Engel + Joe

Deutschland, 95min
R:Vanessa Jopp
B:Kai Hermann, Vanessa Jopp
D:Robert Stadlober,
Jana Pallaske,
Mirko Lang,
Dorina Maltschewa
L:IMDb
„Ich hab was Großes vor. Ich werde eine Anarcho-Kommune gründen.”
Inhalt
Nach der Flucht von zu Hause trifft Joe (Jana Pallaske) auf den Punk Engel (Robert Stadlober) - und verliebt sich in ihn. Doch auch diese große Liebe ist von vielen Krisen und Problemen geprägt, die die beiden mehr als einmal an den Rand ihrer Beziehung und sogar ihrer Existenz bringen. Als Joe dann schwanger wird, steht eine endgültige Entscheidung für die Zukunft an.
Kurzkommentar
Die große Liebe und die harte Welt da draußen: Achtung, Sozialkitschgefahr höchsten Grades! Doch "Engel + Joe" umschifft die meisten dieser gefährlichen Klippen, wenn auch nicht alle. So bleibt ein etwas gewolltes, aber dennoch intensives, letzlich trotz der lauten Fassade enorm wertkonservatives Rührstück im positiven Sinne.
Kritik
"Es wird viel passieren, nichts bleibt mehr gleich..." In diesem Titelsong aus der Vorabend-Soap "Marienhof", den die Punks vermeintlich ironisch singen, zeigt sich die tiefe Ambivalenz des Filmes: Denn auch wenn sie dies als eine Art Angriff gegen die gutbürgerliche Vorstellung eines guten bzw. eines bewegten Lebens verstehen, über das sie als Straßenkinder allenfals müde lächeln können, so besteht darin gleich eine doppelte Wahrheit, die sich der Film zu eigen macht, und der seine Kernmotivation offenlegt. Denn zum einen sind die vermittelten Werte grundbodenständig, geradezu christlich-konservativ: Familie, Liebe, Vertrauen, Zusammenhalt, Hoffnung, damit lassen sich auch die düstersten Zeiten überstehen, wie uns "Engel + Joe" beweisen will. Dass diese Werte in das Kollektiv-Milieu der Punker, Heimkinder und Ausreißer projiziert werden, hat seinen Sinn. Im Film hat die ursprüngliche Familie ihren Wert verloren, weil sie ihr Heilsversprechen von Wärme und Geborgenheit, von Liebe und Sicherheit nicht einlöst. Die Tochter muß für die Mutter sorgen, doch mit 15 Jahren ist Joe mit der Tablettensucht ihrer Mutter hoffnungslos überfordert. Sie selbst muß leisten, was sie nicht erhält, und so nimmt es nicht Wunder, dass sie sich gleich in den ersten Jungen verliebt, der ihr außerhalb der bekannten Kreise begegnet. Hier findet Joe zumindest für einen Moment jene Gefühle, die ihr selbst versagt wurden, vorallem die Liebe. Doch auch wenn sie die Beziehung zu Engel offensichtlich instumentalisiert um ihre emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen, so will der Film die Beziehung der beiden doch als große Liebe darstellen, als die größte, erste Liebe. Joe spricht vom "ersten Mal", und das bezieht sich nicht nur auf Sex. Engel meint, er sei erstaunt, dass sich ein Mädchen für ihn interessiere, auch hier also das Motiv der ersten erfahrenen Zuneigung in einer kalten Welt, in der Alkohol und Drogen nur Symptome bekämpfen, aber keine Probleme lösen. Dass sich diese Liebe, die aus egoistischen Bedürfnissen heraus entwickelt, als derart dauerhaft und tief erweist, wie uns Regiesseurin und Drehbuchautorin Venssa Jopp weismachen will, kann für die reale Welt bezweifelt werden, trotz der angeblich wahren Geschichte (eine "Stern"-Reportage von Kai Hermann), auf der der Film beruht, aber der Film darf sich natürlich stets über empirische Wahrscheinlichkeiten erheben und uns in einen Traum entführen.

Doch bleibt der Traum beileibe kein schöner: Aufgrund von Mißverständnissen, aber auch wegen der selbstischen Motivation der Beziehung ergeben sich zahlreiche Krisen, und während sich Engel und Joe am einen Tag noch die ewige Liebe schwören, geben sie sich am nächsten Tag ihren größten Dämonen hin: Engel kehrt zurück zum Heroin, ein fataler Rückfall, Joe gibt sich einer Partybekanntschaft hin - und wird schwanger. Doch damit nicht genug, Jopp fährt weitere harte emotionale Geschütze auf, eine Krise jagt die nächste, bis der Film schließlich in ein offenes Ende mündet, dessen Interpretation dem Zuschauer selbst überlassen bleibt. Jedoch scheint es nur eine Sichtweise zu geben, die nicht nur zwangsweise aus dem Film folgt, sondern auch der Intention der Autorin, die Hoffnungslosigkeit als Prinzip ablehnt, entspricht. Damit schließt sich der Kreis, denn der Film beginnt mit dem Motiv der zerbrochenen Familie und endet zumindest mit dem Versprechen auf harmonische Welt.

In der Rück- und wohl auch in der Wiederschau erschließt sich eine durchdachte Komposition (deren Details dem eigenen Seh-Erlebnis vorbehalten mögen bleiben) die trotz der vergleichsweise leicht zu durchschauenden Grundkonstruktion nicht zu einem simplen Film führt, Stichwort Sozialkitsch. Einen Großteil seiner Überzeugungskraft erlangt der Film auch durch seine Darsteller: Robert Stadlober ist vorallem anzurechnen, dass er die beiden wechselhaften Seiten seines Charakters, den liebevollen und zärtlichen Vater und Freund einerseits und den verzweifelten, aggresiven Punk andererseits sehr verschieden, aber gleichermaßen überzeugend darstellt. Sowohl die tiefe Wut als auch die Zerbrechlichkeit seines Charakters vernmittelt er glaubhaft. Hinzu kommt, dass er sich auch den unangenehmen Szenen nicht verschließt: Denn sein Charakter ist nicht ausschließlich positiv, manches Mal ist ein richtiges Ekel erforderlich. Auch sind zahlreiche doch recht intensive (vielleicht zu intensive) Szenen verlangt, die Stadlober überzeugender präsentiert als so manche seiner älteren Kollegen. Jana Pallaske erscheint zu Beginn etwas blaß, wird dominiert von dem auch bekannteren Stadlober. Doch ihre schauspielerische Stunde schlägt im späteren Verlauf des Filmes. Und auch hier gilt: Sowohl in den deutlich expressiven Szenen, wie etwa bei der Geburt ihres Kindes, als auch in den stillen Momenten, etwa der Schlußeinstellung, kann sie überzeugen. Manches Mal scheinen einzelne Szenen zu sehr durch dramaturgischem Pathos überfrachtet, ein bisschen dick aufgetragen - doch hier mag gelten, dass der Grad zwischen überzeugender Gefühlsintensivität und Überladung ein dünner ist, und wenn man sich an der Grenze bewegt, kann man sie das eine oder andere Mal auch überschreiten, was allemal bewegender ist als die große Distanz.

Eine Sozialreportage als Grundlage für einen Film, noch dazu vollgepackt mit nahezu allem, was die Abgründe menschlichen Daseins hergeben, das ist harter Stoff, und es zeigt sich, dass Jopp hier vielleicht ein bisschen zu viel gewollt hat: Etwas mehr Konzentration, weniger Krisen, weniger offensichtliches Streben. Nicht, dass nicht jede Szene ihren wohlbegründeten Platz hätte, allein, ein wenig mehr Beschränkung hätte dem Film aus stilistischer Sicht gut getan, doch hier überwiegt bei Jopp die Funktion, nicht die Form, was für ein Sozialdrama beileibe keine schlechte Eigenschaft ist.

Wer sich also an der zunächst etwas seltsamen Mischung aus Punk-Milieu und Wertkonservativismus nicht stört und keine Angst hat vor einem dauernden Wechselbad aus großem Glück und tiefstem Elend, der wird Gefallen finden an "Engel + Joe". Auf einen anstrengenden, durchdachten, etwas gewollten Film muß man sich aber einlassen.

Intensives Rührstück im positiven Sinne


Wolfgang Huang