Gladiator

USA, 155min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Ridley Scott
B:David H. Franzoni, John Logan, William Nicholson
D:Russell Crowe,
Joaquin Phoenix,
Richard Harris,
Connie Nielson,
Oliver Reed
L:IMDb
„The sand of the colosseum is the beating heart of Rome.”
Inhalt
Zur Blütezeit des römischen Reiches sehnt sich General Maximus (Russell Crowe) nach einer weiteren gewonnen Schlacht nur zurück zu Frau und Familie. Der im Sterben liegende Imperator Marcus Aurelius (Richard Harris) hingegen hat für den verehrten General noch eine einzige weitere Aufgabe : er soll Aurelius' Mantel der Macht überstreifen und Rom als Imperator anführen. Eifersüchtig und erbost über das fehlende Vertrauen seines Vaters, ordnet Aurelius' Sohn Commodus (Joaquin Phoenix) an, Maximus und seine Familie zu töten. Im Gegensatz zu Frau und Sohn entkommt Maximus seiner Exekution, gerät jedoch in sklavische Gefangenschaft und muß fortan als Gladiator zur Unterhaltung der römischen Zuschauer um sein Leben kämpfen - nur mit dem Ziel vor Augen, den neuen Cäsar Commodus für seine Familie bezahlen zu lassen...
Kurzkommentar
Da "Gladiator" kein echter Actionfilm sein darf, fügt Ridley Scott notgedrungen eine politische Aussage hinzu. Die ist zwar versucht politisch korrekt, letzlich aber doch sehr zweifelhaft.
Kritik
Manch einer mag es für vermessen halten, einen Actionfilm, der mehr auf offene Mündern denn auf einen wachen Geist setzt, nach dem Maßstab seiner politischen Aussage zu beurteilen - dennoch scheint es mir durchaus angebracht. Denn mit welcher Intention auch immer der Film ursprünglich gedreht wurde, Teile davon sind immer politisch motiviert.

Irgendwie scheint es heute nicht mehr so recht vertretbar, einen reinrassigen Actionfilm zu drehen. Immerhin leben wir in einer Zeit, in der Männer Erziehungsurlaub nehmen und alle Aussagen auf ihre political correctness hin untersucht werden. Deshalb sah sich Ridley Scott wohl auch genötigt, seinem Film um Kampf und Intrige auch eine halbwegs vertretbare Aussage hinzuzufügen - immerhin ist das Propagieren von Selbstjustiz in Zeiten zunehmender spektakulärer Gewalttaten in der Öffentlichkeit (gerade in den USA) nicht besonders angemessen. Maximus darf demnach den Imperator Commodus nicht einfach töten, weil ihm der Sinn danach steht, sondern vielmehr um eines höheren Zieles willen: Um die Stadt vom Tyrannen zu befreien, und so ganz nebenbei der Demokratie in Form des Senators Gracchus wieder zu ihrem Recht verhelfen. Angesichts diesen hehren Zieles darf dann auch reichlich Blut spritzen, freilich weniger, als es die Braveheart-Verehrer gewohnt sind.

Mit dem Realismus nimmt es Ridley Scott denn auch nicht so genau - nicht nur stellt er das Collosseum um ein Vielfaches zu gross dar, wohl um den Pöbel besser inszenieren zu können, nein, er zeigt uns auch deutlich, wer die Guten sind: So tragen beispielsweise die Gladiatoren in der Wüstenstadt allesamt blaue Hemden - erstaunlich, wenn man weiss, dass blauer Farbstoff bis heute noch der am schwierigsten und teuersten herzustellende ist, was noch viel stärker für die damalige Zeit galt, als er aus Naturstoffen gewonnen werden musste, von denen es in der Natur nur sehr wenig blaue gibt. Welche tiefere Bedeutung das hat? Zum ersten mal gezielt wurde diese Assoziation in "Der 1. Ritter" eingesetzt. Während sich etwa die Cinema über die blauen Dächer lustig machte, verkannte sie den wahren Hintergrund: Blau ist die offizielle Farbe der von den Amerikanern dominierten militärischen und politischen Bündnisse NATO und UNO. Wem das allzu abwegig scheint, kann einen Blick auf die Tafelrunde werfen: Diese hat nicht die historisch überlieferte Anzahl an Sitzen, sondern erstaunlicherweise genauso viele, wie es ständige Mitglieder im UN-Sicherheitsrat gibt. Ebenfalls bemerkenswert ist die Tatsache, dass Teile der hehren Rede, die Sean Connery als König halten darf, wortwörtlich aus der Menschenrechtsdeklaration der UN abgeschrieben sind.

Natürlich mag es sein, dass Ridley Scott nur aus Lust und Laune den Sklaven blaue Leibchen verpasste, oder die Requisite zufälligerweise noch welche übrig hatte, aber das darf bezweifelt werden, besonders wenn man den restlichen Film betrachtet. Bereits früh wird uns vermittelt, dass Maximus ein loyaler, rechtschaffener Feldherr ist, der seinen Blick nur auf die Grösse Roms richtet - den ihm angetragenen Kaiserposten will er nicht aus Machtstreben, sondern vielmehr aus Pflichtbewusstsein "für Rom" übernehmen. Den sterbenden Kaiser bittet er aber zugleich, den Sinn seiner Kriege nicht in Frage zu stellen - denn das würde ihm die Existenzberechtigung rauben und seinen Glauben erschüttern.
Erstaunlich und fragwürdig ist nun, dass dieser exemplarische Vertreter des römischen Konzeptes der gerechten Kriege, dieser loyale, aber unreflektierte Feldherr ein so grosser Anhänger einer demokratischen Vertretung, des Senats, ist. Wenn seine Loyalität allein dem Reich gilt, und er nur auf die Grösse Roms bzw. des römischen Imperiums blickt, weshalb zieht er dann dem machtbesessenen Commodus den sicher sehr gemässigten und kaum zum Krieg neigenden Senat vor?

(Spoiler) Immerhin nimmt dies dem Film auch einiges an dramaturgischem Potential. Statt dass Maximus, wie ursprünglich geplant, mit seinen Truppen Rom einnimmt, schlüpft er in die Rolle des hehren Einzelkämpfers. Nun, wenigstens ist das politisch korrekt: Statt eines Staatsstreiches übernimmt ein Mann als Einzelkämpfer für die Demokratie die Pflicht wahr, ein grösseres Übel durch ein kleineres zu bekämpfen, und damit hinterher auch garantiert niemand Fragen stellt, stirbt er in der Folge auch gleich brav, ergattert sich durch seinen Heldentod eine Art Märtyrer-Status. Post mortem wird sein durch den Tod schon gesühntes Vergehen dann auch noch fadenscheinig legitimiert, indem Maximus Eingang in eine schöne Welt im Jenseits findet.

Auf den Aspekt der Ochlokratie, also der Herrschaft des Pöbels, geht Scott dann leider gar nicht mehr ein. Dass der Senat ein Volk vertritt, dass nach seiner Darstellung mithin verabscheuungswürdig weil sensationslüstern und opportunistisch ist, wäre zweifellos ein wirklich interessantes (wenn auch zugegebenermassen recht komplexes) Thema gewesen. Welche Rolle spielt eine Volksvertretung, wenn sie gar nicht wirklich die Interessen des Volkes (exemplarisch: Brot und Spiele) vertritt (angedeutet durch die Entfremdung zwischen Gracchus und den Spielen)?

Doch diesen Fragen geht Scott lieber nicht nach, und liefert uns stattdessen ein erstaunliches Bild eines unreflektierten Kriegsherrn, der aus nicht hinterfragter Loyalität die einzige Möglichkeit für die schwächliche Demokratie ist, mit Mitteln des Terrorismus gegen das Unrecht anzugehen. Dem durchaus interessanten Aspekts der Tyrannei steht dabei leider ein allzu naiver Heilsgedanke und eine doch sehr krude Persönlichkeitsstruktur des Protagonisten entgegen.

Verhinderter Actionfilm mit zweifelhafter Aussage


Wolfgang Huang
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"Gladiator" erfüllt in jeder Hinsicht die Kriterien eines großartigen Kinofilms: charismatischer Held (verkörpert durch einen grandiosen Russell Crowe), fulminante Optik, kompositorisch geniale Akustik, eingebettet in einer mehr als soliden Hintergrundgeschichte. Glücklicherweise behält Ridley Scott immer die Balance zwischen Gewaltdarstellung und ...