Summer of Sam

USA, 142min
R:Spike Lee
B:Victor Colicchio, Michael Imperioli, Spike Lee
D:John Leguziamo,
Mira Sorvino,
Jennifer Esposito,
Adrien Brody
L:IMDb
„Evil spelled backwards is live.”
Inhalt
Während der Hitzewelle des Sommers von 1977 wird New York von dem Serienkiller Son of Sam in Atem gehalten. Blonde Frauen haben Angst, auf die Straßen zu gehen. Vigilante Bürgergruppen patrouillieren die Straßen und halten Ausschau nach Verdächtigen. Aber es ist auch der Sommer, in dem Disco und Punk explodieren und die New Yorker polarisieren. Während dieser bedrückenden Zeit wird das Schicksal von mehreren Personen erzählt. Die Ehe zwischen Dionna (Mira Sorvino, zuletzt in "Auf den ersten Blick") und Vinny (John Leguizamo, "The Fan"), die Beziehung zwischen Ruby (Jennifer Esposito, bekannt aus der TV-Serie "Chaos City") und dem Rebell Ritchie (Adrien Brody, "Der Schmale Grat") und die Reaktionen der Nachbarn auf die Drucksituation, die der Mörder bei allen auslöst.
Kurzkommentar
In gewissem Sinne ist "Summer of Sam" ein typischer Spike Lee-Film. Dreckiges Ambiente, gebrochene Charaktere, Lügen, Betrügen, Sex and Crime. Wirr und ohne Richtung irrt er durch das Feld seiner Charakterstudie und versagt in den ersten anderthalb Stunden fast völlig. Dann jedoch zahlt sich das Warten etwas aus und aus den arg konstruierten Figuren wird mehr, als ihre Eindimensionalität zunächst befürchten ließ.
Kritik
Spike Lee, seines Zeichens Provokateur und Verfechter der schwarzen Bevölkerung Amerikas in jeglichen Angelegenheiten, mußte nach seinen feinen Filmen "Do the right thing" und "Malcolm X" Federn lassen. Seine Nachfolgewerke waren allesamt nur durchschnittlicher Natur und mit "He got game" bewies er einmal mehr, daß er sein eh schon geringes Gespür für Tempo und Inszenierung gänzlich verloren hat. An Quantität mangelte es ihm in letzter Zeit hingegen nicht: sechs Filme in drei Jahren dürften nur die allerwenigsten Regisseure drehen - wahrscheinlich fehlt es seinen letzten Werken allerdings genau deswegen an Feinschliff. Stattdessen tanzt Lee auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig und ist sich um keine Diskussion zu Schade: als es darum ging, einen Regisseur für die neue Muhammed Ali Biografie mit Will Smith in der Hauptrolle zu finden, schrie Lee bei der Wahl von Michael Mann unverzühlich auf, daß doch eigentlich "nur ein Schwarzer die Geschichte eines Schwarzen kongenial verfilmen" könne.

Ob seine Äußerung nun reine Provokation oder ehrbare, weil ehrliche Meinungsäußerung sind, sei dahingestellt. Fakt ist, daß es sich bei "Summer of Sam" mal wieder um einen Film über und in New York handelt. Von seiner Faszination als Metropole auf der einen Seite und seinem dreckigen "Sex and Crime"-Charakter auf der anderen. 8 Millionen Geschichten hätte diese Stadt zu erzählen, bringt uns die Einleitung nahe, und Lee's Film sei nur eine davon. Und vermutlich sind die Schicksale, die Lee uns in "Summer of Sam" näherbringen will, auch gar nicht mal so uninteressant, aber irgendwie gelingt es ihm nach "He got game" wieder mühelos, seinen Film einfältig und grobgeschnitzt zu präsentieren. Gerade die ersten anderthalb von langen zweieinhalb Stunden sind an wirrer Erzählweise, übel inszeniertem Episodencharakter und Ziellosigkeit kaum zu überbieten. So richtig juckt einen das Leben von Ehepaar Vinny und Dionna, Punker Ritchie und der vom Verfolgungswahn geplagten Nachbarschaft nicht. Lee's Inszenierung wirkt einfach zu konstruiert, um den Zuschauer zu binden oder nachhaltig zu beeindrucken.

70er Jahre Ambiente, Studio 54, Sex, Drogen, Mafia, Serienmorde - Lee stößt den Zuschauer überall direkt mit der Nase drauf. Besonders peinlich: die Charakterisierung des Mörders "Son of Sam". Schon die erste Szene macht deutlich: Aha, Meuchler Marke Psychopath. Die Krönung des Ganzen: der überdimensionale Nachbarshund spricht (lippensynchron) als Lucifer- Verschnitt zum labilen Serienmöder und legt ihm das Töten nahe; sowas Dämliches ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Abgesehen von den immer wiederkehrenden Charakterisierungs- und Erklärungsversuchen zum Verhalten des Mörders, bleibt wenigstens offensichtlich, daß es Spike Lee gar nicht um den Mordfall und das Schnappen des Killers geht. Vielmehr sollen die aus dieser Drucksituation entstehenden Auswirkungen auf die Hauptcharaktere des Films analysiert weren - eine Charakterstudie eben. Nur warum dann dem Psychopathen so viele und zudem noch so dumme Filmminuten gönnen ?

Aber gut: betrachten wir "Summer of Sam" als eben jene Charakterstudie. Und was sehen wir ? Ein Ehemann, der seine Frau mehrfach betrügt, ein Punker, der sich seiner Gesinnung erwehren muß, die Polizei, die in ihrer Hilflosigkeit sogar die Mafia konsultiert und die Nachbarschaft, die auf der Suche nach einem Sündenbock denjenigen als Mörder sieht, der am ehesten aus dem Rahmen fällt. Welch' Einfallsreichtum !
Zugegeben: "Summer of Sam" wäre nicht der erste Film, dem es zwar an neuen Ideen und Aspekten mangelt, insgesamt aber entweder aufgrund von Form bzw. packender Inszenierung trotzdem ganz vorne mitspielt. Leider ist dem nicht so: Lee bemüht sich in der Zeichnung seiner Charakter zwar so gut er kann, das reicht deswegen aber nicht: an wirklicher Tiefe fehlt es den Charakteren. Zum einen, weil ihnen kaum Vergangenheit geschenkt wird, zum anderen weil es an entscheidenden Momenten fehlt. Da hilft auch nicht die unspektakuläre, aber passende Besetzung: Adrien Brody ist als Punker Ritchie noch am Besten, Mira Sorvino, Jennifer Esposito und John Leguizamo kommen über ein "solide" aber nicht hinaus. Und Spike Lee's gewohnter Selbstauftritt bleibt eher peinlich.

Lediglich zum Ende hin, besonders in den letzten 45 Minuten scheinen sich die langwierigen ersten anderthalb Stunden etwas auszuzahlen. Wirklich gelungen ist das Finale zwar nicht, aber es läßt zumindest Mitgefühl aufkeimen. Zusammen mit dem gelungen 70er Jahre Soundtrack und dem spürbaren Zeitgeist des Jahres 1977 kann man die Charaktere erst ganz zum Ende hin wirklich einschätzen und ihnen mehr als eindimensionalen Storyboardcharakter zuschreiben. Zu spät, aber immerhin.

Ziellose Charakterstudie vor primitivem Mordszenario


Thomas Schlömer