Talentierte Mr. Ripley, Der
(Talented Mr. Ripley, The)

USA, 139min
R:Anthony Minghella
B:Patricia Highsmith,Anthony Minghella
D:Matt Damon,
Gwyneth Paltrow,
Jude Law,
Cate Blanchett
L:IMDb
„Lieber ein falscher Jemand als ein echter Niemand.”
Inhalt
Der mittellose Tom Ripley (Matt Damon) erhält den Auftrag, nach Italien zu reisen, um den jungen amerikanischen Playboy Dickie Greenleaf (Jude Law) zu überreden, in die USA zurückzukehren: Er soll endlich Verantwortung übernehmen. Dickie aber bleibt hartnäckig und zieht es vor, weiterhin das Lotterleben mit seiner Verlobten Marge (Gwyneth Paltrow) zu genießen. Tom beneidet Dickie um das Leben, das er führt. Er schmeichelt sich in die Welt von Dickie ein. Es entsteht Sympathie. Wochen brechen an, in denen sich alle königlich amüsieren, und Tom offenbart Dickie gar die Mission, in der er unterwegs ist. Für Ripley scheint ein Traum wahr geworden zu sein, doch je diensteifriger er sich in der Rolle des besten Freundes einrichtet, desto unbehaglicher wird es dem egozentrischen Millionärssohn Dickie. In einer Rauferei, die fast aus Versehen beginnt, sich aber zum todernsten Kampf ausweitet, tötet Ripley Dickie und nimmt dessen Identität an.
Kurzkommentar
Der mit Spannung erwartete erste Film von Anthony Minghella seit "Der englische Patient" hat alles, eben nur keine Spannung. Die mit den Vorzügen einer exzellenten Besetzung und einem elegant durchkomponierten Drumherum ausgestattete Literaturadaption wiegt sich lahm zwischen Psychothriller und homophilem Täuschungsspiel. Allerdings gibt es intelligente Wendungen und erfrischende Amoralität.
Kritik
Der größte Inhaltstrend im Kino ist gegenwärtig wohl die Literaturverfilmung. Als Produzent und Regisseur fährt man dabei schnell die sichere Linie, hat man doch die Fans der Buchvorlage als Kinopilger fast so sicher wie ein gelungenes Drehbuch. Auf ersteres hat Anthony Minghella, seit der neunfachen Oscarkrönung im Hollywoodolymp, nicht gerade abheben können, da das Buch von Patricia Highsmith bereits zweimal verfilmt wurde, also thematisch nicht gerade ein Novum ist.

Minghella trägt seit der Adaption des Buches von Michael Ondaatje im "Englischen Patienten" neben der sensationellen Oscaranhäufung eben auch das schwere Los, dass sich ein vergleichbarer Triumph im Nachfolgefilm nur schwerlich wiederhohlen lassen würde. Sich dessen gewiss, ließ sich er sich auf keine Experimente ein, griff ergo erneut zu einem leinwandqualifizierten Buch und konnte, da von den Studios umhätschelt, auf die talentiertesten Jungdarsteller zurückgreifen.

Was Minghellas Verabeitung von den vorigen unterscheidet, weniger konventionell macht und eng an die Literaturvorlage anlehnt, ist der Impetus einer geschickt zur Disposition gestellten Moral. Doch dazu später. Nun ist es seit dem eine Liebe in epischer Breite erzählenden "Englischen Patienten" ein Charakteristikum Minghellas, das Publikum mit seiner Art in zwei Parteien zu spalten. Die einen finden sie berührend und minutiös-kunstvoll, die anderen schlichtweg öde. Vor diesem Hintergrund bleibt sich Minghella treu, denn auch "Der talentierte Mr. Ripley" muss sich den Vorwurf von unnötiger Länge und fehlender Dynamik gefallen lassen. Dass ist irgendwo fatal für einen Film, der sich selbst als Thriller verkaufen möchte.So kann man sich fragen, was die lange Exposition des Streifens soll, in der praktisch über eine Stunde die sich entwickelnde intime Beziehung von Tom und Dickie ausgewälzt wird, wenngleich die Synopsis darauf zu reduzieren ist, dass Herr A Herrn B im Affekt umbringt, die Identität von B annimmt und versucht, nicht aufzufliegen. Insofern hätte Jude Law als Dicke schon früher abtreten können, nicht aber als Schauspieler. Und das ist es auch, wovon Minghellas Streifen zehrt. Nichts scheint ihm ferner zu liegen, als erwartungsgemäße Thrillerspannung zu konstruieren, vielmehr kostet er detailgenau agierende Darsteller vor opulenter Kulisse aus.

Jude Law, jetzt für den Oscar in seiner Nebenrolle nominiert, lässt den charakterschwachen, exzentrischen Playboy und Lebemann unter italienischer Sonne paradehaft raushängen, Matt Damon kontrastiert ihn als angedeutet homphilen Neider, der in Dickie ein projeziertes Wunschbild liebt, das ihn selbst zu zerbrechen droht. Damon gelingt es, der Figur reizvolle Aspekte einer Unbestimmtheit in sexuellen Neigung wie übriger Intention zu vermitteln. Er ist talentiert, keine Frage, aber dafür gleich wieder den Oscar, für den er jetzt vorgeschlagen wurde? Immerhin schafft es es im Ungewissen zu halten, ob ihn der mordsmäßige Rollentausch erst recht in die tiefste Identitätskrise stürzt.

Als Ripley ist er also sehenswert, gerade weil er als "Talentierter" ein Mann ohne und doch mit allen Eigenschaften zu sein scheint. Da sie dem Film sichtliche Impulse geben und er von ihnen lebt, sind die Leistungen von Damon und Law erstklassig, hingegen kommen die Frauenrollen (das Drehbuch diktiert es) kaum zu Zug. Nicht nur die Haut der oscardotierten Gwyneth Paltrow bleibt vorwiegend blass, auch ihrem Auftritt bleibt nicht viel mehr als argwöhnische und bezaubernde Blicke, abgestimmt mit dezenter Hysterie - fast ebenso eine Verschwendung wie Cate Blanchett, die eine eigentlich völlig verzichtbare Figur übernimmt. Beide sind so nur Fassade, aber dafür so ansehnlich wie die übrige des Filmes.

Im "Englischen Patienten" wurde deutlich, dass es niemand wie Minghella versteht, narrative Momente mit berauschend sanfter Optik zu kombinieren. Er und sein ihm treuer Kameramann John Seale sind regelrechte Filmkomponisten. Vor einer pastoralen Kulisse Italiens, den Gegenpol zu den sich auftuenden Seelenabgründen stellend, entfalten sie eine bild- und tonästhetische Rekonstruktion der ausgehenden 50er Jahre. Mingella scheint in seinen Filmen immer gleich das Gefühl einer ganzen Epoche reflektieren zu wollen, was ihm durch illustrierendes Arrangement und besagten Schauspielleistungen gelingt. Mitunter wird das Schönmalerische jedoch zu plänkerisch, bleibt der Spannungsbogen unentdeckt, weil man ahnt, dass er sich bei Mingella, wenn überhaupt, harmonisch zur Hintertür reinschleicht.

Überraschen kann da allenfalls die phasenhafte Borniertheit der Geschichte, in der Mr. Ripley als Mr. Greenleaf durchgeht und niemand Verdacht schöpft. Dennoch gibt es unerwartete Wendungen und eine Figurenzeichnung, die den Zuschauer förmlich zur Identifikation mit dem Mörder zwingt. So wird die Figur des Ripley ethisch unbestimmt konnontiert und das eigentlich Verwerfliche vertretbar. Es ist diese Unmoral, die den "Talentierten Mr. Ripley" zusammen mit einem frei schwebenden, unkonventionellen Finale als Theater der Täuschung sehenswert macht.

Langatmiges Täuschungsspiel mit exzellenter Besetzung und Photographie


Flemming Schock