Gods and Monsters

USA 1998, 104min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Bill Condon
B:Christopher Bram
D:Ian McKellen,
Brendan Fraser,
Lynn Redgrave
L:IMDb
„Es ist eine Komödie über den Tod.”
Inhalt
1957: Der britische Regisseur James Whale, berühmt durch seine Frankenstein Filme und angefeindet von der feinen Gesellschaft wegen seiner offen eingestandenen Homosexualität, lebt zurückgezogen in einem komfortablen Haus in Hollywood. Nach einem Gehirnschlag wird Whale mit der Tatsache konfrontiert, dass sich sein Zustand immer weiter verschlechtern wird. Der Horrorvirtuose beginnt daraufhin mit der Inszenierung seines Todes, bei der sein Gärtner Clayton Boone unwissentlich als Todesengel fungieren soll. Doch zwischen dem unbedarften homophobischen Gärtner und dem raffinierten Regisseur entsteht eine Freundschaft, die Whales Plan nur auf Umwegen gelingen läßt
Kurzkommentar
"Gods and Monsters" erforscht auf feinsinnigste Weise die letzten Tage im Leben des "Frankenstein"-Regisseurs. Bill Condons facettenreiches Homophilendrama inszeniert bestechend hintergründig eine ungewöhnliche, fast psychoanalytische Generationenfreundschaft zwischen makabrer Aufführung und Vergangenheitstrauma. Ein wirkungsmächtiger Film.
Kritik
Die Vermessenheit des Menschen, sich mit der Rolle des Geschöpfes nicht zufrieden zu geben und sich selbst zum Gott, zum Deus Creator aufzuschwingen ist alt und mystisch gewachsen. Bereits in der jüdischen Sagenwelt begegnet uns der Golem, eine willenlose, aus Lehm geschaffene und nur für kurze Zeit belebte Kreatur. Aber erst in Mary W. Shelleys Angstroman "Frankenstein" festigte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit dem beseelten namenlosen Geschöpf, das als Monstrum missverstanden schließlich seinen hybriden Schöpfer umbringt, eine Ikone der Populärkultur und der fantastische wie fragwürdige Traum davon, dass der Mensch selbst die willkürliche Kontrolle über die Schöpfung übernommen hat. So datieren manche die Geburt dessen, was sich bis heute in Robotern und den Androiden fortspinnt, also die "anthropologische" Science-Fiction eines Isaac Asimovs oder "Blade Runners", zurück auf Mary W. Shelley.

Denn nicht nur die Literatur, und hier gerade die des 20. Jahrhunderts (z.B. G. Meyrinks "Golem", Isaac Asimovs "Robot Dreams", Phillip K. Dicks "Do Androids dream of electric sheep?"), sondern gerade der Film hat sich von der zentralen Frage bewegen lassen, ob der künstlich geschaffene "Mensch" eine Art Seele haben kann, ihn seinem Schöpfer gleichstellend. Daraus resultiert seit Frankenstein ein ödipaler Konflikt, das Geschöpf rebelliert moralisch überlegen letztlich gegen die Hybris des Schöpfers und tötet ihn - "wake up, time to die!". Auch wenn der artifizielle Mensch aus dem Katalog noch auf sich warten lässt, die Wahrscheinlichkeit seines Entstehens und der damit einhergehende Ethikdiskurs, der Tag für Tag aktualisiert wird, faszinieren seit langem. Zurück zu "Frankenstein": Das literarische Motiv Shelleys findet sich bereits in der Wiegenphase des Kinos, also in den Stummfilmen. Aber erst der britische Regisseur James Whale (1889-1957) verlieh 1931 Frankensteins "Monster" ohne Namen mit dem kantig zurechtmodellierten Boris Karloff ein äußeres Urbild. Whale adaptierte Shelley recht ungebunden. Ihm ist es zu verdanken, dass das Produkt Dr. Frankensteins Empfindungen, Innerlichkeit, bessere Menschlichkeit ("menschlicher als der Mensch ist unser Motto"), aber vor allem auch makabren Humor aufwies, was sich gerade in der Fortsetzung "Frankensteins Braut" (1935) äußerte. Whale hatte jedoch bald den Zenit seines Erfolges hinter sich und wurde als Homosexueller von den hohen Kreisen Hollywoods zum Außenseiter stigmatisiert und unter nie ganz geklärten Umständen 1957 tot aufgefunden.

"Gods and Monsters" des Engländers Bill Condon, der auch die Drehbuchadaption der Erzählung von Christopher Bram vornahm, versucht diese Umstände behutsam zu rekonstruieren, ohne den Anspruch eines Dokumentarfilms zu erheben. Die Kreatur "Frankensteins" als bildlicher Ausruck von Whales Outsider-Existenz. Schon 1998 entstanden und im vergangenen Jahr mit einem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet, kommt er erst jetzt in wenige deutsche Kinos. Leider. Ein kleiner Film mit großer Wirkung. Das vielschichtige und brilliant aufgebaute Drehbuch seziert die Psychen förmlich und behält stets doch beobachtende Distanz zu den nur drei Akteuren. Im Zentrum steht der Kontakt des kurz vor dem Tod stehenden Whale und seinem (fiktiven) Junggärtner Clayton Boone. Ian McKellen, Shakespeare-Darsteller und selbst homosexuell scheint für den Charakter Whales wie geschaffen, ihm ist anzusehen, dass er seine Rolle deutlich genießt. Gleichgeschlechtliche Empfindung muss er also gar nicht erst spielen und auch im Rest ist er einfach begnadet. Brendan Fraser ("Die Mumie") wirkt zuerst nur körperlich präsent, entwickelt sich aber bald zum wunderbaren Korrelat McKellens. Dieser wird von Condon aus der Perspektive des Traumverlorenen beobachtet, der doch impulsiv und irritierend vor Gefühlen schäumt, sobald seine Vergangenheit durchbricht. Und sie tut es ständig.

Whale lebt in seinem traumatischen Gestern, für das Boone der Konnex zur Gegenwart wird. In ihm hofft der dahinsiechende Regisseur, das einzige Gefühl der Liebe, das ihm, dem Isolierten, im Schützengraben des ersten Weltkrieges entgegengebracht wurde, für den Moment wiederzufinden. In seiner tragischen Biographie verloren, möchte Whale seinen Abschied filmgemäß schöpfend inszenieren und kontrollieren, aber ihm bleibt nur der apathische Rückfall. Was darf vergessen, was abgehakt und welche Erinnerung mehr sein, als nur wehmütiger Trost? Keine Antwort, sondern nur tausende von Gedankenblitzen und traumartigen Fragmenten. Conton entwickelt die Intimität von Whale und Boone als intelligent verstricktes, dramatisches Gefühlsspiel, sich öffnend und schließend, brilliant mit ständigen Rückblenden und korrespondierenen Auschnitten aus "Frankenstein" versetzt, die das Gegenwärtige aufschlüssen. Pointiert melancholische Musik unterstützt die eindringliche Stimmung.

Die Tragik von Whales Figur wird offenbar, als das verwüstete Feld, über das "Frankensteins" Kreatur orientierungslos stapft, zum Metaphern- und Erinnerungsfeld Whales selbst wird: zum Schlachtfeld des ersten Weldkrieges. Boone, seine Hoffnung, ist bei ihm und sieht, wie sich Whale neben seine Liebe im Schützengraben bettet. Aber die Biographie des Regisseurs, der sich einst, als er "Frankenstein" drehte, selbst wie ein kleiner Gott fühlte, ist unüberbrückbar. "Filme machen ist die schönste Sache der Welt" sagt Whale, aber seit er im Schützengraben gezwungen wurde, den Tod auszulachen, hat alles, auch sein nach Verständnis und Zuneigung suchendes "Monster" im Film, eine schmerzvoll makabre Note gewonnen. Boone reflektiert sein Verlangen nach verständnisvoller, die Isolation endlich aufbrechende Nähe und der Wunsch um Versöhnung mit sich selbst und der Welt. Aber Whale, der sein eigenes Requiem mit einer Läuterung enden lassen will, ist selbst zu sehr in die Haut des umherschwankenden "Monsters" gefahren, um die "Komödie des Todes" mit einer Antwort enden zu lassen. Auch wenn er Boone anfleht, dem Schöpfenden, der zum "Monster" wurde als Todesengel den "Gnadentod" zuzugestehen, bleibt noch nichtmal mehr das. Am Ende ist unsicher, ob er in der Gewissheit starb, durch die distanzierte Zuneigung Boones die Dualismen in seinem Charakter, das "Monster" und den Schöpfer vereint zu haben. Antworten gibt es keine, nur ein tot im Pool treibender Mensch, dessen Fragen im Wasser aufgelöst scheinen. Und auch das wird durch Condons beziehungsreiche Inszenierung mit einer ironisch-makabren Fußnote versehen, denn der Tod lacht doch immer zuletzt.

Unvergleichlich geheimnisvolle, nachhaltige Seelenöffnung


Flemming Schock