Große Krabbeln, Das
(Bug's Life, A)

USA 1998, 95min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:John Lasseter
B:John Lasseter
L:IMDb
Inhalt
Die Einführung in die Welt des Mikrokosmos beginnt mit der Übetragung sozialdarwinistischer Motive auf das Leben der Insekten. Ein Ameisenstamm sammelt eifrig Nahrung, um nicht in seiner Existenz bedroht zu werden. Jene Nahrung ist jedoch nicht für den Eigenverbrauch bestimmt, sondern wird von einer den zivilisierten Ameisen gegenübergestellten gewalttätigen und barbarischen Heuschreckenhorde unter Führung des despotischen Hopper erpresst. Dieser "Schutzgeldmechanismus" ist für die Ameisen zur Normalität geworden, doch noch immer macht sich unter dem Heer der hunderttausenden Krabbler die Angst breit, wenn der Heuschreckenschwarm einmal im Jahr tosend herangeflogen kommt, sich über die zusammengetragene Nahrung stürzt, um danach wieder abzuziehen. Der von allen anderen Stammesmitgliedern als liebenswerter Trottel und nicht ernstzunehmender Tüftler abgestempelte Flik beschwört jedoch durch eine Unachtsamkeit die Katastrophe herauf: Der auf einem Blatt aufgestürmte Nahrungstribut für die Heuschrecken geht verloren, die gefürchtete Horde bricht wütend in den Bau der Ameisen ein und stellt eine letzte Frist, bis zum Ende des Herbstes die Nahrung erneut zu beschaffen. Der Sommer und damit auch das Pflanzenwachstum neigt sich seinem Ende zu, womit die Aufgabe unerfüllbar erscheint. Flik soll für sein fatales Mißgeschick zur Verantwortung gezogen werden, schlägt aber selber vor, auszuziehn und sich auf die Suche nach Kriegern zu begeben, die beim Kampf gegen den Despotismus der Heuschrecken helfen könnten. Das hohe Ameisengericht zeigt sich vor dem Hintergrundgedanken einverstanden, sich des tolpatschigen Unglücksbringers zu entledigen und denkt nicht im Traum daran, daß Flik tatsächlich Hilfe finden, geschweige denn zurückkommen werde. So beginnt sein Abenteuer, das ihn unter Begleitung einer nicht ganz gewöhnlichen "Kampftruppe" zurück zu seinem Stamm führen wird.
Kritik
Daß der Film inhaltlich von Disney stammt, kann zweifellos an der Simplizität der Geschichte, den klar abgesteckten Grenzen von Gut und Böse und an der insgesamt sehr kindgerechten, verniedlichenden Präsentation festgemacht werden. Weitere Konventionen und traditionelle Einschränkungen des Trickfilmes finden jedoch keinen Platz. Fulminant ist die Realisierung durch die Pixar Studios, die den gesamten Film in aufwendigster Arbeit im Hochleistungsrechner entstehen ließen, während Disney nur noch den Vetrieb übernimmt. Die Tradition des handgezeichneten, weitgehend zweidimensional wirkenden Trickfilmes ist dem Beginn einer neuen Ära gewichen, die mit Toy Story 1995 (ebenfalls von Pixar) begründet wurde. War dieser im Hinblick auf die Rechnerkapazität eingeschränkter, vermochte er dennoch das damals computeranimatorisch Beste neu zu defnieren. Keinen anderen Weg ging Pixar nun 1998. Schlichtweg atemberaubend plastisch und in der Bewegung lebendig sind die Animationen. Die Ameisen sind in ihrer Erscheinung und Bewegung noch bei weitem nicht das Faszinierendste. Die generellen Mimiken der Insekten, die Bewegungen der Heuschrecken, die überzeugend realistische Meisterleistung der Animation des Blattwerks der Bäume und übrigen Flora, der unglaubliche Detailgrad und die Liebe in der Gesichtsanimation - all dies verleiht dem digitalen Mikrokosmos die perfekte Illusion einer anderen, vom Zuschauer optisch genußreich zu erkundenen Realität. Bemerkenswert ist die Beobachtung, daß Pixar die Computeranimation nur als Mittel zum Zweck der Umsetzung des immer noch wichtigsten Elementes nutzte: das erzählende Moment des Filmes und die Charakterentwicklung der hier digitalen Protagonisten. Schnell vermag der Zuschauer sich mit den erfrischend unterschiedlich gearteten Charakteren zu identifizieren und verfolgt amüsiert deren spezifisches Eigenleben, das von ungewöhnlich hoher Lebendigkeit und Witz erfüllt ist. So gelingt Pixar vorbildlich der Spagat zwischen bombastischem Technikeinsatz und einer durchweg witzig-intelligenten Erzählstruktur. Das Zusammenwirken der beiden Aspekte ist so harmonisch und ausgeklügelt, daß die technische Faszination der Begeisterung dem charismatische Agieren der Insekten weicht. Besonders die vom Anti-Helden Flik organisierte Ex-Zirkustruppe, bestehend aus einem lebendigen Stock, zwei ungarischen Pillenkäfern, einer Gottesanbeterin, einer Spinne, einem Schmetterling, einem Mist- und Marienkäfer, könnte nicht heterogener und interessanter gestaltet sein. Dieser bunte Haufen, desillusioniert, wegen des Rauswurfs aus dem Flohzirkus nach einer schwarzhumorig mißglückten, aber schreiend komisch inszenierten Pyrotechnikdemonstration, erregt Fliks Aufmerksamkeit und begleitet ihn schließlich zurück in seine Heimat, um den Schlag gegen Hopper und seine Bande auszuführen. Bis zum Ende hin entlädt sich so ein wahres Feuerwerk an technischer Imposanz, köstlich umgesetzter Situationskomik und einfallsreichem Witz. Selbst der Abspann bietet eine Innovation, die von Jackie Chan aus dem "Realfilm" übernommen wurde: die "Outtakes" zeigen Mißgeschicke während des "Drehs", der im Fall der Computeranimation ja keiner war. Einmal mehr wird die menschliche Realität auf die der Computerfiktion gekonnt übertragen, unterstreicht intensiv die Lebendigkeit des Mikrokosmos, dessen Akteure wie Menschen wirken. Die Sterilität und unnatürliche Sauberkeit der Computergrafik spricht dabei nicht gegen, sondern für die Fiktion. "Das große Krabbeln" ist nicht nur ein außergewöhlicher Computeranimationsfilm. Er markiert vielmehr eine Zäsur in der Trickfilmgeschichte, die die Tradition mit der Moderne konfrontiert und Disney einen wünschenswerten Weg in die Zukunft weist.
Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Über die Charaktere kann man geteilter Meinung sein, manch einem Kinobesucher, vor allem, wenn er seinen Grundschulzeit schon hinter sich hat, mögen sie allzu kindisch sein. A Bug's Life ist nicht mehr die große Revolution der computeranimierten Films, aber für einen deutliche Zäsur reicht die technische Perfektion allemal, und sie sorgt für staun...