Gottes Werk und Teufels Beitrag
(Cider House Rules)

USA 1999, 125min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Lasse Hallström
B:John Irving
D:Tobey Maguire,
Charlize Theron,
Delroy Lindo,
Michael Caine
L:IMDb
„Gute Nacht ihr Prinzen von Maine, Ihr Könige von Neuengland.”
Inhalt
USA in den 30er Jahren: der dickköpfige, aber sorgsame Arzt Dr. Wilbur Larch (Michael Caine) leitet im abgelegenen St. Cloud's ein Waisenhaus. Im moralischen Konflikt zwischen Abtreibungen und ungewollten Schwangerschaften kümmern er und eine handvoll gutmütiger Schwestern sich liebenswürdig um die vielen Jungen und Mädchen, die noch keine Eltern gefunden haben. Als Ältester unter ihnen ist der mittlerweile erwachsengewordene Homer Wells (Tobey Maguire, "Pleasentville") zum Sohn des alleinstehenden Arztes geworden, wurde von ihm in alle erdenklichen gynäkologischen Techniken eingewiesen und mit dem nötigen medizinischen Wissen versorgt. Entgegen der Pläne Dr. Wilbur's hat Homer nicht vor eines Tages den Platz des Arztes einzunehmen und sehnt sich nach der Entdeckung der Welt. Als er schließlich auf das gut situierte Paar Wally und Candy (Charlize Theron, "Im Auftrag des Teufels") trifft, ergreift er die Chance dem Waisenhausalltag zu entkommen ...
Kurzkommentar
Wie der Titel es andeutet, ist "Gottes Werk und Teufels Beitrag" ernsthaftes Gefühlskino mit überwiegend grandiosen Darstellerleistungen. Lasse Hallström gelang zwar ein schönes Werk über Erziehung, Liebe und damit verknüpfter Tragik, vermag es aber nicht den Zuschauer konkret zu binden, weshalb das Geschehen teils märchenhaft in der Luft steht. Objektiv betrachtet ist die Oskarnominierung in der Kategorie "Bester Film" jedoch gerechtfertigt.
Kritik
Nach klassichen Kinderfilmen wie "Die Kinder von Bullerbü" nach Astrid Lindgren und sehenswerten Parabeln à la "Gilpert Grape - Irgendwo in Iowa" überzeugt der schwedische Regisseur Lasse Hallström erneut mit einer behutsamen und gefühlvollen Romanverfilmung. Nach der gleichnamigen Buchvorlage von John Irving inszenierte Hallström mit "Gottes Werk und Teufels Beitrag" ein beachtenswertes Werk über Liebe, Tragik, Erziehung und deren Folgen sowie über kontroversere Themen wie z.B. Abtreibung. Während dabei die Dialoge immer zwischen kunstvoll und durchdacht schweben, wirken manche Storyelemente deplaziert - teilweise weil sie zu abrupt eingebaut wurden, teilweise sind die Themen einfach nur schon zu oft durchgekaut worden - da nagt der Zahn der Zeit. Beispielhaft für die erste Kategorie sei (Achtung : Spoiler !) die Inzest zwischen Rose und ihrem Vater genannt. Falls Hallström hier den berühmten Schlag mit dem emotionslosen Hammer beabsichtigt hat, so sei die Wirkung als gelungen herausgestellt - innerhalb des bis dahin gefühlvollen Stücks um die erste Liebe Welles' sorgt das beim Zuschauer aber eher für ein negatives Filmempfinden - in Hinsicht auf das Gesamtdrama wäre das Einmischen des etwas aufmüpfigen Jack in die vermeintliche Familienidylle weitaus geschickter gewesen wie ich finde (Spoilerende). Überhaupt fehlt mir über weite Strecken des Films das bindende Element zum Zuschauer : das Geschehen wirkt teilweise märchenhaft abgehoben. Erzählerisch sicherlich unterhaltsam und kurzweilig - meist einfach nur "schön", aber zum Gesamtempfinden trug mir das persönlich irgendwie zu wenig bei.

Schauspielerisch kann sich eigentlich kein Akteur hervorheben. Der vielgelobte Tobey Maguire bleibt doch etwas blass in der Rolle des liebenswerten Milchbubis - mehr als ein apathes Lächeln darf er kaum zeigen. Da waren seine Leistungen in "Pleasentville" schon bemerkenswerter. Als gelungen kann hingegen die Leistungen von Michael Caine als gutmütiger Arzt und Charlize Theron als begehrenswerte junge Frau betrachtet werden - hier gefiel sie mir noch ein Stück weit besser als im Teufelsthriller "Im Auftrag des Teufels" neben Keanu Reeves. Meiner Meinung nach meistert sie aber in beiden Streifen gekonnt ihre Rolle und man sollte ihre Karriere durchaus im Auge behalten. Auch die Nebenrollen wie z.B. die des teils schon psychopathischen Vaters sind mit Delroy Lindo vortrefflich besetzt.

Bleibt die Frage nach dem Titel des Films : aus "The Cider House Rules" (nach der Liste mit Regeln im Apfelweinhaus) wurde "Gottes Werk und Teufels Beitrag". Sprachlich schlecht übersetzt oder semantisch gelungen transferiert ? Zugegebenermaßen tendiere ich eher zu Letzterem. Betrachtet man das Gesamtwerk so stellen beide Titel eine bestimme Aussage des Films heraus : einerseits, daß man (zweifellos unsinnige) Regeln hinterfragen sollte - im pädagogischen Sinne gleichbedeutend mit Persönlichkeitsentwicklung und Entscheidungskraft. Andererseits wird im Briefverkehr zwischen Dr. Larch und Homer zweimal die Rolle des Arztes als "Gott spielen" ausgelegt. Im gewissen Sinne ist Homer also Gottes Werk - mit Dr. Larch in der Rolle des "Gotts". Er, der bei sovielen ungewollten Schwangerschaften dabei war und für die Abtreibung ist, sieht sich des öfteren mit der Frage der Lebensberechtigung von unerwünschten Ungeborenen konfrontiert. Trivialerweise könnte man dann "Teufels Beitrag" als negative Nebeneffekte der gutmütigen, aber - vor dem späteren Lebensweg - naiven Erziehung Homer's in Dr. Larch's Waisenhaus deuten. Homer's Erziehung ist für "die Welt" und seine große Liebe einfach nicht geeignet genug, verhilft ihm aber, dies zu erkennen und die Entscheidung zu treffen, doch den Platz von Dr. Larch einzunehmen.

Ob "Gottes Werk und Teufels Beitrag" letztendlich die 7 Oskarnominierungen verdient hat ? Nun, sicherlich nicht in jeder Kategorie. Bei möglichst objektiver Betrachtungsweise kann ich jedoch ruhigen Gewissens sagen, daß die Nominierung als "Bester Film" durchaus gerechtfertigt ist. Denn bei aller Kritik und meinem persönlich eher moderatem Empfinden bleibt doch ein inszenatorisch bemerkenswerter Film.
Also eher ein Gotteswerk, denn ein Teufelsbeitrag.

Überzeugendes Gefühlskino ohne bindende Elemente


Thomas Schlömer