Gran Paradiso

Deutschland 2000, 120min
R:Miguel Alexandre
B:George Heinzen
D:Ken Duken,
Regula Grauwiller,
Gregor Törsz,
Max Herbrechter
L:IMDb
Inhalt
Seit einem Unfall sitzt Mark (Ken Duken, "Schlaraffenland") im Rollstuhl. Das Einzige, was dem leidenschaftlichen Bergsteiger geblieben ist, sind seine Träume von dem schneebedeckten Viertausender Gran Paradiso. Erst der Physiotherapeutin Lisa (Regula Grauwiller, "Cascadeur") gelingt es, die Isolation des verbitterten, selbstmord- gefährdeten jungen Mannes zu durchbrechen - mit einem verwegenen Plan: Sie verspricht Mark, ihn auf den Gipfel des Gran Paradiso zu bringen.
Kurzkommentar
"Gran Paradiso" ist ziemlich eigenwillig, und insofern sicherlich Geschmackssache. Aber bei allen Mängeln beweist der Film (und seine Macher) einen aussergewöhnlichen Mut, der letztlich zu einem Kinofilm führt, wie man ihn aus Deutschland nicht gewohnt ist. Schon allein deshalb ist er sehenswert.
Kritik
Die Grundidee des Filmplots ist derart verwegen und zwanghaft ambitioniert, dass man fast sicher davon ausgehen kann, das ein solcher Film scheitert: Eine Physiotherapeutin will unbedingt ihr Versprechen einlösen, einen depressiven Querschnittsgelähmten auf einen 4000 Meter hohen Berg zu bringen. Und weil das noch nicht genug ist, macht sie das ultimative sozialpädagische Projekt daraus, und lässt den Behinderten, der zusätzlich von zwei Insassen einer psychiatrischen Anstalt begleitet wird, von drei jugendlichen Straftätern den Berg hinauf schleppen. Dass das ganze zur Freakshow verkommt, ist nicht zu erwarten, viel eher ist von Beginn an klar, dass das Projekt Resozialisierung natürlich gelingt und am Schluss alle gute Freunde sind. Ebenfalls klar ist, dass die Irren natürlich weniger irr sind und die bösen Straftäter mehr Herz besitzen als die meisten der frei herumlaufenden Menschen. Zu dieser Erenntnis gelangt man innerhalb der ersten Viertelstunde, und es verfestigt sich die Erwartung, dass es mit dem Film jetzt kontinuierlich bergab geht, weil er sich in Klischees und allzu platten Solidaritätsbekundungen für Randgruppen ergehen wird. Doch: Nichts dergleichen.

Oder zumindest fast nichts. Natürlich bleibt der Film vorhersehbar, und alle sich auftuenden Gletscherspalten und hinterhältigen High-Tech-Bergwanderer können die bunte Truppe nicht davon abhalten, letzlich am Gipfel den Sieg über sich selbst zu feiern. Ein jeder bekommt die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen, und der Film macht gar keinen Hehl heraus, das genau das von Anfang an auch so geplant war. Und so verbraucht die Grundidee doch ist, letzlich funktioniert das alles erstaunlich gut. Woran liegt es? Nun, obwohl "Gran Paradiso" nun wirklich keine Szenen auslässt, die man in anderen Filmen als viel zu klischeehaft bemängeln würde, gelingt dem Film die notwendige Distanz. Alles ist ein bisschen gegen den Mainstream gebürstet, ein bisschen gegen die Erwartungen der Zuschauer inszeniert, sodass jeder Szene ihre Glaubwürdigkeit behält - eben weil sie nicht die Kopie der abgewetzten Vorlage ist, sondern Eigenständigkeit bewahrt. Das Drehbuch ruft geschickt die notwendige Palette menschlicher Emotionen auf, vermeidet aber, dann in übliche Funktionsmechanismen zu verfallen, die letztlich zu Enttäuschung führen würden. Kein "zu oft gesehen", kein "ausgelutscht", der Film bewahrt seine Eigenständigkeit und seine Ernsthaftigkeit.
Auch jenseits der Ebene der Psychologie der Charaktere ist die Geschichte eigentlich bodenständig: Die üblichen Anfangsschwierigkeiten, die üblichen unvorhergesehenen Zwischenfälle, die üblichen Bösewichte. Aber mehr als andere Filme versteht es der "Gran Paradiso", den Zuschauer Anteil am Geschehen nehmen zu lassen, den Triumph der seltsamen Bergsteigergruppe zu einem innigen Wunsch der Zuschauer zu machen. Da stören auch die zahlreichen logischen Schwächen des Filmes nicht so sehr - man kann darüber hinwegsehen. Ein bissschen zu oft verfällt das Drehbuch auf den "ex-machina"-Mechanismus, Storywendungen wie Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. Aber auch darüber lässt sich hinwegsehen.

Die gelegentlichen, Tagebuch-artigen Einwürfe des Protagonisten sollen charakterliche Tiefe schaffen. Das gelingt auch ganz gut, aber einen Preis für besondere Raffinesse gibt es dafür nicht. Immerhin sind diese "Logbucheinträge" abwechslungsreich gestaltet, verleiten zu so manchem Schmunzeln. Apropos Protagonist: Die Darstellerleistungen sind durch die Bank hinweg sehr gut. Getragen wird das Ganze von Duken und Törzs, aber auch die zweite Riege kann voll überzeugen, besonders erwähnenswert sind hier Frank Giering und Alexander Hörbe. Alle tragen dazu bei, dass trotz der arg artifiziellen Ausgangsposition die Charaktere glaubhaft bleiben - ein wesentlicher Bonus. Auch der Rest ist handwerklich sauber, von Fotografie bis Musik ist alles überdurchschnittlich, wenn auch nicht eben revolutionär.

Aber das scheint nun sowieso keine Eigenschaft oder Absicht des Films zu sein - denn obwohl man aus der vorhandenen Anlage heraus ein viel lauteres Plädoyer hätte machen können, ist der Film gerade deshalb gelungen, weil er diesen Weg vermeidet, und vergleichsweise ruhig und besonnen auf seine Charaktere eingeht. Einen Film, der so unaufgeregt ein aufregendes Thema behandelt, verdient Anerkennung - zumal man sowas hierzulande nicht oft sieht.


Bemerkenswert, sehenswert, vielleicht sogar liebenswert


Wolfgang Huang