Mothman Prophecies, The

USA, 119min
R:Mark Pellington
B:John A. Keel, Richard Hatem
D:Richard Gere,
Laura Linney,
Will Patton
L:IMDb
„Und dann dieses Geräusch. Es kam aus dem Abfluss.”
Inhalt
Zwei Jahre sind vergangen, seitdem Topjournalist John Klein (Richard Gere) seine Ehefrau Mry nach einem tragischen Unfall verloren hat. Noch immer wird er verfolgt von der Erinnerung an die unheimlichen Zeichenungen einer makabren Kreatur, die Mary auf dem Totenbett angefertigt hatte. Jetzt wird John von der Vergangenheit eingeholt: es verschlägt ihn die die Kleinstadt Point Pleasant, ohne dass er sich erklären kann, wie er dort hingekommen ist. Doch das ist erst der Beginn einer Kette mysteriöser Ereignisse: immer mehr Dorfbewohner berichten, von einer finsteren Erscheinung mit gewaltigen Schwingen heimgesucht worden zu sein. John gelangt zu einer erschreckenden Erkenntnis: der Mothman will direkt zu ihm sprechen - aber was will ihm der Botschafter des Todes sagen?
Kurzkommentar
Ohne an seine mit "Arlington Road" demonstrierte Klasse anknüpfen zu können, fertigt Mark Pellington einen überraschungsarmen Mysterythriller nach neueren Genregesetzen. Die Idee tödlicher Nachtfalter wirkt im Grunde lächerlich, die Umsetzung ist mühselig und ziellos. Entschädigend macht Richard Gere mit der übrigen Besetzung in sinistrer Atmosphäre eine gute Figur.
Kritik
Es mystifiziert den Tod, es selbst ist einfach nicht tot zu kriegen: das Genre der Mystery-Horror-Thriller, seit dem Primuserfolg von "The Sixth Sense" von mehr oder weniger misslungenen Trittbrettfahrern ebenso gebeutelt wie das der Teenie-Komödie. War paranormaler Schnickschnack ehemals allein ein Fall für unheimlich seriösen Fernsehpopularismus, so schaffte auch "Akte X" mittlerweile den Sprung auf die Leinwand. Angst, noch dazu vor dem Unsichtbaren und Unbegreiflichen, lässt sich eben herrlich kultivieren, auch gerade, weil jene Mystery-Serien sich als "Reality-TV" aufmachen und dementsprechend verkaufen wollen.
Der Spuck basiert dann auf "Tatsachen", die ja klar machen, dass auch in Zeiten postmoderner Langeweile die Existenz noch richtig unheimlich, rätselhaft und bedrohlich sein kann. Und eben so wirkt auch die Tatsache, dass Richard Gere sich seinem scheinbar angeborenen Rollenimage zu entwinden sucht. Zum ersten Mal spielt der zeitlose Gigolo in einem - nennen wir es - parapsychologischen Spannungsstreifen. Das ist vielleicht die erste, ungläubiges Interesse erzeugende Überraschung. Zum Zweiten ist mit Mark Pellington da der Name des Regisseurs. Er hat zwar erst einen Film gedreht, doch der war nicht gerade debutantenhaft, im Gegenteil: mit "Arlington Road", der Jeff Bridges und Tim Robbins in starken Hauptrollen zeigte, gelang ihm ein beklemmender Thriller über Paranoia und Nachbarschaftsterror.

Dass Pellington so lange bis zum zweiten Film gewartet und sich nun ausgerechnet für ein ins Schematische abgedriftetes Modethema entschieden hat, stimmt missmutig. Aber immerhin, wenn auch in anderer Ausgestaltung - mit seinem Erstling hat der Regisseur sein Talent für subtile Spannungskonstruktion eindrucksvoll bewiesen. Gut auch, dass der hiesige Verleih so viel Feingefühl mitbrachte, nicht den englischen Titel einzudeutschen. Eine "Prophezeiung des Mottenmannes" hätte zur Nominierung des dümmsten Filmtitels locker gereicht. "Mothman" hingegen klingt unbestimmt eleganter, aber um große Mottenwesen, glühend roten Augen und Prophezeiungen geht es trotzdem. Eben die üblichen Albernheiten. Ein paar halluzinierende Köpfe wollen sie Mitte der neunziger Jahre in den USA tatsächlich gesehen haben, ein findiger Autor witterte Geld, schrieb einen "Tatsachenroman", und darauf basierend folgt nun der Film.

Wie Angst vor dem, was wir nicht verstehen oder sehen, am effektivsten Atmosphäre bestimmt und die Gemüter am nachhaltigsten beschäftigt, machte gerade erst Lynchs "Mullholland Drive" und vordem trotz aller Kritik "Blair Witch Project" deutlich. Gerade letzterer erhob die Urangst von der unsichtbaren Unheimlichkeit zum innovativen Spannungsprinzip, das den Horror vom plakativ sichtbaren Schockmoment hintersinnig in die Phantasie des Einzelnen verlagerte. Eben jene Dramaturgie kopiert nun auch Pellington, lässt sein Mottenspektakel aber nie richtig zum Zug kommen. Zugegeben, der formale Rahmen gibt sich mit gelungener Kamerarbeit, stimmiger Musik, einem sich sogar überzeugend beweisenden Richard Gere und auch einer übrigen guten Besetzung äußerst brauchbar.

In den übersinnlichen Hokuspokus kommt jedoch keine Linie, keine Zuspitzung. Allein zu Beginn klatscht das Mottenwesen wirkungsvoll gegen die Leinwand, dann ist Schluss. Nun mag, wie gesagt, die unsichtbare Bedrohung das größte Unbehagen hervorrufen, im Fall dieser billig anmutenden Thematik will der Zuschauer jedoch mehr sehen, mehr verstehen. Doch die Mordsmotte bleibt im Dunkeln und mit ihr ihre diffusen Absichten. Im Falle eines Lynch-Films mögen Rätsel ohne Antworten die verstörendsten Sein, da Pellington das Drehbuch aber nicht selbst redigierte, geht die fehlende Aufklärung bald nur noch gehörig auf den Nerv. "Mothman Prophecies" erschöpft sich in Andeutungen von Visionen, verzerrten Telefonanrufen und roten Farbspielen. Dies tut er wiederum ziemlich bemüht, kann letztlich noch bei Laune halten, allerdings selten über übliches TV-Niveau hinausreichen.

Für gepflegte Momente des Unbehagens taugt er trotz allem, auch wenn die Spannungsdramaturgie in "Arlington Road" nicht nur die eines anderen Genres, sondern die eines um Längen besseren Films ist. Schlussendlich ist zu wünschen, dass paranormale Motten und ähnlicher Unfug kein zweites Mal auf der Leinwand herumgeistern und Pellington sich von handwerklich überdurchschnittlicher Konfektionsware ab- und interessanteren Stoffen zuwendet.

Paranormaler Einheitsbrei, stark in Stimmung und Technik


Flemming Schock