Gosford Park

UK/USA 2001, 137min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Robert Altman
B:Julian Fellows
D:Michael Gambon,
Kristin Scott Thomas,
Jeremy Northam,
Maggie Smith
L:IMDb
„»We all have something to hide.”
Inhalt
England, 30er Jahre des 20. Jahrhunderts: Das angesehene und reiche Familienoberhaupt William McCordle (Michael Gambon) lädt Verwandte und Bekannte übers Wochenende in sein Landhaus ein. Schon nach kurzer Zeit wird offenbar, dass jeder hinter Williams Geld her ist, und auch vor tätlicher Gewalt nicht zurückschreckt.
Kurzkommentar
Aus Alt mach nicht Neu. Robert Altman, Großvater der zelluoiden Sozialsatire, bleibt sich treu und liefert mit "Gosford Park" eine beispielhaft detailgetreue Ausschnittsaufnahme der englischen Gesellschaft zwischen den Kriegen. Darsteller, Schnitt und Authentizität zeichnen Altmans Handschrift aus, knapp bemessener Humor und fehlende Kernhandlung wirken ermattend.
Kritik
Stände und Klassen, die Gesellschaft im Wandel und darauf die filmische Satire eines Robert Altman. Beim Alten bleibt also alles, denn natürlich wirft "Gosford Park" wieder mal einen sezierend genauen, nostalgisch-ironischen Blick in soziale Schichtungen und deren Krankheiten. Das ist komplex, schön intellektuell, oft auch banal. Nachdem Altman mit "Cookie´s Fortune" dem Wesen des amerikanischen Südens den liebenswerten Spiegel vorhielt, schockierte er im letzten Jahr mit "Dr. T and the Women", einem als High-Society-Satire getarnten Gynäkologentrauma.

Von der Upperclass kann er sich auch jetzt nicht lösen, allerdings führt der Blick zurück in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, in jene Zeit, als der genuine Lebenssttil englischer Aristokratie in den letzten Zügen lag. Und da Glaubwürdigkeit ebenso wichtig wie Akribie ist, wollte sich Altman mit ausschließlich britischen Darstellern so richtig zu Hause fühlen. Das kommt dann nicht nur dem Originalton zugute, sondern bei weitgehendem Starverzicht auch potentiellen Preisen. "Gosford Park" allerdings gleich für sieben Oscars vorzuschlagen (darunter "bester Film" und "beste Regie"), ist, gleich der Nominierungswut für "A Beautiful Mind", eher Verlegenheits- als Vernunftsakt. Dumm halt, wenn die filmischen Mitbewerber scheinbar nicht mehr hergeben.

Damit sei nun nicht gesagt, dass Altmans neueste Soziologentat dem Niveau von "Dr. T" die Hand gibt. Nein, "Gosford Park" ist ein guter Altman, ein souveräner, aber leider auch ein typischer. Sehr gut und sogar außergewöhnlich, weil lange nicht mehr gesehen ist da z.B. die Idee, die gesellschaftlichen Mikrokosmen von gelangweiltem Adel und Dienerschaft in einer einzigen Örtlichkeit zu reflektieren und miteinander zu verweben. Und bei Altmans unbestrittener Kompentenz auf diesem Gebiet werden soziale Hierarchisierungen, deren Charakter und die Position des Einzelnen auch beeindruckend plastisch und glaubwürdig gemacht. Zu danken ist das auch der beisspiellos weisen Besetzungsliste.

Neben Emily Watson und Kristin Scott Thomas ist gerade der Auftritt der 68 Jahre alten Maggie Smith als schonungslos gehässige Großzicke ein echter Höhepunkt, völlig verdient mit der Oscarnominierung für die beste Hauptrolle quittiert. Ausdrucksstark und ausnahmslos interessant gibt sich auch der bunte Rest, zu viel des Guten führt allerdings wiederum zur Schwäche. Statt besonders exponierten Gestalten, statt Hauptdarstellern und wirklichen Handlungsträgern serviert Altman bloß gleichgewichtete Nebendarsteller. Wo der Landadel sich den Einstand gibt, regiert natürlich affektiertes Gehabe den Vordergrund, Gerüchte und Intrigen spinnen im Hingergrund. Zwischen den Figuren steht also mehr als ausgesprochen, über bloßes, investigatives Interesse hinaus spannend wird die Landpartie deswegen noch lange nicht.

Dass dies auch dann nicht geschieht, sobald der Gastgeber gemeuchelt und damit ein klassisches Agatha Christie-Szenario eröffnet wird, liegt daran, dass jegliche Möglichkeit auf einen begrüßenswert "klassischen" Spannungsbogen schon längst im Mikrokosmos der unzähligen Handlungsstränge versunken ist. Diese sind absolut kunstfertig miteinander kombiniert, doch rein gar nicht fesselnd. Zwar macht Stephen Fry in der Figur des Inspektors, der nicht seinen Namen nennen, geschweige denn zum Zuge kommen kann, klar, dass es Altman ja überhaupt nicht um Krimispannung geht. Dass das seicht satirische Geschehen den Zuschauer aber niemals binden kann, ihn vielmehr bemerkenswert unbeteiligt lässt, macht aus "Gosford Park" eigentlich recht wenig. Doch für einen Oscar muss es ja reichen.

Schwachbrüstiges Klassentheater, großartig montiert und besetzt


Flemming Schock