Glücksprinzip, Das
(Pay it Forward)

USA 2000, 124min
R:Mimi Leder
B:Catherine Ryan Hyde
D:Kevin Spacey,
Helen Hunt,
Haley Joel Osment,
Jay Mohr
L:IMDb
„Ich meine, die ganze Welt ist doch scheisse ... und da hab ich gedacht, Bumm!, die ganze Scheiße könnte doch besser sein.”
Inhalt
Von ihrem Lehrer Eugene Simonet (Kevin Spacey, "American Beauty") erhält eine Schulklasse die Aufgabe, sich zu überlegen, wie man die Welt verbessern kann. Der Elfjährige Trevor (Haley Joel Osment, "Sixth Sense") errechnet, daß sich ein Schneeballeffekt erzielen ließe, wenn ein Einzelner jeweils drei anderen Menschen helfen würde. Während er versucht, seinen verschlossenen Lehrer mit seiner Mutter (Helen Hunt) zusammen zu bringen, macht seine Idee die Runde - mit verblüffenden Ergebnissen.
Kurzkommentar
Für "Das Glücksprinzip" möchte man Regisseurin Mimi Leder ("Deep Impact") am liebsten an die Gurgel springen, so ärgerlich hintergeht der Film mit seinem unverschämten Ende die Zuschauer. Allein die vortrefflichen Darsteller retten Mimi Leders Ausflug ins Drama vor dem unteren Wertungsviertel.
Kritik
"Wie verbessert man die Welt?" ist die zentrale Frage, die Action-Regisseurin Mimi Leder in ihrem ersten Drama "Das Glücksprinzip" bearbeitet. Nach ordentlich Kawumm in "Projekt: Peacemaker" und etwas weniger Kawumm, aber dafür mit einem ordentlichen Schuß Pathos in "Deep Impact" dachte sich die ehemalige "L.A. Law" und "E.R.-Emergency Room" Regisseurin sie könne ja auch mal ein großleinwandiges Drama inszenieren. Die Zutaten waren schnell beisammen: Leslie Dixon adaptierte die Romanvorlage von Catherine Ryan Hyde, als Darsteller besorgte man sich mit Helen Hunt, Haley Joel Osment, Kevin Spacey, Jim Caviezel und Hollywoodlegende Angie Dickinson nur die Crème de la Crème und auch Komponist Thomas Newman gehört spätestens seit seiner kongenialen Musik zu "American Beauty" zu den meistgefragten Personen Hollywoods. Tja, was kann da noch schiefgehen?

Und in der Tat beginnt alles sehr nett. Kevin Spacey nimmt man den vereinsamten, labilen Lehrer durchaus ab, Helen Hunt steht die Rolle der überforderten Mutter um einiges besser als die der Karrierefrau aus "Was Frauen wollen" und Haley Joel Osment zeigt mehr als beeindruckend, daß seine Leistung in "The Sixth Sense" keine Eintagsfliege war. Die Grundidee hat genügend Potential für ein zündendes Drama und Mimi Leder etabliert die Charaktere und ihre Umgebung besser, als man es hätte vermuten können. Zwar schleichen sich hier und da ein paar stereotypische Elemente ins Drehbuch (an amerikanischen Schulen scheinen die älteren Schüler grundsätzlich die jüngeren in die größten Müllcontainer zu werfen), aber Regisseurin Leder mischt die Elemente gut ins sonstige Geschehen. Auch wie Trevor seine Mutter und Lehrer Eugene verkuppeln will kommt sympathisch rüber, wenn auch der "Die Schöne und das Biest"-Effekt aufgrund Eugenes Verbrennungen etwas zu dick aufträgt - von Jon Bon Jovis peinlichem Auftritt ganz zu schweigen.

Aber diese Kleinigkeiten hätte man dem Film problemlos verziehen, wenn nicht das absolut ärgerliche Finale folgen würde. Die letzte Kulmination, über die man sich ähnlich massiv aufregen konnte (zumindest ging das mir so), war die dämliche Genrewendung am Ende von "Kalt ist der Abendhauch". Man halte sich vor Augen: Mimi Leder präsentiert uns den kleinen Trevor als aufgeweckten, aber auch ängstlichen Jungen, dessen brillante Idee, die Welt zu verbessern, einmalig ist und trotz kleinerer Rückschläge beachtliche Wirkung zeigt. Glaubwürdigkeit hin oder her, jeder Charakter des Films gibt die gute Tat an jemanden anderen weiter und die Message überträgt sich wunderbar auf den Zuschauer: bei der nächsten Gelegenheit ergreift man mal selber die Initiative und tut jemandem einen großen Gefallen.

[Spoiler] Doch dann schlägt das Drehbuch gnadenlos zu: zunächst wird offenbart, daß die obdachlose Frau (Angie Dickinson), die ihrerseits in die Kette des Glücksprinzips involviert ist, Arlenes Mutter(!) ist. Arlene (Helen Hunt) hat sie damals aufgrund massiver Alkoholprobleme vor die Tür gesetzt und seitdem lebt sie unter den Obdachlosen. Eine derart krasse Reaktion (die eigene Mutter auf die Straße zu setzen) passt nun überhaupt nicht, aber auch gar nicht zur Persönlichkeitsstruktur Arlenes, die dem Zuschauer bislang als etwas überlastete, aber doch herzensgute Frau präsentiert wurde. Gut, ein Patzer (wenn auch ein großer), aber das Enttäuschendste kommt ja noch. Alles scheint sich zunächst zum Guten zu wenden: Eugene und Arlene kommen sich näher, Trevors naive Idee scheint zu greifen und er ist glücklicher denn je. Stolz präsentiert er den Erfolg seines Prinzips vor laufender Kamera und dank Haley Joel Osments Knuddelcharakter kommt das auch beherzt rüber.

Aber dann greift das Drehbuch nochmal die unterlassene Hilfe Trevors zu Beginn auf: sein Schulkamerad Adam wird erneut von älteren Schülern herumgeschubst, aber diesmal ist Trevors Wille groß genug, einzugreifen - und: stirbt durch einen Messerstich. Aussage: wenn du jemandem helfen willst, wirst du abgestochen. Abstrakter: die Welt ist brutal und wer Gutes tun will, spielt mit seinem Leben. Nicht zu fassen, daß Mrs. Leder hier das etablierte Feel-Good des Zuschauers untergräbt und dem ganzen Film seine Grundlage nimmt. Hätte sie von vorneherein ihren Film auf ein tragisches Ende abgestimmt, gewissermaßen den beabsichtigt-düsteren, depressiven Streifen geschaffen, so wäre ihr sicher niemand böse gewesen. So betrügt Mrs. Leder allerdings ihr Publikum und wenn selbst das Presseheft (indirekt) zugibt, daß man nur gegen den Strom der Happy-End Hollywood-Produktionen anschwimmen wollte, so ist das mehr als erbärmlich. Da hilft auch nicht das möchte-gern inspirierende Schlußbild, das wohl andeuten soll, daß Trevor's Idee ja weiterlebt; sein Engagement also doch nicht umsonst war. Eine derartige Messias-Platitüde ist hingegen noch abartiger.

Und? Wie verbessert man nun die Welt? Am besten läßt man Filme wie diesen ungedreht.

Schauspielerisch tolles Drama mit inakzeptablem Ende


Thomas Schlömer