Anschlag, Der
(Sum of all Fears, The)

USA, 132min
R:Phil Alden Robinson
B:Tom Clancy,Paul Attanasio, Daniel Pyne
D:Ben Affleck,
Morgan Freeman,
James Cromwell,
Liev Schreiber,
Bridget Moynahan
L:IMDb
„Was ist das? Eine Schnitzeljagd?”
Inhalt
Was würde passieren, wenn eine terroristische Vereinigung am neo-faschistischen Rand in den Besitz eines nuklearen Sprengkopfes gelangt und plant, diesen beim US-Superbowl zu detonieren? Und damit nicht nur eine Massenhysterie auslösen will, sondern versucht, die Verantwortung für den Anschlag den Russen in die Schuhe zu schieben - um so die beiden ehemaligen Gegner USA und Russland in eine kriegerische Auseinandersetzung zu zwingen? Inmitten dieses erschreckenden Szenarios ist es an Russland-Experte Jack Ryan (Ben Affleck) - erst seit einigen Monaten im Dienst der CIA - zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln, ist er doch der Einzige, der den unvorhergesehen an die Macht gekommenen neuen russischen Präsidenten Nemerov (Ciarán Hinds) einzuschätzen vermag. Damit er für seine neuen Aufgaben gerüstet ist, stellt CIA-Boss Cabot (Morgan Freeman) Ryan den erfahrenen Agenten Clark (Liev Schreiber) zur Seite, der den Neuling unter seine Fittiche nehmen soll. Die Kommunikationsdrähte zwischen Washington und Moskau glühen heiß, Präsident Fowler ist den verschiedenen Meinungen seiner Minister und Berater ausgesetzt, und Ryan muss mit Clarks Hilfe die Hintermänner des perfiden Planes ausfindig machen.
Kurzkommentar
Mit kleinen, unerwarteten Kniffen, einem sorgsam ausbalancierten Drehbuch, einer charismatischen Besetzung und handwerklich nahezu makelloser Inszenierung gelingt Regisseur Phil Alden Robinson ("Sneakers") ein sorgfältig ausgearbeiteter, größtenteils spannender Thriller. Zwar ist ein gewisser, altmodischer Touch spürbar und die Wirkung des Films nach jüngsten Ereignissen etwas getrübt, aber in sich zeigt sich "Der Anschlag" homogen und mit Bedacht produziert.
Kritik
Die Terror-Anschläge von New York und ihre Auswirkungen auf Hollywood und die gesamte Filmwelt sind trotz des nahenden Jahrestags noch längst nicht vergessen. Während einige Filme unter den Ereignissen stark zu leiden hatten, weil die Verleiher sich nicht trauten, diese unmittelbar danach in die Kinos zu bringen (Barry Sonnenfelds "Big Trouble", Phillip Noyce's "The Quiet American"), wirkten die Anschläge bei manchen Filmen gar als kleiner Kassenbonus: "Black Hawk Down" oder auch einfache Comic-Adaptionen wie "Spider-Man" könnten durchaus (wenn auch dezent) von der "Angst" der Bevölkerung profitiert haben. Nichtsdestotrotz sollte man die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung (auf reiner Erfolgsebene für die Kinostreifen) nicht überschätzen. Trotzdem beispielsweise die Kollegen von Spiegel.de nicht müde werden, zu erwähnen, dass es dem US-Volk in dieser Zeit besonders nach pathetisch-patriotischer Filmkost dürstet, so übersieht man die Verhältnismäßigkeit. "Wir waren Helden" mit Zugpferd Mel Gibson konnte gerade mal seine Produktionskosten von 75 Mio.$ wieder einspielen und "Windtalkers" von John Woo ist gar total abgestürzt.

Von daher ist durchaus zu behaupten, dass auch das sehr gute US-Einspielergebnis von "Der Anschlag" mit knapp 120 Mio.$ auch ohne realen Terror-Hintergrund locker zustande gekommen wäre. Nicht von der Hand zu weisen ist hingegen, dass die Realität hier Tom Clancys elf Jahre alte Romanvorlage mehr als eingeholt hat und der Film dadurch zwangsweise an Spannung einbüssen muss. Und dennoch sollte man es bei der Kritik des Films eher mit der arroganten Lockerheit Tom Clancys nehmen, der in einem Interview zum Zusammenhang Politik/Film lakonisch-arschlöchrig antwortete: "Politiker werden fürs Reden bezahlt. Deshalb denken sie, das sei richtige Arbeit. Ist es aber nicht."

Und um nun endlich die Kurve zum eigentlichen Film zu bekommen: man mag von Clancy und seinen persönlichen Ansichten halten, was man will. Unbestreitbar ist, dass die Filmumsetzung seines frühen Jack Ryan-Romans "The Sum of all Fears" bei Regisseur Phil Alden Robinson in guten Händen war. Robinson, in meiner persönlichen Regie-Liste allein schon aufgrund seines sympathisch-süffisanten "Sneakers" hoch im Kurs, besitzt genug Klasse, die größten, klischeeüberzogenen Fettnäpfchen zu umgehen und aus "Der Anschlag" einen modernisierten, wenn auch Hollywood-konformen Politthriller zu basteln. In Optik und Inszenierung reiht er sich nahtlos in die typischen Durchschnitts-Blockbuster der 90er ein, deren Charakter vor allem von Action-Produzent Jerry Bruckheimer geprägt wurde. Unter der Oberfläche jedoch entwickeln Robinson bzw. seine Drehbuchautoren Attanasio und Pyne einen soliden, handwerklich sehr sauber ausgearbeiteten Politthriller, der vor allem um Ausgeglichenheit und Realismus bemüht ist.

Trotz des etwas plumpen Set-Ups mit der verlorenen Atombombe (die von der verantwortlichen Regierung scheinbar einfach vergessen wird), dem zufälligen Fundus durch zwei Wüstensucher, sowie der enervierend-einfältigen Boshaftigkeit des Neo-Nazi Anführers Dressler, zeigt "Der Anschlag" vor allem ein ausbalanciertes Bild zweier Regierungen, die mit ihrem Vaterland-Stolz und der einfachen Angst vor einem Atomkrieg zu kämpfen haben. Dass Robinson dabei dem russischen Stab um Präsident Nemerov ebenso viel Leinwandzeit gönnt wie dem US-Präsidenten ist da nur die Spitze des Eisberges. Schaut man genau hin ist es sogar die US-Regierung, die hier einen Tick schlechter wegkommt, denn während Präsident Fowler schon den Befehl zum nuklearen Angriff gegeben hat, ist es Nemerov, der zuerst einlenkt. Dass es in der Figur des Jack Ryan trotzdem den amerikanischen Helden gibt, der alles verhindert, bleibt zumindest inszenatorisch im tolerablen Rahmen.

Gerade weil man aber derartiges von 08/15-Hollywood-Kost gewohnt ist, stechen weitere löbliche, den US-Thriller dezent renovierende Details ins Auge: Robinson setzt nicht auf ein einziges Set-Up während des gesamten Films, so dass jegliche Katastrophe schließlich abgewendet wird. Stattdessen lässt er den Anschlag wuchtig und gnadenlos erfolgen, den Krieg zwischen Russland und den USA sogar schon mit dem Verlust eines Flugzeugträgers beginnen und auch einen der prominentesten Charakter sterben. Das ist unerwartet, in dezentem Maße erfrischend, für einen unbeschwerten Thriller-Genuss auf jeden Fall ausreichend. Dass dann auch darstellerisch, musikalisch (sehr fein: Jerry Goldsmith) und effekttechnisch alles stimmt, ist nur das Sahnehäubchen dieses etwas altmodischen und doch fein herausgeputzten Thrillers.

Wohl durchdachte Mischung aus Drama, Thriller und Action


Thomas Schlömer