Nurse Betty

USA, 108min
R:Neil LaBute
B:John C. Richards
D:Renée Zellweger,
Morgan Freeman,
Chris Rock,
Greg Kinnear
L:IMDb
„Die Welt ist merkwürdig”
Inhalt
Die hübsche Betty Sizemore (Renée Zellweger) ist süchtig nach ihrer Soap "A Reason to Love". Sie fühlt sich von dem attraktiven TV-Held Dr. David Ravell (Greg Kinnear) direkt angesprochen. Betty führt ohnehin eine unglückliche Ehe. Als die beiden Auftragskiller Charlie (Morgan Freeman) und Wesley (Chris Rock) dann ihren Gatten wegen Drogengeschäften ermorden, wird Betty traumatisiert. Sie ist nun davon überzeugt, Nurse Betty, die frühere Freundin von Dr. Ravell aus der Seifenoper, zu sein. Fest entschlossen, den heiß geliebten Serienstar zu finden, macht sie sich in einem Auto ihres toten Mannes auf den Weg - verfolgt von Charlie und Wesley, die immer noch hinter den Drogen her sind; einem Polizisten, der sie für die Mörderin ihres Gatten hält; und einem Journalisten, der sie retten will.
Kurzkommentar
Ohne in die Tiefe einer Medienkritik einsteigen zu wollen, liefert Regisseur Neil LaBute mit "Nurse Betty" eine genau richtig austarierte Tragikomödie über Realitätsverlust und obsessive Träume, getragen von einer zauberhaften Renée Zellweger. Trotz einiger Unnötigkeiten im Drehbuch unbedingt empfehlenswert, weil durch gesunden Kitsch bewegend und ideenreich überzeichnet zugleich.
Kritik
Ein Blick auf die folgen- und nicht nur segenreichsten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts wird den Fernseher als mächtigstes Medium der Meinungsmanipulation mit zuerst erfassen. Heute, im Zeitalter des sinnentleerten Konsums, ist bei der durch das Fernsehen vermittelten Bilderflut nur noch schwer zwischen Wahrheit und Fiktion zu trennen, wo fast allein Einschaltquoten das Programm diktieren und nur das wahr ist, was vom Umschalten abhält. Die beispiellose Medialität verkauft die verschiedensten Realitätsentwürfe, um unbefriedigten Kollektivsehnsüchten und dem Traum eines erlebten Lebens zu entsprechen, wo die eigene Wirklichkeit nicht gedankenvoll, nicht spürbar, sondern bloß noch grau ist.
Dass "Soap"-Serien als bemerkenswert artifizielle Hausfraunutopien einen einzigartigen Siegeszug angetreten haben, liegt ohne Zweifel an ihrer spezifischen Form der Inszenierung. Wie Fernsehen den Blick auf die Welt machtvoll dirigiert, den Menschen keineswegs klar-sehend und ihn zum Gefangenen macht, hat "Die Truman Show" vor zwei Jahren als Mediensatire mit ernstem Hintergrund eindrucksvoll entworfen. Derweil aber die "Truman Show" mit dem Gedanken einer perversen Endentwicklung in Gestalt des unbewussten Hauptdarsteller eines "Big Brother"-Formats spielt, greift "Nurse Betty" auf eigen herbeigeführten Realitätsverlust zurück und wirkt damit näher an der Wirklichkeit.

Über manisch besessene Fans, die die Serienrealität der "Soaps" in ihre eigene hineinreichen lassen, einen Film zu drehen, ist schon deswegen interessant, weil damit zwei Stufen der Reflexion über die Verschränkung von Wirklichkeit und Traum arbeiten: die Ebene der fiktionalen Handlung im Film und darüber die nächste Ebene, die der Rezeptionsposition des Zuschauers - denn Hollywood verkauft eben auch nur den Träume des poetischen Lebens. Dass der verhältnismäßig unbekannte Regisseur Neil LaBute daraus keinen Hehl macht, verrät schon das Pathos der Filmmusik.

"Nurse Betty" ist weder völlig Drama oder komödienhafte Satire, vielmehr gelingt durch die - zugegebenermaßen inkonsequente - Ineinsetzung beider Elemente ein ungewohnt frisches Stück Film. Es berührt mit dem Traum einer engelsgleichen Naivität, überzeugt durch ein einfallsreiches Drehbuch und den Gedanken, dass, gleich welche Realität, alles nur eine bizarr überdrehte Komödie ist, die sich dem ungläubig Staunenden darbietet. Vor allem aber sollte "Nurse Betty" als Vehikel für die Karriere von Renée Zellweger funktionieren, die nach Farrellys neuer Bodenlosigkeit "Ich, Beide & Sie" zeigen darf, was sie an Potential zu bieten hat. In ihrer täppischen Art enthoben, aber entschlossen und unbedingt liebenswert, weil herzensgut, wandelt sie als leichtgläubiges Opfer der Traumindustrie Fernsehen tranceartig-bestimmt durch die Welt des Drehbuchs.

Das von "Nurse Betty", in Cannes nicht unberechtigt ausgezeichnet, hat sagenhafte Momente, aber leider auch schwache. Erstere, die gerade in der Begegnung Bettys mit Hauptdarsteller der kitschigen "Soap" zu finden, überwiegen, aber die letztere trüben das Gesamtbild doch. So wirkt die erste Phase des Films schwach und gerade jener Handlungsstrang, der Oscarpreisträger Morgan Freeman und Labertasche Chris Rock ins Spiel bringt, wie ein Alibi, um die Entwicklung mit einem überflüssigen zweiten Moment zu motivieren. Dennoch: Morgan Freenman als räsonierender Profigangster ist ein Genuss, wenn auch ein aufgezwängter, denn die Präsenz Zellwegers hätte den Streifen mühelos allein und auch in einem Drama getragen. Ausdrucksstark spielt ihre Mimik auf der Klaviatur der Gefühle und Regisseur LaBute zur gleichen Zeit mit der Theorie der Dramaturgie. Dass alles nur ein unverbrauchter, leicht ironischer Akt war, zeigt der märchenhafte Ausgang, bis zu dem man Bettys Gratwandereung nachdenklich, mitfühlend und amüsiert folgt.

Anrührende Mediensatire zwischen absurdem und poetischem Traum


Flemming Schock