Mulholland Drive

USA, 147min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:David Lynch
B:David Lynch
D:Naomi Watts,
Justin Theroux,
Laura Harring,
Ann Miller
L:IMDb
„Es ist nur eine Illusion.”
Inhalt
Eine geheimnisvolle Unbekannte, die sich Rita nennen wird (Laura Elena Harring), verliert nach einem Autounfall ihr Gedächtnis und bekommt zufällig von der naiven Betty (Naomi Watts) Hilfe. Letztere träumt davon, ein Filmstar zu werden, hilft Rita jedoch bei der Suche nach ihrer Vergangenheit. Doch ihnen wird, wie auch vielen anderen, die ihre Wege kreuzen, zusehends der Boden der Realität unter den Füßen weggezogen.
Kurzkommentar
Was mit dem Drehbuchpreis in Cannes ausgezeichnet wurde, ist die Rückkehr des Regieexzentrikers in seine gewohnte Rolle. David Lynch feiert in bedeutungsvoller Sinnlosigkeit seine persönliche Rebellion gegen das Verständliche und schafft mit "Mulholland Drive" einen natürlich bizarren Abstieg in eine besessene Welt. Die Essenz des Ganzen bleibt überzogen mysteriös, allerdings besticht das Triptheater durch exzellent konstruierte Spannungsmomente.
Kritik
Der Demiurg dunkler Bewusstseinswelten ist zurück, zurück im Unkonventionellen, das wiederum seine Konvention ist. David Lynchs Kino spaltet die Gemüter. Es verlangt immer das vom Zuschauer, was er und seine Gewohnheiten nicht zu geben bereit sind. Zwar spielten und spielen einige wenige Filme (wie zuletzt "Memento") mit den Schablonen von chronologischen und erzählerischen Grundmustern, letztlich bleiben sie aber anstregende Experimente, Ausnahmen. Die Traummaschinerie Hollywoods sieht sich zwar für Fiktionen, für neue Welten zuständig, doch die Träume, sind sie auch noch so abgehoben, sollen, eben weil man es von "der" Realität gewöhnt ist, gradlinig sein und im Großen und Ganzen Etwas bedeuten. Kurz, nichts bleibt wirklich unaufgeschlossen, alles macht Sinn und im schlimmsten Fall ist am Ende alles Gut.
Das ist es, wogegen Lynchs Werke beständig rebellieren. Sie sind schlimmer als die Realität, komplizierter, illusorischer, sie sind Albträume und damit eben so, wie wir die Natur des Traums aus eigenem Schlaf kennen: wirr, wahnsinnig, aufflackernd, inkohärent, aufgeladen bedeutungslos zwischen Leben und Tod. Von diesem Rätsel ist eigentlich jeder "neue Lynch" besessen, und weicht er nur einmal davon ab, geschieht dann auch gleich Bemerkenswertes. In seinem letzten Film, "The Straight Story", bot er, vielleicht um des sportlichen Ehrgeizes willen, eine kauzige Roadmovie-Hommage in schon fast penetranter Gradlinig- und Langsamkeit, aber dafür mit viel Poesie und sinnstiftender Weisheit. Doch das war zu viel der Idylle, mit "Mulholland Drive" bricht wieder das krasse Kontrastprogramm herein. Geblieben ist Lynch nach "Lost Highway" allein das Motiv des Straße, auf der sich auch zu Beginn von "Mulholland Drive" das Albtraumhafte seinen Weg bahnt.

Dieses war eigentlich als Serie geplant, zu der "Mulholland Drive" den Auftakt geben sollte. Die britische ABC verwarf das Projekt jedoch, eine zehnstündige Höllenfahrt wäre wohl doch zu düster geworden. Und da Hollywood an der Dekonstruktion des eigenen Mythos interessenlos ist, wurde die Archivleiche unter französischer Finanzierung wiederbelebt. So besteht "Mulholland Drive" zum Großteil aus bereits 1999 gedrehtem Material. Man sitzt natürlich nun der Versuchung auf, als Träume gedachte Entwürfe an Erfahrungshintergründen der Realität zu messen und Lynchs bizarre Extravaganzen als ästhetisch sinnlose Willkür zu verdammen. In der Tat ist auf Lynch Verlass, mal wieder gibt es Fragen und fraglos unzureichend Antwort: die eindeutig sichtbare, vielleicht vordergründige Problematik sind die verwirrenden Parallelhandlungen. Da ist die naive Jungschauspielerin, den trügerischen Glanz Hollywoods anhimmelnd, die mysteriöse Schwarzhaarige, die nicht nur Opfer, sondern irgendwie auch Täter zu sein scheint, ein von Albträumen Geplagter, ein verhinderter Berufskiller, ein Regisseur und obskure Mafiabosse und zu guter Letzt ein mysteriöser Cowboy.

Bewusst enttäuscht Lynch jede in Richtung "normaler" Handlungsverlauf gerichtete Erwartung und konstruiert sein surreal strapazierendes Kabinett. In einer Serie hätte selbst er dem Erklärungsbedarf, der Frage, "was das alles nun eigentlich soll", womöglich nachgegeben, das Abgründige vor dem Fall bewahrt und Schlüssel für das Geschehen geboten. So aber legt er nicht nur in Form des Schlüsselsymbols Finten für besagte Sehnkonventionen. Hat man auch Anfangs noch den Eindruck, das Geschehen nach dem Autounfall (brilliant scheint die Kameraführung die Wahrnehmung der Geschockten wiederzugeben) falle ins Genre des Film Noir, so lässt Lynch das Ruder bald fahren. Resultat ist eine abgefahrene Tour de Force, in der natürlich mal wieder nichts ist, wie es zu seien scheint. Allein die Angst ist und sie überlagert alles, vielleicht ist sie das Rätsel selbst.

Mag es auch nerven, wenn sich im Kino künstlerische Freiheit mehr und mehr als Einladung zum allegorischen Großangriff, zum Psychotrip jenseits aller Erzählung (miss)versteht - Lynchs "Straße der Dunkelheit" führt tief, so intensiv wie selten in das Zentrum "der" Angst. Sie selbst ist nur schwer zu benennen, ist aber als bedrohliche Grundstimmung auf verschiedene, immer virtuose Weise in die erst bezugslosen Parallelhandlungen hineinmontiert. Derweil der Zuschauer vergeblich versucht, die Puzzlestücke zu einem schlüssigen Gesamtbild zu fügen (sofern dies überhaupt möglich ist), intensiviert Lynch die Spirale des Unheimlichen. Wie in einer Szene eine blaue, mysteriöse Schatulle geöffnet wird und der Blick nicht auf des Rätsels Lösung, sondern bloß ins schwarze Loch fällt, so funktioniert "Mulholland Drive" als umgekehrtes "Black Box"-Experiment: wir sehen hinein, aber der Ablauf des Schreckenstheaters macht keinen Sinn.

Dessen Verlust ist aber durch grotesk gute, fast geniale Szenen ausgebügelt: hier bewegt sich Lynch in einer Vorspielszene der Betty auf der Metaebene des Schauspiels, dort, als sich Betty und Rita durch nebulöse Motivation in ein Illusionstheater flüchten, nur auf der nächsten Stufe der Täuschung. Traum und Wirklichkeit sind hier ebenso unglaublich verschränkt wie in der symbolisch überfrachteten, verschrobenen Begegnung von Cowboy und Regisseur. Und zum Finale tanzen noch miniaturisierte Schreckensrentner, deren Auftritt den Bogen mal wieder absonderlich zum Anfang schlägt. Dann ist aber schon alles zu spät. Dazwischen entwickelt sich noch der Ansatz einer Love-Story, bis immer wieder der Rückfall in die Hölle folgt. Und die erlebt man trotz aller programmgemäßen Konfusion mit, da es Lynch schon durch formale Elemente, durch Kamera und Musik gelingt, das Interesse des Zuschauers zu bannen.

Bis es für die Absurditäten am Ende "Silencium" heisst, der Vorhang fällt und man geht, ohne zu wissen, ob das nun erst der Anfang war, fesselt "Mulholland Drive" zwischen bildgewordenem Albtraum und psychoanalytischer Keule. Jene, die schon vorher ein Faible für diesen Lynch hatten, werden nicht gerade erfinderisch, aber packend bei Laune gehalten. Weniger Wohlgesonnene finden hier nur einen weiteren Grund, über Lynch als Querolanten den Kopf zu schütteln. Allen anderen aber, die offen sind für die Abgründe psychoider Leinwandexperimente, sollten einen Blick riskieren. Lynchs Launen bleiben im Unberechenbaren berechenbar, es wäre aber wünschenswert, dass sie in Zukunft nicht nur Phantasie, sondern etwas mehr bodenständige Imagination beweisen.

Symbolüberfrachteter Albtraum zwischen Bedeutungsfülle- und Leere


Flemming Schock
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Lynchs gezielt schwer (oder gar unmöglich) durchschaubarer Erotikthriller lebt in erster Linie von der Faszination des Unbekannten, seiner handwerklichen Eleganz und Angelo Badalamentis brummender Untermalung. Trotzdem scheint mir der Streifen ähnlich lösbar zu sein wie Vorzeige-Filmpuzzle "Memento" - durchaus schon nach dem ersten Ansehen. Im Gege...