Tote Taucher im Wald, Der

Deutschland, 96min
R:Markus Rosenmüller
B:Patricia Rosenmüller, Markus Rosenmüller
D:Dieter Pfaff,
Jens Schäfer,
Niki Greb,
Axel Milberg
L:IMDb
„Das is ne tote Leiche.”
Inhalt
Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß im Provinzkaff Ganzlin. Nach einem Waldbrand wird die verkohlte Leiche eines Mannes im Taucheranzug entdeckt, der nächste See ist aber kilometerweit entfernt. Dann taucht eine zerstückelte Frauenleiche auf, verpackt in der Tasche eines Getränkemarktes. Und zu allem Überfluß tritt Kommissar Hartwichs (Dieter Pfaff) Nachfolger, der junge Tobias Kutschke (Jens Schäfer), genau an diesem Tag seinen Dienst in der gestörten Idylle an. Mit den ersten beiden Toten in 20 Jahren bekommt Kutschke einen Einstand nach Maß spendiert. Die Zeit wird knapp, und für Kommissar Hartwich tickt die Uhr noch aus einem ganz anderen Grund.
Kurzkommentar
Willkommen zum vielleicht absonderlichsten und unnötigsten Film des Jahres. Marcus O. Rosenmüllers handwerklich überbetonter Regieerstling bietet neben dem grotesken Titel zwar künstlerische Trashoptik, sonst aber nur erzählerische wie darstellerische Peinlichkeiten in gesättigter Langeweile.
Kritik
Es mag für den deutschen Film impulsgebend sein, mit Versatzstücken zu experimentieren und vielen Jungregisseuren eine Chance zu geben. Doch wo ein Wille ist, muss nicht immer ein Ziel sein, denn "Der Taucher im Wald" säuft vorher gnadenlos ab. Völlig zu Recht wird er keine Besucher finden. Die Faktizität hinter dem Titel ist neben der Technik das einzige Phänomen dieses konzeptlosen Regiedebüts von Marcus O. Rosenmüller.

Hitchcock und andere haben demonstriert, wie die Plotstruktur und Dramaturgie eines Krimis auszusehen hat, in dem der Mörder von vornherein bekannt ist. Aber Rosenmüller scheint beim ideenlosen Zusammenschustern des Drehbuchs im ganzem Neulingseifer vergessen zu haben, unter dem Stichwort "Spannung" nachzuschlagen. So ist sein stilisiertes Weder-Noch in erster Linie eines: sechsundneunzig Minuten hochkonzentrierte Langeweile. Es ist schon auffällig, wie sehr der deutsche Film in letzter Zeit von Form und nicht von Inhalt lebt. Der Trend, trashige Kunstwelten irgendwo zwischen Surrealismus und 70er Jahre Pop zu entwerfen und die Handlung dabei erst an zweiter Stelle zu verorten, ist ziemlich breitgetreten. Aber der Retrolook wird auch nach Rosenmüllers Debakel weitere Vetreter finden.

Nur wird es auf Dauer ziemlich nervtötend, experimentelle Form ohne Inhalt vorgesetzt zu bekommen. So auch beim "toten Taucher". Alles ist auf die bestmögliche Abstimmung von Bild und Ton bedacht und allein die Kameraarbeit bietet Perspektive. Aus schrägen Einstellungen wird die rhythmisch geformte Erzählödnis sehr kunstvoll in Szene gesetzt. Die wummernde Technomusik gibt dem hektischen, schon zerstückelndem Schnitt gekonnt den Takt, lenkt aber nicht von der Penetranz der optischen Fuchteleien ab. Das entspricht nicht nur hinsichtlich der Form einem Videoclip.

Nach dem Fund des Froschmannes im Wald wird nicht nur die Handlung, sondern auch die Psychen der einzelnen Personen minimalisiert. Schade, hat Rosenmüller doch mit Axel Milberg und Dieter Pfaff zwei wirklich fähige Darsteller. Doch Milberg wird pappkameradenhaft in die Killerrolle gepackt und darf aufgrund des lächerlichen Erzählgerüsts hochgerechnet zehn Sätze sagen. Charakterliche Tiefen gibt es genausowenig wie die Erklärung irgendeiner Handlungsmotivation. Mehlberg tritt als eigentliche Kernperson paradoxerweise so gut wie gar nicht auf. Auch Dieter Pfaff wird jeden Chance auf facettenhaftes Spiel genommen. Ausgebrandt kaut er klischeegetränkt auf seiner Zigarre und nervt nur durch sein Brüllen. Dass er lebensbedrohlich erkrankt ist, wird so beiläufig zur Sprache gebracht, dass es erst gar nicht ins Gewicht fällt. Der Pseudoeinsatz von Sportshowmoderator Johannes B. Kerner setzt dem angestrengten Murks die Krone auf. Nein, auch witzig ist das nicht.

Der Rest an Spannung, der bei dieser gedankenarmen Nullnummer hätte übrig bleiben können, wird von zerfasernder Optik aufgelöst. "Der Taucher im Wald" hätte in Anlehung an die Filme der Coen-Brüder viel Potential für eine phantasievolle Groteske oder eine rabenschwarze Komödie geboten. Aber trotz der netten zersägten Sporttaschenleiche verstößt Formästhet Rosenmüller gegen jede funktionierende Krimi- und Komödienrichtlinie. Er weiß nicht, was er sagen könnte. Wir auch nicht. Soviel Stumpfsinn raubt einem Nerven, Zeit und Worte.

Und wieder einmal wird der deutsche Film zurückgeworfen. Genauso widersinnig wie der Titel klingt die Forderung, den heimischen Film wieder reaktionärer zu machen, um ihn voranzubringen. Dennoch hat sie einen wahren Kern. Mit Produktionen amerikanischer und europäischer Provenienz kann nur dann konkurriert werden, wenn sich hiesige Filme auf starke Erzählstoffe besinnen. Mit dem "toten Taucher" ersäuft die Qualität deutscher Produktionen derweil ein Stück weiter.

Substanzloser Videoclip und peinlich abgesoffene Krimigroteske


Flemming Schock