Nichts als die Wahrheit

Deutschland, 128min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Roland Suso Richter
D:Kai Wiesinger,
Götz George,
Karoline Eichborn
L:IMDb
„In manchen Zeiten muss ein gewissenhafter Arzt töten”
Inhalt
Peter Rohm (Kai Wiesinger), ein junger, aufstrebender Anwalt, recherchiert seit Jahren für ein geplantes Buch über einen der berüchtigten Massenmörder der Geschichte, über KZ-Arzt Dr. Josef Mengele. Sein Motiv ist nicht das der erneuten pauschalen Verdammung, sondern eine historische Neubewertung der Fakten unter der Perspektive der gesellschaftlichen Bedingungen, die Mengele zu dem machten, was er wurde. Zwar ist der nach dem Krieg geflohene Mengele 1979 offiziell für tot erklärt worden, doch wurden seine sterblichen Überreste nie gefunden. Dann geschieht das Unfassbare: Mengele (Götz George) lebt und kehrt aus dem Exil in Brasilien freiwillig nach Deutschland zurück und möchte vor einem Gericht 'seine Wahrheit' verkünden. Für ihn kommt als Anwalt einzig Mengele-Experte Rohm in Frage, der schließlich die belastende Aufgabe der Verteidigung übernimmt. Er sucht in Mengele als Symbol des Nazi-Regimes eine Antwort auf die Frage, wie beinahe ein ganzes Volk seine Menschlichkeit verlieren konnte. Dies wird zur persönlichen Zerreissprobe, da Rohms Wertemaßstäbe von Gut und Böse relativiert werden, die Beziehung zu seiner Frau Rebekka (Karoline Eichborn) strapaziert wird und er aus dieser Situation scheinbar nur als Verlierer hervorgehen kann: Verteidigt er Mengele gut, ist er ein schlechter Mensch - verteidigt er ihn schlecht, ist er ein schlechter Anwalt. Die Augen der Welt sind auf Deutschland gerichtet, das mit einem Alptraum konfrontiert wird.
Kritik
Beeindruckend, beeindruckend, was Regisseur Richter mit "Nichts als die Wahrheit" dem Zuschauer präsentiert. Dabei ist es nicht so sehr die exquisite Präsentation, die dem Film die erreichte Klasse und Güte verleiht. Es sind viel mehr die dem Zuschauer nahegebrachten Emotionen und Gedankenwellen, die zugleich zum Staunen und zur Empörung anregen. Wie oft 'erwischt' man sich, Mitleid und Verständnis für Josef Mengeles Taten zu empfinden ... wie oft hegt man leichte Haßgedanken gegen den seine Pflicht erfüllenden Anwalt Rohm, der unschuldige, von leidvoller Erfahrung gezeichnete Juden im Zeugenstand scheinbar eiskalt ausquetscht. Unglaublich, in welch ein Wechselbad der Gefühle der Zuschauer hineinversetzt wird und ihn zur Rezension des gerade Erwähntem anregt. Dank des exzellenten Schnitts und der höchstprofessionellen Inszenierung des Konflikts zwischen den Charakteren Rohm und Mengele, sowie der grausamen Vergangenheit und der 'geheilten' Gegenwart zeichnet sich der Film durch intensive Gefühlsschwankungen und sanfter Provokation aus.

Lobenswert ist dabei vor allem, daß dem Zuschauer vollkommen gleichwertig die beiden möglichen Positionen im dargebrachten Konflikt offeriert werden und nur das 'etwas' unpassende, aber nicht minder genial unerwartete, Schlußplädoyer des Anwalts Rohm diese "Entscheidungsfreiheit" einschränkt. Da wurde es Regisseur Richter wohl etwas zu vage, den Zuschauer in eine mögliche negativ anmutende Richtung laufen zu lassen ohne das er selbst die Geschenisse und die Argument abwägen und für sich entscheiden kann. Ein solcher Schluß wäre zwar konsequenter, aber nicht unbedingt besser gewesen.

Aus handwerklich / cineastischer Sicht präsentiert sich "Nichts als die Wahrheit" ebenfalls von der allerbesten Seite. Superb aufspielende Akteure, extrem gelungene musikalische Untermalung, wunderbare Kulissen und Schauplätze sowie gekonnter Schnitt und die bereits erwähnte exzellente Inszenierung machen den Film zu einem der nachhaltig beidruckensten Werke des Jahres.

Und doch tritt aufgrund der inhaltlich starken Story mit ihren suggestiv wirkenden Szenen diese handwerkliche Kunst merklich in den Hintergrund und der Zuschauer kann sich ganz seiner Gedankenwelt widmen, die ihm, öfter als ihm lieb ist, unbewußt untergraben wird. Wenn manche Dialoge bei mir die Vorstellung hervorrufen, gerade bei einem Mengele-sympathisierenden Gedanken erwischt worden sein, dann ist hier exzellente cineatische Arbeit abgeliefert worden, an denen sich so manche Regisseure eine dicke Scheibe abschneiden können.
Thomas Schlömer