Grinch, Der
(Grinch, The)

USA 2000, 110min
R:Ron Howard
B:Jeffrey Price
D:Jim Carrey,
Taylor Momsen,
Bill Irwin,
Molly Shannon
L:IMDb
„Mal sehen, vier Uhr: Schwelgen in Selbstmitleid, fünf Uhr: starre in den Abgrund, sechs Uhr: Ringkampf mit meinem Selbsthass, sieben Uhr: Dinner mit mir; hmm, das kann ich nicht schon wieder absagen !”
Inhalt
Ein bösartiger, soziopathischer Mutant mit einem Herzen, das viel zu klein ist, begeht in der kleinen Stadt Whoville am Weihnachtsabend eine Reihe von Einbrüchen. Der perfide Plan des Grinch (Jim Carrey): Er will Weihnachten stehlen. Alles läuft glatt - bis der Grinch von der kleinen Cindy (Taylor Momsen) entdeckt wird, die ihn zwingt, sich mit seinen eigenen Ängsten auseinander zu setzen.
Kurzkommentar
Leider hält der grüne Fiesling nicht, was sein gemeines Aussehen verspricht und Ron Howard degradiert den weiterhin sehenswerten Jim Carrey unter einem irrsinnigen Haufen filmischen Süßstoffs. "Der Grinch" läßt nämlich jeglichen Biss vermissen und präsentiert sich als reines, umso schwülstigeres Familienabenteuer. Und nur als solches ist er irgendwo noch empfehlenswert.
Kritik
Ich meine mich erinnern zu können, früher einmal das Zeichentrick-Vorbild für "Der Grinch" im regulären Fernsehprogramm gesehen zu haben: "Dr. Seuss' How the Grinch Stole Christmas". Und ich meine mich erinnern zu können, daß die TV-Produktion von 1966 für kinderfreundliche Verhältnisse eine erstaunlich scharfe Satire war (allein schon wegen des bitterbös' gezeichneten Grinch). Folglich hatte ich bei den übertrieben kitschigen Vergnügungspark-Landschaften, die schon der Trailer zu "Der Grinch" versprach, ähnlich bissige Gemeinheiten in der Realverfilmung erwartet.

Doch weit gefehlt: "Der Grinch" entblößt sein wahres Hollywood-Gesicht als widerlich-süße Familienunterhaltung zur Vorweihnachtszeit. Nicht in einer Sekunde ist das erhoffte Fünkchen Distanz zu dem furchtbaren Heile-Welt-Getue inkl. Gesangseinlagen zu spüren. Die Kamera taucht zu Beginn durch einen Schneekristall in die überfrachtet künstliche Welt Whoville ein, eine schreckliche Märchenstimme erzählt in teils peinlichen Reimen den Beginn der Story um das grüne Pelzwesen, das als einziger Bewohner des kleinen Städtchens Weihnachten überhaupt nichts abgewinnen kann. Kein Wunder, bei dem bunten Treiben, das einen in Whoville erwartet.
Das Problem liegt wie gesagt im Ansatz des Films: in der ersten halben Stunde könnte man noch vermuten, Regisseur Ron Howard zieht später ein ähnlich satirisches Fazit bzgl. des Weihnachtsfests und den damit verbundenen Kitsch wie Tim Burton es damals bei "A Nightmare before Christmas" getan hat.

Resümierend scheint das jedoch nicht Howards Absicht gewesen sein. Wie seinerzeit in "Cocoon", "Willow", "In einem fernen Land" und "Backdraft" beweist er einmal mehr das Gefühl für Bilder und Kameraeinstellungen, übersieht dabei aber den Inhalt seines Bilderbuchs. Daß er es besser kann, zeigten die etwas komplexer ausgearbeiteten "Kopfgeld", "Apollo 13" und "EdTV". So darf Dehnwunder Jim Carrey außer seiner Körpersprache nichts beisteuern. Diese ist zwar wieder äußerst gelungen und er erweckt abermals den Eindruck, daß seine Hauptrolle nur mit ihm existieren könne, verschwendet dabei aber sein schauspielerisches Talent, welches er bei "Truman Show" und "Man on the Moon" unter Beweis gestellt hat. Das ist genauso Schade wie die verschenkte Produktionskraft, die Whoville innewohnt. Die Landschaft, die Häuser, die Bewohner - das ist irgendwo bezaubernd ausgearbeitet, wirkt letztlich aber nur abstoßend überfrachtet. Besonders die Bewohner mit ihren dämlichen Stupsnasen und Spock-Ohren wirken geradezu bescheuert.

Bedauerlicherweise bleibt Howard's Zuckerwatte auch in seiner Aussage nicht wirklich konsequent. Die eigentliche Botschaft, das Wichtigste am Weihnachtsfest sei die Familie und nicht die Bescherung, wird sicher mehr als deutlich, aber daß das Drehbuch zum Ende hin doch noch die vielen Geschenke rettet, stößt wiederum übel auf. "Jetzt, wo wir uns alle lieb haben und wir erkannt haben, daß die Familie das Entscheidende ist, dürfen wir ja eigentlich noch die werten Gaben absahnen" scheint die Devise. Das ist Weihnachten im Konsum-Jahrtausend.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Eltern mit hoher Toleranzgrenze dürfen ihren Kindern durchaus mit "The Grinch" eine Märchenstunde gönnen. Von der Altersgrupe her falle ich wohl nicht in die angepeilte Kategorie des Grinch und immerhin wird die banale, aber richtige Botschaft trotz all der Kritikpunkte effektiv rüber gebracht - zumindest für Kinder. Allerdings sei die Frage erlaubt, ob es pädagogisch nicht sinnvoller wäre, seinen Kindern eigenhändig eine Geschichte vorzulesen und das Ausmalen einer bunten Welt der Fantasie zu überlassen.

Triefend kitschiges, unglaublich überladenes US-Kino


Thomas Schlömer