Green Mile, The

USA 1999, 188min
R:Frank Darabont
B:Stephen King,Frank Darabont
D:Tom Hanks,
David Morse,
James Cromwell,
Michael Clarke Duncan,
Bonnie Hunt
L:IMDb
„I see angels, just like up in heaven.”
Inhalt
Man schreibt das Jahr 1935, Zeit der großen Depression. Paul Edgecomb (Tom Hanks) ist Leiter der Wachabteilung des Todestraktes in einem Gefängnis in Louisiana. Die dort einsitzenden Häftlinge werden früher oder später die 'grüne Meile' hinuntergehen, den mit blassgrünem Linoleum ausgelegten Flur, an dessen Ende der elektrische Stuhl wartet. Alles ändert sich mit dem Tag, an dem ein neuer Gefangener den Zellentrakt betritt: John Coffey (Michael Clarke Duncan), ein riesenhafter Schwarzer, rechtskräftig verurteilt für den Mord an zwei neunjährigen Schwestern, die man tot in seinen Armen fand. Sein Verhalten steht in völligem Widerspruch zu einer äußeren Erscheinung. Eines Tages erlebt der aufrichtige Paul Edgecomb am eigenen Leib, dass Coffey eine übernatürliche Gabe zu besitzen scheint. Er beginnt sich zu fragen, ob der Mann, zu dem er eine immer engere Bindung aufbaut, wirklich der wahre Schuldige am Tod der Kinder ist.
Kurzkommentar
Das sich heutzutage noch jemand traut, so einen Film zu drehen ist schon ein starkes Stück - Vorraussetzung dafür ist wohl das seltsame Verlangen nach Unterhaltung in jedem Film, egal ob er dazu taugt oder nicht. Statt einer sinnvollen Auseinandersetzung degeneriert "The Green Mile" somit zu einem gedankenlosen Massenprodukt, das zudem noch mit längst veralteter "Law and Order"-Rhetorik aufwartet.
Kritik
Die gute Nachricht zuerst: Der Film hat auch seine guten Seiten, das sei fairerweise gesagt. Neben dem ewig tranigen Hanks gibt es auch gute Schauspieler (besonders Doug Hutchinson sei hier erwähnt), an der Photographie gibt es nichts zu mäkeln, die Austattung ist opulent und dennoch nicht deplaziert.
Leider machen jedoch die gravierenden Mängel all dies komplett zunichte.

Was die Stimmung angeht: Leider werden die eindringlichen Momente von absolut lächerlichen Einsprengseln, vorallem der bemerkenswert dämlichen Harnleiterentzündungsthematik gnadenlos zerstört. Auch die 'Freakshow', also das Zurschaustellen besonders kaputter Typen zerstört jede Anstrengung in Bezug auf die Atmosspähre. Stichwort Länge: Jedem Film sei die Zeit gegeben, seine interessante Geschichte zu erzählen - weshalb man aber fast eine Stunde für das Melinda-Coffey-Drama verschwenden musste, welches inhaltlich vollkommen vorhersehbar ist und faktisch auch ohne jede Überraschung bleibt, das bleibt ein Rätsel.

Es ist wirklich peinlich, wie stark der Film auf möglichst abgefahrenen Charakteren aufbauen muss. Birgt die Figur des Percy wenigstens noch inhaltliches Potential, so sind vor allem die Häftlingsinsassen reines Verschleissmaterial, nur vorhanden, um die Arbeitsweise des elektrischen Stuhls zu demonstrieren. Und selbst jenen, die tragender Teil der Handlung sind, wie Wild Bill, wird kein genauer Blick geschenkt, sie sind nur als skandalöses Erregungsmoment wichtig.

Am härtesten trifft aber die vermeintliche Moral. Mit einer "Humanitätsparabel" hat der Film nichts gemein. Die meisten Betrachter stolpern etwas über die Messias-ähnliche Darstellung von Coffey - doch welche Implikationen sich daraus ergeben, bleibt unbeachtet. Zählt man Eins und Eins zusammmen, so tritt Erstaunliches zu Tage:
Was Percy bei der Hinrichtung veranstaltet wird in den übelsten Farben ausgemalt - dagegen erscheint die normale Hinrichtung geradezu wie ein humanitärer Dienst an der Menschlichkeit. Überhaupt: Die Hinrichtung mit einer Dauer von 2 Minuten und mit pyrotechnisch wertvollen Stichflammen ist böse, aber die Hinrichtung mit einer Minute Dauer ohne Stichflamme ist alltäglich, richtig und gut, schon allein weil die Strafe von einem ordentlichen Richter verhängt wurde. Coffey, mag der weniger geneigte Leser einwenden, ist aber doch nun genau die Aufhebung dieser angeblichen Doppelmoral. Kaum, denn dieser spezielle Fall hat seine eigenen Gesetze. Man mag von den ganzen paranormalen Elemeneten halten was man will, unübersehbar ist Coffey mit übernatürlichen Gaben ausgestattet, und zwar anscheinend nur mit guten. Durch Hand auflegen kann er heilen, durch Ruhe und Besinnung findet er neue Kraft. Coffey spricht von dem vielen Leid auf Erden, dass andauernd geschieht, und in der klassischen Tradition der Selbstjustiz ergibt sich für ihn nicht das geringste Problem daraus, die bösen Menschen zu töten. Wirklich perfide ist an diesem dramaturgischen Schachzug, dass Coffey somit tatsächlich zum Mörder wird. Somit kann Edgecomb hintergründig von Gewissensbissen befreit werden - der Tod ist auch für Coffey verdient. (Tatsächlich macht es sich Edgcomb nicht ganz so einfach, aber das ist ein anderer Punkt.) Bemerkenswert ist auch der Opferwille Coffeys - resultierend aus seiner Schwäche und seiner Unfähigkeit dem Leid zu begegnen ist er bereit, dem Tod entgegen zu treten - noch so ein dramaturgischer Haken. Weit interessanter wäre es geworden, hätte Coffey nicht sterben wollen. Doch so opfert er sich vorgeblich im Geiste der Menschlichkeit, und überlässt damit die Rechtsprechung auf Erden wieder der Justizbarkeit der Gesellschaft, vornehmlich der amerikanischen. Dieser Transfer der "Verurteilungskompetenz" von der göttlichen auf die weltliche Macht steht sowohl in der Tradition des Absolutismus als auch des amerikanischen Gerechtigkeitssinnes: Die integren Menschen müssen alle anderen zum Licht führen, müssen Gutes tun, ohne Rücksicht auf Verluste.
Das wirklich Gemeine dabei ist, dass hier offensichtlich Jesu zugeschriebene Eigenschaften auf eine Figur transferiert werden, die kaum im Sinne Jesu damit umgeht, vielmehr im Sinne der amerikanischen Moral: Im Geiste der Gerechtigkeit darf man vorsätzlich Morde begehen, was gleich in zweierlei Weise zum Ausdruck kommt: Sowohl in in Coffeys Selbstjustiz als auch im stilisierten Kompetenztransfer. Diese Instrumentalisierung im Interesse eigenen Moralvorstellung kann nur als pervers bezeichnet werden. Schlimm dabei ist weniger die eigentliche Moralvorstellung, die kann diskutiert werden, schlimm ist vielmehr, wie die Rechtfertigung im Film dafür aussieht, wie sie vermittelt wird.

In diesem fahlem Licht betrachtet bleibt eigentlich nichts mehr, was den Film auszeichnet, und vieles, was ihn enorm zweifelhaft, wenn nicht sogar verwerflich erscheinen lässt. Unangemssene Unterhaltungselemente, ernste Thematik, paranormale Erscheinungen und verschachtelte, doppelbödige Moral ergeben eine Mischung, die jeden guten Ansatz völlig erstickt.

Paranormale Freakshow mit perverser Moral


Wolfgang Huang
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Nach dem grandiosen "Die Verurteilten", bin ich vom neuesten Darabont-Film doch leicht enttäuscht. Im direkten Vergleich - die Gefängnisthematik ist sicherlich sehr ähnlich - mangelt es "The Green Mile" vor allem an Ernsthaftigkeit. Der religiös-mystische Einfluß trägt nicht gerade zur Glaubwürdigkeit des Geschehen bei. Eigentlich schade, da "The G...