Blair Witch 2: Book of Shadows

USA, 90min
R:Joe Berlinger
B:Dick Beebe
D:Kim Director,
Jeffrey Donovan,
Erica Leerhsen,
Tristine Skyler
„Wuuaah. Wer hat die Steine da hingelegt?! Ach, das war ja ich”
Inhalt
Burkittsville: Zur makabren Touristenattraktion wurde das kleine Städtchen im Bundesstaat Maryland erst seit dem vergangenen Sommer, als die Dokumentation "Blair Witch Project" weltweit in die Kinos kam und zum Überraschungserfolg avancierte. Einer der wenigen in Burkittsville, die sofort eine Chance sahen, Geld aus der neugewonnenen Popularität des Fluches der "Blair Witch" zu schlagen, ist der skrupellose "Geschäftsmann" Jeff Donovan. Donovans jüngste Idee ist es, Touren in die Black Hills zu organisieren. Über das Internet versucht er, Interessenten für seine "Blair Witch Hunt" zu finden und Teilnehmer zu jenen Orten zu führen, die mit der Legende in Verbindung stehen. Für eine erste Reise in die Wälder haben sich tatsächlich vier junge Leute angemeldet. Als die Dunkelheit hereinbricht, scheint nichts auf die Anwesenheit einer übernatürlichen Macht hinzudeuten. Am nächsten Morgen erwachen die Camper erstaunt darüber, dass ihnen allen die Erinnerung an die letzten fünf Stunden der Nacht fehlen.
Kurzkommentar
Mit einer leichten, zuweilen geschickt platzierten Portion Selbstironie versieht Joe Berlinger die lange geheimnisumwitterte, aber auch unnötige Fortsetzung zum Horror- und Medienphänomen "Blair Witch Project". Mehr als ein kurzweiliger, raffinessenfreier Durchschnittsgrusel gelingt dabei erwartungsgemäß nicht.
Kritik
Bisher ließ das Kinojahr im Vergleich zum bewegenden vorigen eines vermissen: Überraschungsfilme wie den trendangebenden "The 6th Sense", aber vor allem geheimniskrämerische Phänomene wie das gelobte und ebenso verdammte "Blair Witch Project". Egal, ob man sich in der skeptisch-abgebrühten Rezipientenrolle sah, den Experimentalstreifen als dilettantische, kopfschmerzverursachende Zumutung empfand, oder in der Position des angsterfüllt Staunenden, der sich vor dem simplen, aber genialen Ansatz in Form eines feinsinnigen Urangstgewühl verbeugte - "Blair Witch" beschäftigte die Gemüter, wurde durch Mundpropaganda weiterempfohlen und angesichts seiner verschwindend geringen Produktionskosten zu einem der erfolgreichsten Filme der Geschichte.
Als unzweifelhaft kreativ war der Ansatz der beiden Jungregisseure Eduardo Sanchez und Daniel Myrick zuvorderst aus medialen Gründen anzuerkennen: in einem beispiellos geschickten Schachzug wurde das Internet zum Teil des Produkts, ja, fast wichtiger als der Film selbst. Die Fiktion der beiden Filmemacher war lückenlos durchdacht (selbst die Darsteller traten unter ihren realen Namen auf), Gerüchte wurden auf der Website so geschickt lanciert, bis die Verwirrung perfekt und Fiktion Realität wurde. Der kalkulierte Fake griff sogar besser als erwartet, weil etliche Verwirrte tatsächlich an den ebenfalls fiktiven Originalschauplatz der angeblich aufgefundenen Dokumentationsmaterials reisten. Etliche Klarstellungen über die Fiktionalität mussten folgen, bis die Hysterie abschwoll. "Blair Witch" startete dann in Deutschland viel zu spät, weil der geniale Einfall bereits Thema jeder Zeitschrift gewesen und entzaubert war.

So lief der Film denn zwar erfolgreich, schnitt in Relation mit dem US-Ergebnis aber entäuschend ab, da eine wesentliche Wirkungsdimension im Vorfeld totgeredet wurde. Dennoch: die Resonanz war weltweit enorm und "Blair Witch" war für die beiden Schöpfer das Entrebillet für Hollywood und gleichzeitig eine bedrückende Last, denn immenser Erfolg verlangt nach einer Fortsetzung. Das ist aber das Letzte, was passieren durfte, da die ganze Betrugskonstruktion um das Original natürlich singulär und nicht wiederholbar war. Dass das Ja schließlich doch noch erfolgte, wirkt eher zwanghaft und wie ein fragwürdiges Zugeständnis. Jedoch handelten Sanchez und Myrick insofern geschickt, als sie die schwierige Regieaufgabe an den Dokumentarfilmer Joe Berlinger abtraten und sich selbst derweil auf ein "Prequel" vorbereiten, das die Vorgeschichte des Originals aufrollt.

Und da es nun unsinnig gewesen wäre, erneut verzittertes 16MM-Handkameramaterial als authentisch zu verkaufen, bedient sich Berlinger konventioneller Kameraarbeit. Die brennende Frage nach der inhaltlichen Anknüpfung wird angesichts der eigentlichen Unmöglichkeit einer Fortsetzung zufriedenstellend bis - und das fällt positiv auf - selbstironisch, den Kult des Originals persiflierend gelöst. Hier ist vor allem interessant, dass der ganze Diskurs, der sich im letzten Jahr um die Authentizität von "Blair Witch" entspannte, wohl bestmöglichst integriert wird. Als real wird jetzt nur noch der Ort angenommen. Da aber klar war, dass sich "Book of Shadows" ins Reich der Fiktion, in das des Films verbannen musste, konnte Regisseur Berlinger nur noch versuchen zu retten, was mit typischen Genreelementen zu retten ist.

Weil die legendäre Aura des Originals pfutsch und klar ersichtlich ist, dass das alles "nur ein Film" ist, wird aus "Blair Witch 2" nur ein leidlich unterhaltsamer Kommerzabklatsch. Nicht richtig schlecht, aber sicher nicht mehr als profilloser Durchschnitt. Gerne hätte man sich erneut auf die Angst vor dem Unbekannten eingelassen, aber Berlinger versäumt es, an der wichtigsten Nahstelle zum Original anzusetzen: an der Atmosphäre. Wo Sanchez und Myrick im Original mit der feingegliederten Geräuschkulisse des Waldes noch vor dem Sehen die akustische Orientierungsquelle einschalteten und konsequente Paranoia schürten, kann Berlinger nur noch auf Lärm zurückfallen. Von Beginn an dröhnt der Hardcore-Soundtrack und macht schleichende Angst undenkbar. Gewohnte Schock-Momente überwiegen. Im Gegenteil zum Original, das praktisch ohne nenneswertes Drehbuch auskam, muss Berlinger auch hier improvisieren. Das Ergebnis wirkt eher wirr und ratlos, aber für funktionale Spannungsmomente ist gesorgt. Dass die Rollen mit unbekannten Darstellern besetzt würden, war klar; sie fürchten sich ordentlich, aber eben wieder nicht so intensiv wie im Original.

"Blair Witch 2" konnte sich selbst zum Helloween-Wochenende nicht an die Spitze der US-Charts setzen, was andererseits nicht verwundert, ist die ganze Hexerei doch ziemlich verzichtbar. Von einer Überdehnung des "Blair Witch"-Phänomens kann dennoch erst mit dem Prequel gesprochen werden, da "Book of Shadows" schnell in niederen Schatten vergessen sein sollte. Psychologsch bemerkenswert an dessen Konzept ist allein, dass [Spoiler] der Film offenhält, ob die gebeutelte Hexe ihre Finger überhaupt im Spiel hatte oder ob die Geschehnisse nur das Resultat einer Gruppenpsychose waren [Spoiler Ende]. Überzeugte Anhänger des Originals mögen hier gerne zurück in den Wald pilgern, die Hexe aber bald ein drittes Mal aufzuwecken, dürfte nur noch schwer zu rechtfertigen sein.
Flemming Schock