Sweet and Lowdown

USA, 95min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Woody Allen
B:Woody Allen
D:Sean Penn,
Woody Allen,
Samatha Morton,
Ben Duncan
L:IMDb
„Früher oder später löst sich jeder Traum in Rauch auf!”
Inhalt
In den 30er Jahren gilt er nach Django Reinhardt als "der zweitbeste Gitarrist der Welt": Der Jazzmusiker Emmett Ray (Sean Penn) hält sich mit Engagements in Nachtclubs über Wasser und bessert seine Gagen ab und zu als Teilzeit-Zuhälter auf. Neben der Musik interessieren ihn vor allem schnelle Autos, modische Kleidung und schöne Frauen. Alkoholexzesse, Spielschulden und Poolbillard prägen sein Leben. Doch wenn Emmet abends auf der Bühne zur Gitarre greift, sichert er sich jedes Mal von neuem einen Platz im Jazz- Olymp - wenn er es schafft, einigermaßen nüchtern und pünktlich zu erscheinen. Als er die stumme Wäscherin Hattie (Samantha Morton) kennenlernt, scheint sein unstetes Leben für eine Weile zur Ruhe zu kommen. Doch Emmett ist viel zu sehr Egozentriker und selbstverliebter Künstler, als dass er sich ändern könnte.
Kurzkommentar
Woody Allens erdichtetes Portrait des "zweitbesten Gitarristen der Welt" balanciert virtuos zwischen Melancholie und Lebenslust und kann auch formal durch geschickten Pseudo-Dokumentarstil überzeugen. Neben der meisterhaften, den Flair der 30er Jahre spürbar machenden Musik ist es Sean Penn in einer absoluten Ausnahmeleistung, der den Film zu einem charmanten Kleinod macht. Da stört es kaum, dass Allens Erzählstruktur ein wenig auf der Stelle tritt.
Kritik
Die fingierte Biographie ist für Woody Allein kein Neuland. Mit "Sweet and Lowndown", zu dem Allen auch selbst das Script verfasste, konstruiert er nach "Zelig" und "Broadway Danny Rose" bereits zum dritten Mal einen fiktiven Lebensweg, der als authentisch ausgegeben wird. Glaubhaft wird es dadurch, dass Allen das frei Erfundende mit einem realen Element, dem historischen Weltklassegitarristen Django Reinhardt geschickt verknüpft und seine Erzählung als Charakterstudie in Dokumentarstil präsentiert. Schon zu Beginn neigt der Zuschauer dazu, die Mogelpackung als Wahrheit abzukaufen, wenn es da heißt, dass Emmet Ray nur Jazzliebhabern bekannt war.

Neben angeblichen Musikhistorikern und anderen Zeugen zeigt sich der Regisseur selbst vor der Kamera, um seine Sicht des nebulösen Charakters von Ray zu erläutern. Allen gibt vor, dass ihn mitunter das schwer zu Greifende an der genialischen Natur gereizt habe. Je weiter der Film fortschreitet, umso deutlicher will der gekonnt eingebundene Dokumentarteil suggerieren, dass Emmet Rays Leben zu mystisch, von zu vielen Quellen zu unterschiedlich dokumentiert ist, um ein homogenes Bild seiner Psyche entwerfen zu können. Allen rückt die Fiktion also noch näher an die Realität, die es im Falle Rays nicht gab, indem er darauf verweist, dass sich das Dargestellte in der Wirklichkeit ganz anders zugetragen haben könnte. Eine Szene wird gleich aus drei unterschiedlichen, extern vorgegebenen Erzählvarianten durchgespielt, ohne dass letztlich eine als glaubwürdigste verkauft wird. Allen spielt mit der Relativität der Geschichte und gibt ihr in Emmet Ray einen brilliant entworfenen Mittelpunkt.

Sean Penn ist für die Rolle des schwer zugänglichen Egomanen wie geschaffen. Gut, dass sich Allen für ihn entschied, denn Penn zog in der Vergangenheit intensivere Rollen in kleineren Filmen dem Mainstream vor und gilt seit "Dead Man Walking" zurecht als einer der charismatischsten und fähigsten Mimen. Ob Coolness, Freude oder Schmerz - Penn beherrscht das ganze Spektrum der gespielten Gefühle mit großem Talent. Für seine Leistung in "Sweet and Lowdown" erhielt er eine Golden Globe- und jetzt die Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller. Den Golden Globe erhielt er nicht, den Oscar hätte er sich redlich erspielt. Denn Penn lebt seine Figur so einzigartig, dass bereits seine Darstellung den Besuch absolut lohnenswert macht. Außergewöhnlich vermittelt er, wie musikalisches Genie das Seelenleben eines Mannes diktiert und ihn für andere unnahbar macht. Mit einem monströsen Ego ausgestattet ist er abweisend selbstherrlich, charmant und grotesk zugleich. Neben der Gitarre, seiner einzigen wahren Liebe, sind das Schießen auf Ratten und das Beobachten von vorbeifahrenden Zügen seine größten Leidenschaften. Zum Teil sind es diese abstrusen Neigungen, für die er andere unverhohlen begeistern möchte, die die Komik des Films ausmachen.

Woody Allen fixiert in der Figur des Ray den ausgewogenen Dualismus von Komik und Tragik. Die Tragik seiner Figur liegt darin, dass Ray sein gebrochenes Innenleben, seinen nicht erklärten Schmerz allein im Gitarrenspiel entäußern kann, dass er sich quält, hinter dem idealisierten Django Reinhardt nur der ewige Zweite zu sein und dass die egozentrische Hülle in irgendeinem Vergangenheitstrauma verwurzelt zu sein scheint, über das wir nur wenig erfahren. "Sweet and Lowdown" - nach dem Titel ist seine zwiespältige Identität süß und hundsgemein. Offensichtliche Melancholie überspielt er mit rohen Umgangsformen, überrascht jedoch, als er mit der stummen Wäscherin Hattie eine erste Bindung eingeht. Doch auch hier dominiert die Selbstgefälligkeit, wenn Penn in den grandiosen Monologszenen mit Samantha Morton großspurig über seinen glänzenden Traum der Zukunft als Weltstar referiert. Doch letztendlich ahnt man, dass sich seine Träumerei aufgrund seines unsteten Charakters in Rauch auflösen wird. Hattie widerspricht nie, er scheint sie zu lieben, weil sie ihn vergöttert, ihm die Achtung entgegenbringt, die er seinem Ego als angemessen empfindet.

Samantha Morton, ebenso wie Penn für den Golden Globe als beste Nebendarstellerin und nun für den Oscar vorgeschlagen, ist das perfekte, liebenswert naive Pendant. Da sie keine Sprechrolle hat, muss sie sich ganz auf die Sensibilität der Mimik verlassen - und berührt dabei unmittelbar. Das Zusammenspiel der beiden wird von Allen erstklassig koordiniert, denn Hattie scheint ohne Worte dem Innersten von Ray zu entsprechen. Es sind die außergewöhnlichen Darstellerleistungen, die vergessen machen, dass Allens fiktive Biographie den Zuschauer nicht klüger entlässt und dass die Form des Dokumentarischen einige ungeschickte Brüche bedingt und einen sich konsequent entwickelnden Plot fast unterbindet. Doch Experimente gehen dann glücklich aus, wenn Zeitkolorit durch erstklassige Melodien und schauspielerische Brillianz spürbar zum Ausdruck gebracht wird.

Melodische Scheinbiographie mit einem überragenden Sean Penn


Flemming Schock