Boys Don't Cry

UK, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Kimberly Peirce
B:Andy Bienen,Kimberly Peirce
D:Hillary Swank,
Chloe Sevigny,
Peter Sarsgaard
„Willkommen bei den Verrückten!”
Inhalt
Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der Film von jugendlicher Identitätssuche unter extremen Bedingungen. Brandon Teena (Hillary Swank) will als Mann von Frauen geliebt werden. In der konservativen Umgebung des amerikanischen Mittelwestens droht ihre Illusion jedoch jäh zu zerplatzen.
Kurzkommentar
Mit ihrem ersten Film gelingt Kimberly Peirce eine feinfühlige Rekonstruktion nicht nur eines Transsexuellen-Schicksals, sondern auch einer Suche nach Idenität, individueller Freiheit und Liebe. Im wesentlichen von der bezaubernden Ausnahmeleistung Hillary Swanks getragen, mangelt es leider an erzählerischem Konzept und unter die Haut gehenden Momenten.
Kritik
Fünf Jahre Recherche und Vorbereitung hat Kimberly Peirce investiert, bevor sie sich für ihren ersten Film an die Nachzeichnung des tragischen Lebenslaufes von Tina Brandon wagte. Die Darstellung basiert auf einem authentischen Fall, der sich 1993 in Nebraska ereignete und neben den sensationslüsternden Medien auch viele Menschen zur Anteilnahme am Schicksal der jungen Frau bewegte.

Dem Ergebnis auf der Leinwand ist die akribische Wegbereitung anzumerken, denn Kimberly Peirce demonstriert mit "Boys don´t Cry" vor allem eines: Fingerspitzengefühl für ein bewegendens Thema. Nimmt man sich im Film der prekären Darstellung eines Menschen an, der mit transsexueller Veranlagung geboren wurde, sich also jeweils nach einem andersgeschlechtlichen Sein sehnt, begibt man sich schnell auf unsicheres, vom Geschlechterdiskurs bestimmtes Terrain: unsere Gesellschaft ist eine patriarchialische, in männlichen Strukturen gedachte und historisch gewachsene, woran auch die emanzipierte Frau bis heute nichts zu ändern vermochte.

Will man diese Faktizität im Film problematisieren, kann es schnell zur unbedachten Schwarz-Weiß-Darstellungen kommen, obwohl als eigentliches Ziel die Auflösung der strikten Geschlechterdistinktion vorschwebte. Aber gerade hier leistet Kimberly Peirce Außergewöhnliches in der geschickten Wertneutralität des Filmes. Sie wertet und kommentiert als Regisseurin das Dargestellte nicht, sondern versetzt sich in die Rolle des Unbeteiligten und Fremden, beschränkt sich in fastdokumentarischer Perspektive auf rein beobachtende Chronologie.

So wirkt das formale Konzept von "Boys don´t Cry" (der an das Lied von "The Cure" angelehnte Titel ist zugegebenermaßen das einzig Abgeschmackte) wie ein realistisches Zeugnis, das auf subtile Art nachträgliche, nur angedeutete Erklärungsmuster für das Denken und Fühlen der einzelnen Beteiligten liefert. Den Anspruch, den Peirce damit an ihr Publikum stellt, ist kein geringer, denn klare Dualismen von Gut und Böse sind zwar zu erkennen, aber der Film enthält sich geschickt einer plakativen Moral. Vielmehr erörtert Peirce die Grundlagen der Geschlechterrollen ("Wann wird ein Mann zum Mann?") und reflektiert über eine konservative Gesellschaft, die Andersartige noch immer diskriminiert und völlig freiheitliche Individuen nicht zulässt.

Die aus dem Rahmen fallende Figur besetzte die Regisseurin mit Hillary Swank und hat damit die denkbar imponierendste Wahl getroffen. Swank verblüfft mit absolut glaubwürdiger Androgynität und wird völlig zurecht als Oscarkandidatin gehandelt, nachdem sie nun bereits den Golden Globe einstrich. Auf ihrer Figur fußt der gesamte Film. In männlicher Kleidung und kurzen Haaren wirkt Swank tatsächlich wie ein milchgesichtiger Junge. Das Nunacierte und überaus Intelligente in ihrer Darstellung ist, dass sie es schafft, von jeglichen Klischeeattitüden abzusehen, die beim Geschlechtertausch zu erwarten wären: keine Hosenträger, kein breitbeiniges Sitzen, kein machoistischer Habitus oder aufgesetzt gröhlendes Stammtischlachen - Swank hat die Gabe, einfach nur eine Hose anzuziehen und "Mann zu sein", ohne ihre Weiblichkeit demonstrativ von sich zu weisen. Unnachahmlich zeigt sie selbstverliebte und neurotische Züge.

Allein aufgrund ihrer mutigen sowie vielschichtigen Auslotung der zerrissenen Seele eines zwischen den Geschlechtern stehenden Menschen, der unabhängig von seiner sexuellen Idenität auf der Suche nach Geborgenheit und Nähe ist, sollte der Film gesehen werden. Er ist sozusagen eine Ein-"Mann"-Show. Und da liegt gleichsam der Schwachpunkt begraben. Regisseurin Peirce focussiert ausschließlich die Seelenentwicklung von Tina/Brandon und vernachlässigt das narrative Konzept. Es mag im Leben nicht anders sein, aber durch den überbetonten dokumentarischen, nichtkommentierenden Ansatz passiert in "Boys don´t Cry" zu wenig. Sicher, es ist zu honorieren, das Peirce sich so weit wie möglich der Realität annähern wollte, aber das gleich so konsequent zu tun, dass sich die Rahmenhandlung auf kollektives Abhängen in einem gottverlassenen Kaff reduziert, ist zuviel des Guten. Zudem ist der Spagat zwischen Mileustudie und Road-Movie verlorener Menschen zwar stilistisch wirksam, aber nicht gerade neu.

Statt einer Spannungskurve zeigen sich von Szene zu Szene immer die gleichen sinnverlorenen Existenzen, in der Rechten´n Bier, in der Linken die Fluppe. Zugegeben, das Elend ist optisch überaus ansehnlich arrangiert, aber doch ziemlich trivial und zäh. Die Anteilnahme, das unmittelbar Ergreifende an Tinas/Brandons Schicksal stellt sich erst im letzten Drittel ein, vorher ist man mitunter durch plan- und entwicklungslose Szenen gelangweilt. Positiv anzumerken ist hingegen die Zeichnung der Liebe zwischen Tina/Brandon und Lana, einfühlsam von Chloe Sevigny gemimt.. Auch der restliche Darstellerstab ist wohlbedacht gewählt, so dass die Vermittlung der Unsicherheit aller Handelnden gelingt, aus der der Hass gegen die Transsexualität entspringt. Letztendlich scheint niemand zu wissen, wer er eigentlich ist, wofür auch der Umstand spricht, dass man über die Lebenshintergründe der tragisch Verbundenen wenig erfährt.

En Gros ist Peirces Erstling streckenweise nicht unmittelbar genug, verschenkt einiges Potential und zeigt sich spannungstechnisch enttäuschend. Andererseits verdichtet sich das Geschehen um Liebessehnsucht und Freiheitsdrang zuletzt deutlich und endet nachhaltig wirkend. Was zählt, ist nicht mehr die Geschlechtlichkeit in klarer "Er" und "Sie"-Auflösung, sondern nur das Vermögen, anderen Halt zu spenden.


Zu denken gebendes Selbstbefreiungsdrama mit außergwöhnlicher Darstellerin


Flemming Schock