Billy Elliot

UK, 110min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Stephen Daldry
B:Lee Hall
D:Julie Walters,
Jamie Bell,
Jamie Draven,
Gary Lewis,
Jean Heywood
L:IMDb
„Ballett? Warum zum Geier Ballett? Jungs spielen Fußball!”
Inhalt
Als sich die Box- und Ballettgruppe im nordenglischen Durham die Halle teilen muss, entdeckt der elfjährige Billy (Jamie Bell) den Tanz für sich, hängt die Boxhandschuhe erleichtert an den Nagel und beginnt mit Begeisterung zu trainieren - heimlich. Sein streikender Minenarbeiter-Vater (Gary Lewis) und -Bruder (Stuart Wells) würden es nie verstehen. Nur seine Ballettlehrerin (Julie Walters, "Educating Rita") unterstützt ihn und ermutigt ihn bei der Royal Ballet School in London vorzutanzen.
Kurzkommentar
Gefühlskino der subtilen Sorte: "Billy Elliot" von Theater-Intendant Stephan Daldry entpuppt sich als ehrliches und äußerst glaubwürdiges Selbstfindungsdrama, getragen von einem großartigen Jamie Bell und einem ebenso lobenswert klischeefreien Drehbuch. Bis auf die letzten fünf Minuten ein beinahe makelloses Kino Marke "pädagogisch wertvoll".
Kritik
Man mag es kaum glauben, aber nachdem aus England mit "Kevin & Perry" sowie "Guest House Paradiso" zwei der, wenn nicht die übelsten Filme des Jahres in die deutschen Kinos kamen, gelingt dem Theater-Intendanten Stephen Daldry mit "Billy Elliot" einer der schönsten Filme des Jahres. Das liegt zum einen an der subtilen Inszenierung Daldry's, zum anderen am teils wunderbaren Drehbuch von Lee Hall. Dabei hatte ich bei all dem Kritikerlob und den Filmpreisen (diverse Film-Festivals), die der Film schon einheimsen konnte, befürchtet, die Auszeichnungen wären ihm nur zuteil geworden, weil er eben thematisch recht mutig und ungewöhnlich daherkommt und Kritikerlob geradezu provoziert.

Doch nichts dergleichen: abgesehen von einigen wenigen sentimentalen Stellen (beispielsweise Billy's Vortanzen) bleibt Daldrys Geschichte um Selbstfindung, Traumverwirklichung und Bestimmung erstaunlich unbeschwert und herzlich. Ihm visualisiert vor dem Hintergrund der Minenarbeiterstreiks, in denen auch sein Bruder und sein Vater involviert sind, ein zum Ende hin immer deutlicherer Kontrast zwischen Selbstverwirklichung und Selbstbetrug, zwischen realisiertem Balletttraum und hartem Bergarbeiteralltag - wunderbar geschnitten und dadurch umso berührender. Aber Daldry will nicht nur aufzeigen, daß Billys Vater seine Chance verpaßt hat, sein Bruder mit Scheuklappen neben den Augen in die gleiche Richtung lenkt und seine Oma - so witzig ihre Rolle auch sein mag - damals auch nicht an ihrem wahren Verlangen festgehalten hat. Vielmehr zeigt er, daß Selbstfindung ein fortlaufender Prozeß ist, in den man langsam hineinwächst. Es gibt nicht den Einschnitt im Leben, an dem man plötzlich erkennt, was das Richtige für sich selbst ist. Daß ein Schuß Glück dazu vonnöten ist, bestreitet er nicht, denn schließlich war es mehr oder weniger Zufall, daß die Ballettänzerinnen in Billys Boxhalle wechseln mußten. Aber das Entscheidende ist, daß man im richtigen Moment zu seinen Empfindungen stehen, sie trotz scheinbar übermächtiger Gegenwehr durchsetzen und eben hart verteidigen muß. Wenn man es nicht wirklich will, hat man sich die ganze Zeit nur etwas vorgemacht.

Bei solch bedeutungsschwangerer Thematik fällt es freilich nicht leicht, das Geschehen ehrlich und ohne Pathos zu inszenieren. Aber dank dem exzellenten Skript, Daldrys Gefühl für Emotionen und den teils überragenden Schauspielerleistungen wirken selbst die stereotypischsten Storyelemente unbeschwert und überraschend frisch. So hat man beim homosexuellen Michael nie das Gefühl, seine Neigung würde nur für billige Lacher mißbraucht. Vielmehr zeigen sich bei seiner Entwicklung parallelen zu Billys Selbstfindung und bildet außerdem einen perfektes Gegenüber zur Charakterisierung beider Jungen. Beispiel: der bevorurteile Gedanke manchen Zuschauers nach dem Motto "Männer, die Ballett tanzen und Tutus tragen, sind sicherlich alle schwul" wird direkt aufgegriffen und absolut ehrlich behandelt. Zudem beobachtet sich Billy immer argwöhnisch und skeptisch, was dem Film genau das richtige Maß an Glaubwürdigkeit und Realismus verleiht. Lediglich manche Konversation mit seinem Vater und dessen Reaktionen wirken nicht immer hundertprozentig rund, was allerdings bei der erzählerischen Qualität des übrigen Teils mehr als leicht verschmerzbar ist - gerade bei diesen Darstellern. Julie Walters als Tanzlehrerin wirkt ebenso ehrlich wie der komplette Film und Gary Lewis als Vater muß nur durch die Synchronisation etwas an Qualität einbüßen. Aber da ist ja noch die Hauptfigur des Films: Jamie Bell spielt den hin- und hergerissenen jungen Billy Elliot derart beherzt, daß Haley Joel Osment's Leistung in "Sixth Sense" wie der reinste Kindergartenauftritt wirkt - höchsten Respekt für seine Leistung!

Daß dem Film allerdings eine höhere Wertung verwehrt bleibt, hat hauptsächlich einen Grund: die letzten fünf Minuten. Daß es zum Happy-End kommt, stört wohl niemanden, aber daß es - im Vergleich zum Rest des Films - beinahe schmerzhaft schwülstig ausfällt, ist nicht zu verzeihen. So findet sich nicht nur der Homosexuelle klischeedurchtränkt wieder, sondern auch die letzte Einstellung wirkt vergleichsweise überladen. Eine leicht geänderte Abschiedsszene am Bus wäre wohl das bessere Ende gewesen. Denn schließlich geht es gar nicht darum, ob er nun ein solch ruhmreicher Ballettänzer geworden ist oder nicht. Was zählt, ist, daß er sich treu geblieben ist. Einfach nur darum, daß er letzlich glücklich ist.

Nicht immer unbeschwertes, aber feinfühliges Selbstfindungsdrama


Thomas Schlömer