Music of the Heart

USA, 124min
R:Wes Craven
B:Pamela Gray
D:Meryl Streep,
Angela Bassett,
Gloria Estefan,
Aidan Quinn
L:IMDb
„It is definetly not cool to waste your talent”
Inhalt
EAST HARLEM, 1980: In einem der verrufensten und gewalttätigsten Viertel der USA versucht Roberta Guaspari (Meryl Streep), Kindern die Schönheit des Geigespielens näher zu bringen. Von Kollegen, Eltern und Kindern zunächst skeptisch beäugt, entwickelt sich ihr sogenanntes East Harlem Violin Program rasch zu einer wichtigen Institution, in der Schüler nicht nur das Instrument, sondern noch etwas viel wichtigeres lernen: dass man im Leben alle Träume verwirklichen kann, wenn man nur wirklich will.
Kurzkommentar
Der "Horrormeister" auf neuen Pfaden, die hätten gruselig enden können. Aber Wes Cravens Verbeugung vor der wahren Geschichte der Geigenlehrerin Roberta Guaspari ist ein dezentes Melodram mit gesunder Sentimentalität und einer unglaublichen Leistung von Meryl Streep. Trotz schwergängigem, schematischem Plot geht Cravens mutiger Schritt stimmungsvoll aus.
Kritik
Regisseur Wes Craven ist schon ein Sonderfall. Denkt man an die Entwicklungslinie des Kinohorrors, denkt man an Craven. 1982 machte er mit dem "Ding aus dem Sumpf" auf sich aufmerksam, zwei Jahre später hob er mit Freddy Krüger aus "A Nightmare on Elmstreet" nicht nur einen augenzwinkernden Slasher, sondern auch eine der markantesten Horrorgestalten der Zelluloidhistorie aus der Taufe. Mit seiner Kreatur Krüger wurde der Hochschulabsolvent Craven (Philosophie, Psychologie und Creative Writing) zur Kultfigur und zum Synonym für den intelligent-ironischen Schocker. Was er mit "A Nightmare on Elmstreet" leistete, konnte er 1996 mit dem weltweit erfolgreichen "Scream" wiederholen: Die Neuerfindung des Teenie-Horrors. Spaß, Lebensangst und Schrecken waren wieder vereint. So wurde der Name Craven endgültig zum Markenbegriff. Es folgte natürlich die nicht minder publikumsträchtige Fortsetzung und Ende Juni dieses Jahres "Scream 3", der vielen jedoch signalisierte, dass der Bogen endgültig überspannt sei. Vorher überrascht er aber zumindest hierzulande (chronologisch ist "Scream 3" sein neuester Film) die Fans und jene, die ihm Vorstellungsarmut und ewige Reproduktion vorwerfen.
Mit "Music of the heart" - der Titel klingt so schmalzig wie Violinenklänge schön - verlässt Craven sein Terrain, bläst zur empfindsamen Gegenoffensive und wirft sich mutig in ein Genre, in dem tränengefüllte Taschentuchberge, aber bestimmt keine blutigen Schlitzer zu finden sind. Das hätte verdammt schmerzvoll enden können, aber Craven packt den trotzigen Beweisantritt, dass sein Oeuvre mehr hergibt, als "nur" hippe Buh-Effekte. Das Presseheft spricht von einer "sehr persönlichen Facette" seines Schaffens, der kritische Beobachter hingegen von einem publicityträchtigen Schachzug und gediegenem Gefühlsfetzen. Und da die Vergangenheit auch immer Motor gegenwärtiger Kräfte ist, ist der Stoff von Cravens Film genau das, was schon die hochmittelalterliche Literatur sein musste, um Interesse zu erregen: "wahr". Fiktives Kino scheint nicht mehr zu bewegen, die "Straight Stories", die wahren und wahrhaftigen Geschichten müssen her, eben die des Lebens.

Das ist dann nicht nur glaubwürdig, es geht auch so befreiend ans Herz, wenn die Leinwand die Gefühlswucht des "authentischen" Lebens dramaturgisch ausschmückt. Das Leben der willensstarken Geigenlehrerin, die Kraft der Musik visionslosen Jugendlichen eines armen Viertels Hoffnung und Erfüllung spendet, ist wirklich fast zu kitschig, um wahr zu sein. Es wurde schon 1995 von Alan Miller im oscarnominierten "Fiddlefest" eigentlich erschöpfend abgehandelt. Cravens Zueignung gelingt im wesentlichen aber aufgrund dreier Aspekte: durch das altbackene, aber effektiv umgesetzte Strickmuster, durch salbungsvollen Musikeinsatz und Meryl Streeps begnadete Darstellung. Wirklich alles gruppiert sich um sie, die den Film nicht nur allein mühelos trägt und verdienterweise ihre zwölfte Oscarnominierung einheimste. Streep verleiht ihrer Rolle sogar so viel Willensstärke und Vitalität, dass man den zähen Plot, Klischees und moralischen Kitsch gern übersieht.

Craven tat gut daran, auf eine außergewöhnliche Leistung von Streep zu hoffen. Der erste Eindruck, sie spiele eine pathetische Heulsuse, täuscht. Ohne Streep wäre der Film trotz der schönen Violinenmusik nichts. Doch auch die Regie weist nicht nur Innovationsfreiheit, sondern auch einen wirklichen Vorteil auf: statt schnulzig dick aufzutragen, lebt sie von leisen Tönen. Craven erzählt seine Geschichte aus angemessener Distanz, tastet eher im Stoff und beweist dadurch seine souveräne Beherrschung. Sicher, die Geschichte einer sich gegen innere und äußere Hürden emanzipierenden Lehrerin ist alles andere als neu, aber viele Genrefilme gibt es eben nicht. Außerdem ist die Sentimentalität von "Music of the Heart" eine wirklich gesunde. Fließen Tränen, ist es schön. Stören können da allenfalls stereotype Geschmacklosigkeiten wie die Skepsis der schwarzen Bewohner gegenüber der "Musik des bösen weißen Mannes". Ist sie verflogen, hofft und weiß man, dass Roberta Guaspari als menschliche Heroin die ehrwürdige Carnegie-Hall erobern wird. Bemerkenswert sind noch die Nebendarsteller, besonders Angela Basset als stählern nachdrückliche Schulleiterin glänzt, hat aber insgesamt zu wenig Szenen. Das Kinodebut von Sängerin Gloria Estefan stört nicht, fällt aber auch nicht auf. So ist Cravens Neulandbetretung und Referenz an die Taschentuchfraktion solides, zurückhaltendes, zuweilen wundervolles Gefühlskino mit einer ausgezeichneten Meryl Streep. Will Craven in Zukunft nicht nur im Horrorgenre bestehen, muss er vom Althergebrachen allerdings absehen. Doch "Scream 4" kommt bestimmt.

Dank herausragender Hauptdarstellerin ansehnlicher Tränenzieher alter Machart


Flemming Schock