Doch dem Himmel sei Dank ließ sich Marshall nicht direkt zu einem wahrscheinlich blödsinnig zwanghaften Sequel des halbwegs originellen Prostuiertenmärchen hinreissen.

Dass er sich aber allein aus ökonomischen Erwägungen hätte doch früher zu einem erneuten Dreh mit Julia Roberts und Richard Gere entscheiden sollen, zeigt die Karrierekurve von Regisseur und Darstellern: Roberts Kindercharme verschwand lange Zeit in der Versenkung, bis sie kürzlich ein beinahe sensationelles Comeback erlebte, in die Riege der Bestbezahlten und zum Publikumsmagneten aufstieg. Dieses Glück konnten Richard Gere und Regisseur Marshall nicht teilen, denn Gere schien in der Versenkung vergessen und Marshalls einzig großer Kassenhit blieb 'Pretty Woman'. Also nun doch: Reaktivierung der geldsegenversprechenden Personenkonstellation. Man nehme also eine hitgarante Julia Roberts, einen abgehalfterten Richard Gere und einen Regisseur, der auch in Zukunft von den Studios finanziert werden möchte.

Das kommerzielle Kalkül ging erwartungsgemäß auf: 'Runaway Bride' brachte in den USA bisher ein Riesenergebnis von über 140 Millionen Dollar, was sicher nicht an der hirnverbrannten Geschichte liegt, die alles andere als einen Originalitätpreis verdient. Es ist beileibe nicht Aufgabe des Kinos, zuvörderst realitätsabbildend zu sein, aber was sich der Drehbuchverbrecher hier als Grundannahme zusammengekleistert hat, ist einfach absurd und sturzdämlich: eine schrullige Dorfschönheit, unter Identitätskrise und emotionaler Verkrüppelung leidend, muss ihre Erwählten anscheinend schon nach kürzester Zeit vor den Traualtar bringen, nur um dann mit dem fadenscheinigen Argument die Flucht anzutreten, sie wüsste nicht, wer sie ist, wen sie liebt, was sie fühlt - Herrje, wieso wird der formale Akt der Heirat gleich zum Zwang, wenn eine tastende Beziehung auch ohne Ehesiegel möglich wäre? Und wieso vermag gerade derjenige, der sie als 'männerfressendes' Flittchen brandmarkte, ihr wahres Wesen zu erkennen und ihr zu geben, was sie sich von dem, den sie liebt, wünscht?

Naja, schaltet man die Erwartung einer Logik des Handelns zugunsten des Erzählwitzes der blödsinnigen Fiktion aus, bleibt wenigstens Einiges, das diese unentschlossene Mixtur gerade noch rettet. Denn es ist vor allem der unverbrauchte Charme und die Lebendigkeit von Julia Roberts, die die Nichtigkeit der Handlung nivelliert. Nur ab und an ist es störend, dass sie hier, noch mehr als in 'Notting Hill', sich selbst den göttergleichen Status der Unnahbarkeit aufdrückt. Während der unterstützende Schauspielstab über die kibbelige Joan Cusack bis zu den Eltern Maggies zugegebenermaßen sehr trefflich besetzt ist, mimt das ewige Grauhaar Richard Gere nur sich selbst. Es wirkt mitunter sehr strapaziös, ihn, der sich durch nicht vorhandene Mimikvariation ausgezeichnet, in seinem emotionslosen Minimalacting zu ertragen.

Und obgleich die Chemie zwischen Roberts und Gere noch immer wirkt, stetzt sich Romantik ebensowenig durch wie komödienhafte Elemente. Gut, eine Prise Situationskomik da, ein Publikumslacher dort, aber dazwischen Flaute aufgrund der Langatmigkeit der Geschehensentwicklung. Es hätte straffer und und gefühlsbetonter zugehen können, denn auch als auch echte Romanze geht das unfertige Gericht nicht durch. Es knistert kaum. Außerdem weiss jeder um das Ende, doch bevor unser Rentnergigolo seine 'Pretty Woman' erneut abstaubt, wechseln sich dümmliche mit gewitzten Dialogen und akzeptabler Humor mit Schablonenwitz. Besonders übel kommt die 'Ich Seelenkrüppel, Du Seelenkrüppel'-Pathologienummer. Zuweilen schleicht sich dann sogar Klamauk ein, der den Einfallsreichtum des Streifens meilenweit hinter dem erfrischenden 'Notting Hill' zurückfallen lässt. Wer also einen rein kommerziell motivierten Nachspülgang zu 'Pretty Woman' noch braucht, wird gesättigt sein. Die anderen wurden mit einer blödsinnigen Erzählkonstruktion gestraft und weder durch konsequenten Humor, noch durch phrasenfreie Romantik bei Laune gehalten. Liebe steht eben vor der Heirat.



Unausgegorenes Gemisch nach publikumsträchtigem Erfolgsrezept


Flemming Schock