Sunshine - Ein Hauch von Sonnenschein
(Sunshine (1999))

Österreich / Deutschland / Kanada / Ungarn, 181min
R:István Szabó
B:István Szabó, Israel Horovitz
D:Ralph Fiennes,
Rosemary Harris,
Rachel Weisz,
Jennifer Ehle
L:IMDb
„In dieser Familie wundert mich nichts mehr!”
Inhalt
Erzählt wird die Geschichte der ungarischen, jüdischen Familie Sonnenschein, die drei Generationen hindurch - von 1840 bis hin zur ungarischen Revolution im Jahre 1956 - gegen politische Machthaber, gesellschaftliche Barrikaden und innere Zwiespälte anzukämpfen hat und doch immer wieder zusammenhält. Ralph Fiennes ('Der englische Patient') verkörpert in drei Hauptrollen drei Generationen: Ignatz, den pragmatischen Juristen, Adam, seinen olympisch-athletischen Sohn und Ivan, Ignatz' politisch engagierter Enkel, der schließlich realisiert, dass die einzige Treue, für die es sich zu kämpfen lohnt, die Treue zu sich selbst ist.
Kurzkommentar
Der ungarische Oscarpreisträger István Szabó ('Mephisto') verwebt politische Jahrhundert-Chronik mit einer drei Generationen überspannenden Familientragödie - und übernimmt sich dabei. Trotz epischer Länge muss 'Sunshine' die Epochen zur Zeitraffer-Skizze verkürzen und vergisst dabei die Emotionen. Vor sehenswerter Kulisse zeigt sich eine vordergründig- leidenschaftslose Geschichtsdarstellung.
Kritik
Geschichte muss geschrieben werden, bevor es sie gibt. Den Chronisten war, ist und wird es unmöglich bleiben, ein reines Faktengerüst zu tradieren, denn Geschichtsschreibung bedingt subjektive Interpretation, ist also von Gefühlen, von perspektivischer Verengung geleitet. Der Ungar István Szabó möchte uns im ausgehenden 20. Jahrhundert einen ganz persönlichen Rückblick auf das vergangene in seinem Heimatland bieten, das von der Monarchie über den Faschismus in den Kommunismus taumelte.

Die Auswirkungen der drei Formen politischer Herrschaft spiegelt er exemplarisch an drei Generationen einer jüdischen Familie, was nach geschickter Komprimierung der historischen Fakten verlangt, um Raum für traditionelle Erzählmotive des Kinos zu lassen: menschliche Schicksale mit ihren Träumen, Wünschen und Hoffnungen - der 'Motor dessen, was Geschichte wird'. Dem Zuschauer schwebt folglich die Erwartung eines epischen Historiendramas der jüngeren Vergangenheit vor. Doch schoss Szabó weit über das Ziel hinaus. Die komplizierten politischen Verpflechtungen von Ungarn im 20. Jahrhundert mit der Genealogie einer erdachten Familie wirkungstauglich und ausgewogen zu verschmelzen, gelingt nur eingeschränkt.

Szabó hätte besser daran getan, wie ursprünglich geplant, 'Sunshine' als Fernsehmehrteiler zu konzipieren. Erstens deswegen, weil das Abspulen des dichten, historischen Hintergrunds mehr Zeit gehabt hätte, und zweitens wegen des Charakters des familiären Niedergangs: er leidet unter fehlendem Zusammenhang, wird gleichsam unter der Wucht der Politgeschichte auseinandergerissen. Das typisierende Drehbuch hat nichts besseres zu bieten, als das distanzierte Erzählen von Liebe, Leid und Tod in formelhaftem Diskurs abzuwickeln. Also höchstens was fürs Abendprogramm in der Glotze.

Ausgestanden wird mehr als in Kitschroman und Seifenoper, dumm nur, dass die flache Darstellung den Zuschauer vergisst - der pennt nämlich bald ein. Rätselhaft, wieso Regisseur Szabó die wandlungsfähige Schnarchnase Ralph Fiennes mit einer gleich dreifachen Hauptrolle besetzen musste. Sicher, hätte Szabó für jede Zentralperson der jeweiligen Generation einen anderen Darsteller genommen, wäre jedem einzelnen nicht viel Zeit zur Entfaltung geblieben. Aber Fiennes gleich in trilogischer Ausführung das Jahrhundert verdösen zu lassen, ist nun wirklich zu viel.

Fiennes, der schon im 'Englischen Patienten' fast nur im Bett lag, sollte durch seine Überpräsenz wohl in den oscarreifen Schauspielolymp stilisiert werden, nervt aber bloß durch flache Charakterzeichnung und gläsern-apathische Blicke. Dabei hätten die Figuren (kaiserloyaler Jurist, Fechtolympiasieger und freiheitsstrebender Revoluzzer) ihm ideale Voraussetzungen geboten, individualisierende und differenzierende Charaktere auszufüllen. Bricht manchmal doch sowas wie Wut oder Ekstase hervor, verfällt er gleich wieder in Gipsmaskenmimik. Lieber hätte Fiennes die Spezifika eines Generationsvertreters herausarbeiten sollten, denn das gleichförmige Trio unterscheiden sich nur durch die Geraderobe.

So ist Fiennes distanzierte Kühle gemeinsam mit einem anderen Fakt bezeichnend für ein den Zuschauer nur wenig berührendes Historiengemälde: Geschichte ist auch immer Geschichte der Leidenschaft, die hier unter der hektischen Abfolge der historischen Umwälzungen zerbricht. Der Zuschauer kann sich mit keinem Protagonisten identifizieren, da sie Szabó weitgehend als stereotype, beliebige Pappkameraden arrangiert. In teils hektischem Schnitt nimmt das äußere Geschehen seinen Lauf, während den Handelnden kein Moment der Ruhe gegönnt wird, der Tiefe in der Darstellung hätte enstehen lassen können. Zuneigung und Liebe reduzieren sich auf ruppig inszenierte Geschlechtsakte. Allein nach ihnen gibt es ironischerweise sowas wie kurzes Verweilen, begleitet von phrasenhaften Dialogen, die auch im übrigen wenig fesseln.

Was dem 'Sonneschein' wiederfährt ist tragisch, dramatisch berühren kann es niemanden. Schuld daran ist Szabós zugegebenermaßen gekonnte Konzentration auf die historische Rahmenhandlung, deren Daten von einem auktorialen Erzähler mit den personalen Schicksalen verwoben werden. Schauspieltalente wie der oscarhonorierte William Hurt treten nur auf, kommen aber kaum zum Zug. Positiv anzumerken ist die stilistische Verpackung der Retrospektive. Das Produktionsdesign ist aufwendig und strickt ein zumindest optisch verdichteten Zeitraffer. Insgesamt eine individuelle, aber zähe und wenig berührende Revue unseres Jahrhunderts, das man, wie in einer Szene sarkastisch ausgesprochen, als das der Toleranz, der Gerechtigkeit und der Liebe erwartete.

Hübsch montiertes Säkulum mit wenig Innenleben


Flemming Schock