Blow

USA, 124min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Ted Demme
B:Bruce Porter, David McKenna, Nick Cassavetes
D:Johnny Depp,
Penélope Cruz,
Franka Potente,
Jordi Mollà,
Ray Liotta
L:IMDb
„Scheisse, wir brauchen länger um das Geld zu zählen als um den Stoff zu verkaufen!”
Inhalt
"Blow" erzählt die Geschichte von Amerikas größtem Drogendealer der letzten Jahrzehnte. Sein rapider Aufstieg, seine erfolgreichen Marihuana-Geschäfte, Gefängnisaufenthalte, der Kokainschmuggel im großen Stil. Unglückliche Beziehungen, Verrat durch Freunde, und das bittere Ende.
Kurzkommentar
Trotz seiner verhältnismäßig undramatischen Glätte und dem action- und gewaltlosen Plot, konnte mich "Blow" überzeugen. Ted Demme gelang statt einem Zeigefinger-hebenden Drogenepos viel mehr ein kleines, bodenständiges Drama, um einen Mann, der in seiner Naivität einfach nur ein gutes Leben führen wollte - und dabei jedwede Moral vergaß.
Kritik
Der "kleine" Neffe Ted vom "großen" Jonathan Demme ("Philadelphia", "Schweigen der Lämmer") wußte mit seinem letzten Film "Life" schon nicht so recht zu überzeugen. Das lag vor allem daran, daß man mit einem Cast wie Martin Lawrence und Eddie Murphy schlecht ein letztlich ernsthaftes Drama inszenieren kann. In etwa dasselbe Problem, also eine leichte Balanceschwierigkeit, scheint auch bei "Blow" vorhanden zu sein. Alle erwarten einen Anti-Drogenfilm im großen Stil: vielleicht nicht so aus Realismus getrimmt wie "Traffic", aber doch im epischen Stil von "Goodfellas". Dabei war ein erneutes Durchkauen der Drogenproblematik gar nicht Demmes Ziel. Ihm und den Drehbuchautoren McKenna und Nick Cassavetes lag einfach die Lebens- und Leidensgeschichte eines Mannes im Verbrechermilieu am Herzen - ein emotionales Drama, ein einfaches Porträt.

Daß der Drogenhintergrund auswechselbar ist, zeigen die Details: hier wird nicht die skrupellose Drogenmafia zerlegt, hier wird nicht mit verschwommenen Bildern versucht, den Rausch eines Abhängigen zu visualisieren, noch nicht mal eine einzige Person stirbt am Mißbrauch der Drogen. George's erste Freundin Barbara (Franka Potente) stirbt an Krebs, wie es jedem Nicht-Drogenabhängigen auch widerfahren kann. Man hätte genauso gut, sagen wir, Waffenschmuggel als kriminellen Hintergrund wählen können und am Ziel des Films hätte sich nichts geändert. Nun existiert aber der echte George Jung und da ändert man selbstredend nicht flux dessen Lebensgeschichte, doch Demme interessiert an Jung primär seine persönliche Entwicklung, seine Beziehungen, seine elterliche und seine eigene Familie, sein Aufstieg und sein Fall. Und diese Porträtzeichnung ist ihm, wie ich meine, vortrefflich gelungen.

Besonders beeindruckt hat mich die knappe, aber unheimlich effektive Einführung in George Jungs Leben. Das Verhältnis zu seinen Eltern und zwischen den Eltern ("Gott, er hat sie geliebt."), die Freundschaft zu Tuna und der Punkt, an dem er zu Barbara sagt: "Bitte verspreche mir, das wir nie wie meine Eltern werden". Gepaart mit dem selten so treffend eingesetzten Ray Liotta versprüht der Film an manchen Stellen eine naive, aber ergreifende Magie, die zugegebenermaßen nicht über die volle Laufzeit anhält und hier und da kleinen Langeweilemomenten Platz machen muß. Es ist jedoch verständlich, daß dem Film Oberflächlichkeit und Rührseligkeit vorgeworfen wird - zu sauber wirkt das Drogengeschäft, zu undramatisch fliesst "Blow" vor sich hin. Lediglich einmal wird Jung selber mit der Waffe bedroht, aber die aus Martin Scorseses Gangsterstreifen so bekannte, massive Gewalt erhält in Demmes Film nie Einzug. Und genau das ist seine Stärke.

Wir sehen Jung, wie er sich am Strand seines Lebens erfreut, wie er mehr Geld besitzt, als er aufbewahren kann, wie er eine zweite, gutaussehende Frau findet und eine Tochter bekommt, aber wir sehen immer, daß sein Leben nur oberflächlich ist. Daß er zu naiv ist, die wahren Werte zu erkennen, daß es eigentlich sein Vater ist, der ob seines einfachen Daseins zu bewundern ist und daß dieser seine Frau trotz ihrer Kratzbürstigkeit liebt. Etwas, was seine Mirtha (Penélope Cruz) eigentlich nie getan hat. Und so steht er wie der heruntergekommenste Mann im Jogging-Anzug vor seiner kleinen Tochter und sieht, was er in seinem Leben alles falsch gemacht hat. Das ist es, was Demme uns vermitteln wollte, das ist der eigentlich Aspekt des Films, der ihn zu einem guten Drama macht, das ist der Punkt, in dem "Blow" bewundernswert ist. Der Drogenhintergrund interessiert kein Stück.

Und so ist es insgesamt eher, wie Penélope Cruz in einem Interview sagte: "What I like about this movie, is that it doesn't try to give a lecture or blame people and cut them into good or bad. At the end you're not sure who in this movie has been the bad and who has been the good guy. We're much more complex than that, right?".

Trotz Längen ein einfühlsames, teils exzellent ausgearbeitetes Porträt


Thomas Schlömer