Es begann im September
(Autumn in New York)

USA, 106min
R:Joan Chen
B:Allison Burnett
D:Richard Gere,
Winona Ryder,
Anthony LaPaglia,
Elaine Stritch
„Hast du Angst vor Gefühlen?”
Inhalt
Will Keane (Richard Gere) ist ein Mann, der alles hat, aber nichts bereit ist zu geben: Als Besitzer eines New Yorker In-Restaurants liegt ihm die High Society zu Füßen. Die Herzen der Frauen fliegen ihm zu, aber Will ist zu keiner Beziehung fähig. Doch als er die mädchenhafte Charlotte Fielding (Winona Ryder) - die Tochter einer alten Flamme - kennenlernt, ist mit einem Mal alles anders. Charlotte will nur den Moment von ihm, nicht die Zukunft - denn es ist womöglich ihre letzte Liebe. Charlotte ist schwer herzkrank.
Kurzkommentar
In ihrer ersten Hollywoodregie liefert die chinesische Schauspielerin Joan Chen einen unoriginellen wie dramaturgisch seichten Schmachtfetzen. Trotz namhafter Hauptdarsteller versagt sich jegliche, über plakativen Effekt hinausgehende Emotionalität.
Kritik
Zwei Dinge hatte der Kinosommer nicht: mit nur fünf Filmen, die in ihren Einnahmen über 150 Millionen Dollar stiegen, so viele Besucher wie im letzten Jahr und auch keine altmodisch gestrickte, gradlinige Schnulze. Aber jetzt soll der Herbst mit großer Melodramatik eingeläutet und mit einem zugkräftigen Starduo wieder Kasse gemacht werden.
Wer könnte für die männliche Hauptrolle wohl vorgefertigter sein als Ewig-Playboy Richard Gere, der den Kampf gegen sein nicht zu tilgendes Beau-Image mittlerweile aufgegeben hat, kehrt machte und sich zuletzt in "Runaway Bride" als Herzensbrecher wieder in Stand setzte. Dass er diesmal die zerbrechliche Winona Ryder, die sich kürzlich in "Durchgeknallt" respektabel zurückmeldete, rumkriegen darf, propagiert eine recht junge Moral: die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, die vom Alter her seine eigene Tocher sein könnte. Vielleicht haben die Verantwortlichen aus der Not aber auch nur eine Tugend gemacht, weil niemand salbungsvoller leiden kann als Wynona Rider.

Überraschend in dieser rundum schnellen und billigen Berechnung ist allein die Wahl der Regisseurin: die Chinesin Joan Chen (die Frau an der Seite des "letzten Kaisers" von Bertolucci), eine in Shanghai aufgewachsene Schauspielerin, gab schon vor 12 Jahren mit einem preisbedachten Werk über Frauen in der chinesischen "Kulturrevolution" ihr Regiedebüt. Dass sie sich für ihre Erstarbeit in Hollywood auf keine Experimente einlässt, ist ebenso verständlich wie die Wahl eines grundsoliden Themas, nicht aber, dass sie selbst das nicht funktional umsetzen kann. Komödien sind zum Lachen und berechenbare Melodramen zum Heulen da. Zu Letzterem dürfte einem bei "Es begann im September" allein wegen schrecklicher Verzichtbarkeit zumute sein; emotionale Bewegung bleibt in oberflächlichen Plattheiten stecken, wirkt fast gewaltsam und wird an Konstruiertheit nur noch von den schmalzig-banalen Dialogen übertroffen.

So entbehrt das überzogen bemühte Liebesleiden jeglicher Dramatik und die beiden Hauptdarsteller ringen mehr mit dem Schlaf als um die endgültige Liebe. Wo Gere mit Distanz auftritt, wirkt Winona Ryders naives Getue enervierend gekünstelt. Tragisch in diesem pompösen Gefühlskitsch ist womöglich nur, dass alle Voraussetzungen für eine Edelschnulze präsent waren: zwei schöne Menschen, bei denen selbst das Leid noch schön ist, eine fähige Regisseurin und mit Changwei Gu ("Lebewohl, meine Konkubine") auch ein versierter Kameramann, der das Schmachten in ein herbstgoldenes New York hätte einbetten können.

Aber schal und fantasielos klappt es hinten und vorne nicht, mit dem vernichtenden Ergebnis trockengebliebener Taschentücher. Wer sich ausheulen will, ist hier falsch, und richtig nur nur jene, die an der ausgiebigen Beweihräucherung eines grauen Sexsymbols Gefallen finden.


Theatralisch verflachte Fließbandschnulze für zu lange Herbstabende


Flemming Schock