Moulin Rouge

USA / Australien, 126min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Baz Luhrmann
B:Baz Luhrmann, Craig Pearce
D:Nicole Kidman,
Ewan McGregor,
Jim Broadbent,
Richard Roxburgh
L:IMDb
„Wir sind Geschöpfe der Unterwelt. Wir können es uns nicht leisten, zu lieben.”
Inhalt
1900. Die Welt dreht sich um Paris - und alles in der Stadt der Liebe dreht sich um den berühmtesten Nachtclub der Stadt, das Moulin Rouge. Auch der junge Schriftsteller Christian (Ewan McGregor) kann sich der explosiven Atmosphäre und der Sinnlichkeit des Cancan nicht entziehen. Vor allem aber fasziniert ihn Satine (Nicole Kidman), der Star des Moulin Rouge, die unnahbare Kurtisane mit dem großen Traum von einer Karriere als Schauspielerin. Indem Satine sich einem reichen englischen Duke hingibt, soll die Finanzierung eines aufwendigen Theaterstücks im Moulin Rouge gesichert werden. Doch dann tritt Christian in Satines Leben und erobert ihr Herz im Sturm. Sie muss eine Entscheidung treffen: zwischen ihrem Traum und der wahren Liebe, zwischen dem Moulin Rouge und Christian.
Kurzkommentar
Meisterhaft gelingt es dem australischen Regisseur Baz Luhrmann ("Strictly Ballroom", "Romeo+Julia") die Vorzüge von Film, Theater und Musical zu vereinen und den Zuschauer mit üppiger Optik und Akustik zu überschütten ohne den Sinn für Humor und Leichtigkeit zu verlieren. Wie er zudem Bild und Ton in Einklang bringt, alte mit neuen Pop-Songs mischt, sie in seine Story einbaut und die Dialoge teilweise vollkommen ersetzt, ist schlicht und einfach genial.
Kritik
Mein Deutschlehrer hat damals "Musical" immer "Musizal" ausgesprochen, weil er den kitschigen Sing-Sang eines Andrew Llyod-Weber nicht ausstehen konnte. Als Freund der urigsten Kunstform des Schauspiels, dem Theater, lief ihm diese Light-Version des Theaters gegen den Strich. Verständlich. Was aber, wenn sich nun Bild- und Musikvirtuose Baz Luhrmann an diese Kunstform heranwagt? Mit "Strictly Ballroom" bewies er uns, wie gerne er Musik und Tanz mit bewegten Bildern verbindet, mit "Romeo+Julia" zeigte er auf, daß sich klassische und moderne Elemente furios verbinden lassen. "Moulin Rouge", die rote Mühle, ist seine dritte Regiearbeit und hier vereinigt er die von ihm so geliebten Wesenszüge eines Films zu einem berauschenden Fest oder, wie Luhrmann seine Filme nennt: zu dem ultimativen Rote-Vorhang-Film.

Die amerikanischen Kritiker einigten sich im Falle von Moulin Rouge auf ein Fazit wie "a love or hate experience". Unrecht haben sie damit sicher nicht. Trotzdem "Moulin Rouge" keinen Hehl aus seiner Opulenz macht und weniger oberflächlich und eindimensional als ein Andrew Lloyd Weber ist, ist er doch genauso kitschig. Luhrmann weiß indes genau, daß seine überschäumende Optik und Akustik nicht für jedermann ist, bleibt aber konsequent und schuf mit "Moulin Rouge" eine Liebeserklärung an Theatralik, Can-Can, klassiche Dramen und nicht zuletzt Musical. Sein Werk ist dermaßen vollgestopft mit Statisten, Kostümen, Musik und überladenen Sets, daß es eine wahre Freude ist, mit anzusehen, wie all diese Element perfekt harmonieren. Allein die erste halbe Stunde ist energiegeladener und pulsierender als jeder Videoclip. Der Schnitt ist schnell, die Kamera im Fast-Forward-Modus, die Musik auf Techno-Geschwindigkeit und das Ankommen Christians in Paris flott und gewitzt über die Bühne gebracht.

Schon hier zeigt sich Luhrmanns begnadetes Inszenierungstalent, denn die Gefahr, schnell lächerlich zu wirken, umgeht er mit einer guten Prise Ironie. Jede Kopfbewegung wird mit einem comicartigen Zischen untermalt, die Mimik der einzelnen Protagonisten verfällt absichtlich in derbe Theatralik und alle Figuren bewegen sich derart hektisch, daß man kaum durchatmen kann. Das eigentlich grandiose an "Moulin Rouge" aber, das, was mich letztlich zur Vergabe der Höchstwertung motiviert hat, ist der Soundtrack. Selten, wirklich selten waren Bild und Ton auf solch exzellente Weise aufeinander abgestimmt, harmonierten Story und Musik auf diese Art miteinander und waren die Songs so vortrefflich gemixt. Man mag einwenden, daß eine durchgehende Bild- und Tonkomposition im Genre des Musicals ja nur natürlich sei, aber das Genie an Luhrmann liegt im Folgenden: trotzdem das Moulin Rouge um 1900, zur Zeit der Boheme und der Kurtisanen, existierte, singen Ewan McGregor und Nicole Kidman Songs aus den 50ern bis 90ern. Aber nicht einfach lieblos aneinandergereiht, sondern story-dienlich ineinander verflochten, teilweise gar nur kurz angerissen und oftmals die Dialoge komplett ersetzend. Wie es nun mal das Wesen des Musicals ist, wird nur manchmal gesprochen, meist jedoch durch Gesang miteinander kommuniziert und nie ist diese Kunstform besser umgesetzt worden als in "Moulin Rouge". So verbindet Luhrmann z.B. in einem Medley die Neueinspielung von "Lady Marmalade" von Christina Aguilera, "Smells like Teen Spirit" von Cobain und "Because We Can" von Fatboy Slim, nur um in der nächsten Sekunde zu "Children of the Revolution" von T-Rex, "Diamonds are a Girl's Best Friend" und "Material Girl" zu wechseln. Und alles fließt so wunderbar ineinander, daß man es kaum glauben möchte.

Bei dieser berauschenden, äußerlichen Form vergisst man nur allzu schnell den eigentlichen Inhalt des Films. Die Liebesgeschichte zwischen Christian und Satine ist freilich nichts Neues, hält sich aber bewußt an die klassischen Regeln Shakespeares und endet, wie wir bereits nach den ersten fünf Minuten erfahren, ebenso klassisch in Tragik. Wieso Christian und Satine schon nach der ersten Begegnung nicht mehr ohne einander leben können, bleibt schon fast erwartungsgemäß schleierhaft. Aber angesichts Luhrmanns Ziel ist das legitim und was Romeo seinerzeit an Julia fasziniert hat, kann heute auch kein Mensch mehr nachvollziehen.
Zum Schluß noch ein Lob an den deutschen Verleih, der "Moulin Rouge" mit synchronisiertem Dialog, aber Original-Songs in die Kinos bringt. Nicht nur, daß Nicole Kidman, Ewan McGregor und Jim Broadbent richtig gut singen können, auch jedwede Neuaufnahme deutscher Songs, wäre wohl in die Hose gegangen. So muß man zwar bei den Songs den Untertitel ertragen, aber die schicken Medleys bestehen eh zu 80% aus bekannten Titeln, deren Text man kennt und die man gar nicht übersetzt haben möchte.

Der aufregendste Musikclip, den das Kino je gesehen hat


Thomas Schlömer