Stellvertreter, Der
(Amen)

Frankreich / Deutschland, 132min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Constantin Costa-Gravas
B:Jean-Claude Grumberg
D:Ulrich Tukur,
Mathieu Kassovitz,
Ulrich Mühe,
Michel Duchaussoy
L:IMDb
„Ich sehe mich als das Auge Gottes in der Hölle”
Inhalt
Die Nazi-Maschinerie. Der diplomatische Apparat von Vatikan und die Alliierten. Zwei Männer bekämpfen die Systeme. Von innen, unter Einsatz des eigenen Lebens. In Deutschland Kurt Gerstein (Ulrich Tukur): Obwohl er Offizier der Waffen-SS ist, versucht er, die Alliierten, den Papst und die deutschen Kirchen auf die Verbrechen der Nationalsozialisten, auf die Judenvernichtung aufmerksam zu machen. In Italien ist es der junge Jesuit Riccardo (Mathieu Kassovitz), der die katholische Kirche zur Auflehnung motivieren will.
Kurzkommentar
Mit Leidenschaft und gleichzeitiger Distanz arbeitet der griechische Regisseur Constantin Costa-Gravas das für die katholische Kirche skandalöse Theatherstück Rolf Hochhuths für ein Leinwandplädoyer um. Als Politdrama über die Verantwortlichkeit des Papstes in der Holocaust-Frage mag es polemisch und verkürzend sein, es legt aber die ungeklärte Kernfrage ohne Pathos und doch berührend wie eindringlich frei. Eine internationale Darstellerriege glänzt in einem bis heute hochbrisanten Tabukapitel des Genozids an den Juden.
Kritik
"Die Wirklichkeit war komplexer", schreibt Peter Hasenberg in seiner Kritik vom katholischen "Filmdienst", komplexer als die konstruierte des griechischen Regisseurs Constantion Costa-Gravas. Da die Ausdrucksform Film aber aus leicht ersichtlichen Gründen kein professioneller Sachverwalter der "ganzen" Vergangenheit sein kann, geht es allein darum, eine Annäherung an die Wahrheit jener Vergangenheit, an die der Geschichte zu erreichen. Trotz des Unfehlbarkeitsdogmas war und ist aber gerade die katholische Kirchengeschichte nie eine der Wahrheit geworden, zumindest nicht im Hinblick auf die Verantwortlichkeit gegenüber vergangenem Tun oder Nichttun. Das katholische Weltbild kann oder will dies auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nicht. Positionsbezüge bleiben infolgedessen extrem, leidenschaftliche Apologetik wechselt mit anklagender Polemik.

Das Erwarten der letzteren ist bis heute nicht erfüllt. Erst der jetzige "Stellvertreter Gottes", Johannes Paul II., rang sich durch, kleinmütige Reue für die im Namen der Kirche begangenen Verbrechen öffentlich, aber verklauseliert einzugestehen. Sonst bleibt der Vatikan aber nicht nur Ort seelischer Ruhe, sondern weiterhin auch Ort peinlicher Abschottung und Verschwiegenheit darüber, wieso Papst Pius XII. nichts gegen den Holocaust tat. Historiker-Kommissionen, die durch archivalische Arbeit dieser Frage nachzugehen versuchten, wurden bis dato durch die systematisch restriktive (Des-)Informationspolitik in Rom ausmanöveriert und warfen resignierend das Handtuch. Nichtsdestotrotz beharren seine Anhänger, die Pius selig gesprochen sehen wollen, weiterhin darauf, er habe durch seine Passivität "Schlimmeres" verhindern wollen. Aber was hätte schlimmer sein können?

Denn Tatsache ist, dass Pius, vor seiner Zeit als Papst lange Zeit Botschafter des Vatikans in Deutschland, früh von dem grauenvoller Konsequenz beschrittenen Weg der Nazis zur "Endlösung" wusste. Tatsache ist, dass er selbst dann noch schwieg, als praktisch vor seinen Augen römische Juden in den sicheren Tod nach Deutschland deportiert wurden. Und Tatsache ist auch, dass die katholische Kirche ihre Macht in Deutschland schon einmal schützend gebraucht hatte, und zwar zur Mobilisierung des öffentlichen Protests gegen die Euthanasieprogramme der Nazis. Mit Erfolg. Da mag die Wirklichkeit der Vergangenheit auch genauso komplex wie die Motivbündel gewesen sein, die nicht nur beim Papst das rätselhafte Schweigen zum Genozid veranlassten. Das schwächt nicht die fragende, verbitterte Anklage, mit der der Dramatiker Hochhuth 1963 in seinem Erstling "Der Stellvertreter" dem Papst den literarischen Prozess machte.

Ob dessen radikaler Offenheit reagierte die katholische Welt geschockt, taumelnd, aber ganz sicher nicht diskussionsbereit. Ungeschminkt wollte da jemand Rechenschaft, der die Rolle des Pontifikaten im Holocaust zum ersten Mal mit Wucht aus der Tabuzone ins öffentliche Bewusstsein riss. Seitdem verhärteten sich die Fronten nur, alle relevanten Akten bleiben bis dato unter Verschluss, und damit auch die Wahrheit. An ihr ist im Vatikan in historischen Verantwortungsfrage weiterhin niemand interessiert, man schweigt also erneut, setzt eine Tradition fort. Schweigen aber bedeutet Mitschuld; das bedrückende Thema hat seit 1963 nichts an Brisanz verloren. Damit legitimiert sich dann auch die dringende Notwendigkeit eines weiteren Holocaust-Films, in dem Costa-Gravas Hochmuths Theaterstück als moralisches, lehrhaftes Plädoyer aufgreift.

Die eindringliche Antwort auf das erste und schwerste Problem, wie nämlich der nicht darstellbare Schrecken des Genozids dargestellt werden kann, findet Costa-Gravas in einer zentralen, immer wiederkehrenden Metapher: die der Güterwagons mit verschlossenen und offenen, nur noch Leere preis gebenden Türen, nachdem die menschliche "Ladung" vernichtet wurde. Die Tötungsmaschinerie arbeitet mit nicht aufzuhaltender, grauenerregender Präzision. Gegen diesen Zug der Vernichtung nimmt die (historische) Figur des SS-Offiziers Kurt Gerstein den unermüdlichen Kampf auf, als er in Polen Zeuge einer Vergasung wird. Im Augenblick ihres Vollzugs sehen wir allein, wie der Schrecken auf sein Gesicht fällt. Die Rolle Gersteins gewinnt dadurch, dass ausgerechnet er als Desinfektionsexperte für die Zyklon-B Beschaffung verantwortlich wird und damit gleichzeitig Zahnrad im mörderischen System und dessen Bekämpfer ist, eine tragische Dimension.

Zugegeben, diese Dialektik und Gebrochenheit spricht sich in seiner Rolle aber nur verkürzt aus, wie auch überhaupt sämtliche Rollentypen simplifzierend wirken. Die fiktive Jesuitengestalt Ricardos, gespielt von Mathieu Kassovitz ("Amélie"), steht stellvertretend für alle, die für die christliche Ethik selbstlos zu kämpfen bereit sind. Nuanciert wirkt seine Rolle ebensowenig wie die der SS- Schergen, das aber nimmt ihr nicht die Intensität. Costa-Gravas stützt sich auf ein ausgezeichnetes internationales Ensemble. Ulrich Tukur als verzweifelter Widerständler, dessen Appelle die meisten nur mit Unglauben oder Schweigen quittieren, ist ebenso großartig wie Ulrich Mühe als "Doktor" mit menschenverachtender Intelligenz und diabolischen Zügen. Wer nun lamentiert, gerade Pius würde als eigentliche Kernfigur sträflich zu kurz und als schuldig abgetan werden, argumentiert nur wieder apologetisch, und das ohne Substanz.

Dass Costa-Gravas nicht immer historisch korrekt operiert, ändert nichts daran, dass seine psychologisch kluge Polemik die Grundzüge der Wahrheit zu treffen scheint. Wo Informationspolitik und Aufklärung aus dem Vatikan wie Apokryphen behandelt werden und für Entlastung keine Beweise erbracht und Archive geöffnet werden, muss das Verdikt klar und hart bleiben. Niemals stellt sich Langatmigkeit ein, wenn Costa-Gravas das politische Thema fesselnd und in jedem Moment bedrückend abbildet. Dieses unterdrückte Kapitel des Holocausts nimmt den Zuschauer weit über das Filmende hinaus ein, erfüllt seinen moralischen Lehranspruch also vorbildlich und zu recht. Zudem gelingt dies ohne süffige Pathetik in einem handwerklich ausgereiften Rahmen. Das erstarrend wirkende Unverständnis darüber, wieso nicht nur der "kleine Mann", sondern auch die höchste geistig-moralische Autorität die Unfassbarkeit des Holocausts nicht anprangerte, sollte mobilisieren. "Der Stellvertreter" ist damit Politikum und Papst Pius wohl dennoch bald selig.

Meisterhaftes Abrechnungsdrama über das tödliche Amen der Kirche


Flemming Schock