Süßes Gift
(Merci pour le chocolat)

Frankreich / Spanien / Schweitz, 99min
R:Claude Chabrol
B:Charlotte Armstrong,Claude Chabrol, Caroline Eliacheff
D:Isabelle Huppert,
André Polonski,
Anna Mouglalis,
Rodolphe Pauly
L:IMDb
„Du hast sie alle zum Schlafen gebracht!”
Inhalt
Eines Tages findet Jeanne Pollet (Anna Mouglalis) heraus, dass sie vielleicht bei der Geburt mit einem anderen Baby vertauscht wurde. Daher macht sie sich auf, ihren "anderen" Vater kennenzulernen: André Polonski (Jaques Dutronc), einen bekannten Pianisten. Dieser nimmt sie sofort sehr freundlich auf und hilft ihr bei der Vorbereitung auf einen Klavierwettbewerb. Doch Andrés Frau Marie-Claire (Isabelle Huppert), die Jeanne zunächst ebenfalls sehr freundlich aufnimmt, scheint dem unverhofften Familienzuwachs gegenüber nicht so wohlgesonnen...
Kurzkommentar
Claude Chabrol inszeniert hier einen recht lahmen Gesellschaftskrimi, dem man seine Konstruiertheit so sehr anmerkt, dass es wirklich schmerzhaft ist. Spannend ist das Ganze kaum, und Bezug zur Realität (in Form von Kritik) hat es ebenfalls nicht. Aber wer Gefallen an artifiziellen Schaustücken moralischen Verfalls findet, dem wird "Süsses Gift" vielleicht zusagen.
Kritik
In manchen Kritiken zu Chabrols neuestem Film kann man Sätze lesen, die in etwa so klingen: "Gekonnt gelingt dem Altmeister einmal mehr die Inszenierung einer gutbürgerlichen Familienidylle, nur um sie hinterher genüsslich zu demontieren und Scheinheiligkeit und moralischen Verfall zu entlarven." Schön, wenn es so wäre, denn dann hätte "Süsses Gift" ja vielleicht etwas für sich. Dummerweise stimmt es nicht, auch wenn es im Presseheft stehen mag. Denn leider gibt es mindestens zwei gravierende Mängel, die diesen Anspruch zunichte machen.
Zum einen ist bereits in der allerersten Szene, noch bevor der Filmtitel genannt wird, vollkommen klar, dass die Zerrüttung längst stattgefunden hat. So kann zu keiner Sekunde Spannung aufkommen, denn der Zuschauer blickt im Folgenden eher gelangweilt auf das Geschehen, welches sich ziemlich nach Plan entwickelt, man hat es von Anfang an gewusst, ganz ohne jede Filmerfahrung. Was Chabrol mit dieser Offenlegung der Karten bereits zu Beginn bezweckt, ist nicht ganz klar, aber es verhindert zwangsläufig jede Form von Demaskierung, und somit jedwede Kritik, die daraus erwachsen könnte. Also gut, mag man denken, dann zeichnet Chabrol eben das Bild der Gesellschaft, süffissant überspitzt, aber dennoch schmerzhaft treffend, in all ihrer Doppelzüngigkeit, Gefühlskälte und Falschheit. Wäre auch nicht schlecht. Aber für ein auch nur halbwegs angemessenes Gesellschaftsbild fehlt dem Film jeder Bezug zu eben dieser. Die Figurenkonstellation und der Plot sind dermassen konstruiert, dass es sich um ein reines Story-Artefakt ohne jeden Realitätsbezug handelt.
Vielleicht hätte Chabrol, dem selbst Fans vorwerfen, mit aller Gewalt ähnlich Woody Allen mechanisch in festen Abständen einen Film zu drehen, ohne Rücksicht auf Qualität, lieber den ganzen Film bleiben lassen und stattdessen nach dem Titel einfach folgende Textbotschaft einblenden sollen: "Liebe Zuschauer, stellen Sie sich einen Film über sozialen Dekonstruktivismus vor, in dem sämtliche Figuren nicht die Kinder ihrer Eltern sind und bei denen zusätzlich jedwede Erziehung respektive Sozialisation ins Leere läuft. Folglich sind sie alle soziale und moralische Krüppel. So, lieber Zuschauer, steht es um unsere Gesellschaft." Damit wäre alles gesagt, was Chabrol vermutlich sagen möchte, es würde kein bisschen weniger künstlich wirken, und dem Zuschauer blieben eineinhalb fade Stunden erspart.

Kleines Gedankenspiel: Nehmen wir mal an, Chabrol hätte sich um etwas mehr Glaubwürdigkeit, um ein Quentchen mehr Realitätsbezug bemüht, und vielleicht den Demaskierungsgedanken konsequenter umgesetzt, was wäre dann? Dann hätten wir einen Film, wie ihn Chabrol zwar nicht zum ersten Mal dreht, aber der immerhin sehenswert wäre. Die langsame Inszenierung passt nämlich prinzipiell schon ganz gut zur gewünschten Stimmung, die Bildsprache ist überzeugend, der Film hat einige interessante Ansatzpunkte. Auch die schauspielerische Leistung ist nicht zu verachten. Auch wenn Isabelle Huppert meiner Meinung nach vorab über die Maßen gelobt wurde, so ist ihr Spiel als berechnende, völlig vereinsamte Schokoladenfrabrik-Besitzerin dennoch recht überzeugend. Auch Jaques Dutronc spielt den Schlaftabletten-süchtigen Pianisten, der an jungem Blut Gefallen findet, nicht schlecht. Alles etwas tranig, auch die restliche Garde, aber das passt zum Film. Man könnte meinen, Chabrol hätte nicht sein ganze Engagement in diesen Film gesteckt, ihn nicht lange genug erwogen - denn trotz der vielen guten Ansätze ist "Süsses Gift" reichlich unausgegoren. Die Idee der eifersüchtigen, ungeliebten Frau, die ihr Leben lang nur gibt und nie bekommt, stets im Schatten des Vaters und des Ehemannes steht, und sich schliesslich an allen (geglaubten) Peinigern rächt, hätte einiges an Potential - aber nicht in dieser Form.

Lahme Mischung aus Gesellschaftskritik und Krimi ohne jeden Biss


Wolfgang Huang