Gripsholm

Deutschland 2000, 102min
R:Xavier Koller
B:Kurt Tucholsky,
D:Ulrich Noethen,
Heike Makatsch,
Jasmin Tabatabai,
Marcus Thomas
L:IMDb
„Kurt ist ein Hellseher. Und ein Schwarzseher.”
Inhalt
Um sich zu erholen, auch von Deutschland, indem sich 1932 das gesellschaftlich-politische Klima drastisch zu verändern beginnt, fährt Kurt Tucholsky (Ulrich Noethen) mit seiner Geliebten Lydia (Heike Makatsch) in die Sommerfrische nach Schweden. Dort wollen die beiden einen angenehmen Urlaub verbringen. Doch Tucholsky lässt die Situation in Deutschland los, er schwankt stets zwischen Hochstimmung und Depression.
Kurzkommentar
Obwohl es mutig ist, einen Film mit so wenig Handlung und soviel Stimmung drehen zu wollen, müht sich "Gripsholm" eineinhalb Stunden durch den nicht vorhandenen Plot. Und auch die Darstellerleistungen schwanken wie Tucholskys Gemüt und können so dem Film nicht zu Konstanz verhelfen. Alles in allem nicht ganz ausgegoren.
Kritik
"Gripsholm" beruht sehr lose auf der Sommergeschichte "Schloss Gripsholm" von Kurt Tucholsky, allerdings hat Regisseur Xavier Koller recht frei Elemente der Originalgeschichte weggelassen und eigene, mehr oder weniger erfundene biographische Details hinzugefügt. Eine richtige Handlung besitzt "Gripsholm" nicht, zumindest nicht nach klassischer Hollywood-Struktur. Tucholsky verbringt mit seiner Geliebten und zwei Freunden den Sommer auf dem Schloss eines befreundeten, schwedischen Adligen. Und genau damit ist die Handlung eigentlich auch schon wieder erschöpft. Was sonst noch so passiert, ist zwar nicht gerade uninteressant, auch nicht unwichtig, aber kaum spannend und was den Fortgang des Filmes anbelangt wenig vorwärtstreibend. Und so plätschert die Geschichte sehr gemächlich vor sich hin, weiter in die Länge gezogen von zahlreichen Stellen, die Tucholskys Depression aufzeigen sollen.

Eigentlich ist es ein bewundernswerter und mutiger Gedanke, einen Film über Tucholsky und seine prototypische Situation als Intellektueller im Deutschland vor der Machtergreifung zu drehen, der weder in Deutschland spielt, noch eine rührselige Geschichte aus jener Zeit zu erzählen hat, noch uns ständig auf die Nase bindet, wie grauenvoll die Situation dort damals war. Stattdessen konzentriert sich "Gripsholm" auf die wechselnden Gemütszustände Tucholskys, die Koller entweder an Noethen selbst oder in Reflexion an seinen Mitspielern aufzeigt. Ebenfalls ein positiver Schritt, wenn auch im Film oftmals störend wirkend, ist die Konsequenz, die historische Figur der Lisa (eine von Tucholskys Freundinnen) in Gestalt der Lydia recht original wiederzugeben, also als Berliner Göre, und zwar etwas einfacheren Gemüts. Vernachlässigt man man für kurze Zeit die vielen stillen Momente des Films, darunter viele langweilige und viele gute, so sind ein wahrer Höhepunkt die Darbietungen von Jasmin Tabatabai. Sie spielt die laszive Sängerin eines mondänen Clubs, in dem sie, wie sollte es anders sein, Tucholsky-Lieder zum Besten gibt. Koller liess sich dazu überreden, diese Lieder völlig neu zu arrangieren, die Musik stammt von Kol Simcha, an der Interpretation wirkte auch Tabatabai selbst mit - und herausgekommen ist eine prickelnde Mischung aus Klezmer und Chanson. Neben den äusserst bemerkenswerten Gesangsdarbietungen kann Tabatabai aber als Einzige auch schauspielerisch restlos überzeugen.

Denn hier zeigt sich ein weiteres Problem: Heike Makatsch spielt zwar ohne Allüren das einfach Berliner Mädchen, aber besonders viel gibt die Rolle auch nicht her, und so zeigt sich hin und wieder eine Tendenz zum allzu direkten Spiel, zur Überzeichnung der Figur. Das Gegenteil davon: Ulrich Noethen. Der Versuch, Tucholsky nicht durch schauspielerische Gewalt dem Zuschauer zwanghaft sympathisch zu machen, sondern eher ruhig zu agieren, um die historische Figur nicht zu beschädigen, hat Vor- wie Nachteile. Zum einen wirkt Tucholsky so recht ehrlich, ungeschönt - andererseits bleibt die Zeichnung aber allzu oft auch etwas fade, steht mitunter an der Grenze zum Banalen. Etwas mehr Pathos, sowohl in den leidenschaftlichen wie in den versonnenen Szenen, hätte nicht geschadet. Das Drehbuch gibt Noethen die Gelegenheit, diese ruhige Darstellung auszunutzen, und beschert dem Film einige sehr schöne Szenen - deren Bewundernswürdigkeit etwas eingeschränkt wird durch die ebenfalls grosse Zahl von dramaturgisch schwachen, etwas platten Szenen.

Nach etwa einer Stunde ringt sich das Drehbuch dann doch durch, etwas konkreter zu werden, was den Film glücklicherweise davor bewahrt, durch Aussagelosigkeit unbedeutend zu werden. Denn allein als Stimmungsbild einer Zeit oder eines Dichters ist die inszenatorische Kraft von "Gripsholm" nicht gross genug. An Verweisen auf Selbstmordversuche, die auch in Tucholskys wahrem Leben stattfanden, mangelt es im Film nicht, und so gibt die Geschichte in der Geschichte, die dann doch stattfindet, dem Zuschauer eine versöhnliche Botschaft mit auf den Weg, die in etwa so lautet: Wenn man am Grossen verzweifelt, am Weltgeschehen, so lohnt es sich dennoch, im Kleinen die Fahne der Tugend aufrecht zu erhalten und Gutes zu tun. Klingt gewaltig, wird durch den Film aber zurückhaltend und somit überzeugend vermittelt.

Betrachtet man, welche Chancen "Gripsholm" versäumt hat, so mag man fast ärgerlich werden. Sieht man aber, wodurch er sich gegenüber anderen Filmen hervortut, was er (nicht zu tun) wagt, so geht man ermutigt aus dem Kino.


Sehr ruhige Halb-Biographie mit leichtem Hang zum Banalen


Wolfgang Huang