Monster's Ball

USA, 113min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Marc Foster
B:Milo Addica, Will Rokos
D:Billy Bob Thornton,
Heath Ledger,
Halle Berry,
Sean 'Puffy' Combs,
Peter Boyle
L:IMDb
„Als ich jung war, stand ich auch auf Nigger-Fotzen. Man ist kein Mann, wenn man keine dunkle Eiche gespalten hat.”
Inhalt
Hank Grotowski (Billy Bob Thornton) ist Gefängniswärter in einem gottverlassenen Kaff im Süden der Vereinigten Staaten und überzeugter Rassist. Wie schon sein despotischer Vater Buck (Peter Boyle) zuvor und nun auch sein sensibler Sohn Sonny (Heath Ledger) eskortiert er Todeskandidaten bei ihrem letzen Gang auf den elektrischen Stuhl. Als Sonny bei der Hinrichtung des Farbigen Lawrence Musgrove (Sean „Puff Daddy“ Combs) die Nerven verliert und zusammenbricht, eskaliert der schwelende Familienkonflikt, der Sonny schließlich in den Selbstmord treibt. Hank quittiert darauf hin seinen Job. Zufällig begegnet er der ebenso desillusionierten schwarzen Aushilfskellnerin Leticia (Halle Berry). Sie ist die Frau, deren Mann er kurz zuvor exekutiert hat. Es beginnt eine obsessive Liebe zwischen zwei Menschen, die eigentlich nichts gemeinsam haben, außer dass sie beide am Abgrund stehen, und deren einzige Hoffnung es ist, sich aneinander festzuhalten.
Kurzkommentar
Marc Fosters wahrlich unkonventioneller Oscar-Gewinner bleibt nicht nur aufgrund seiner Gegenläufigkeit zu den klassischen Regeln des Filmdramas sehenswert. Die ungewohnte Konstellation ermöglicht vielmehr einen tiefen Einblick in die Seele einer Figur, der durch die herausragenden Darsteller noch verstärkt wird.
Kritik
Zusammen mit "In the Bedroom" kann "Monster's Ball" wohl als einer der am schwierigsten zu rezensierenden Filme in diesem Jahr gelten. Während "In the Bedroom" durch seine Bedingungslosigkeit und Kälte Zweifel an der Filmtauglichkeit seiner Thematik aufkommen ließ, ist es bei "Monster's Ball" wohl die starke Unkonventionalität des Drehbuchs, die gleichzeitig Beachtung verdient (und den Film somit sehenswert macht) sowie große Unzufriedenheit beim Zuschauer provozieren dürfte. "Monster's Ball" vereint in seinem Drehbuch so ziemlich alles, was nur irgendwie dem schemenhaften Hollywood-Film zuwiderläuft, und muss sich somit die Frage gefallen lassen, ob hier bedingungslos "anders gleich besser" gelten kann oder ob man sich als Zuschauer doch lieber von vorhersehbaren Stoffen unterhalten lässt, um einerseits einen angenehmen Abend geniessen zu können und andererseits nicht zum Narren gehalten zu werden.

Der Schweizer und gebürtige Ulmer Marc Foster verlangt seinem Publikum jedenfalls viel ab: so ziemlich die härtesten Schicksalsschläge treffen die Protagonisten hier reihenweise, so ziemlich die unglaubwürdigsten Wendungen und Motivationen muss der Besucher schlucken und das alles nur um einen Film zu sehen, der anders ist als alle anderen? Man darf annehmen, dass ein großer Reiz in der Arbeit Marc Fosters gerade darin bestand, bekannte dramaturgische Konventionen zu ignorieren und etwas Gegenteiliges zu filmen. In "Monster's Ball" sind die "Helden" eher verabscheuungswürdige Menschen, sind Rassisten, schlechte Väter, schlechte Söhne, schlechte Mütter. In "Monster's Ball" kommt der pure Sex vor dem zärtlichen Kuss, fällt "Nein, ich liebe Dich nicht", aber nie das abgedroschene Gegenstück, wird das Entdecken einer der wichtigsten Details in einer Beziehung einfach totgeschwiegen und die erwartete Konfrontation ignoriert. Das Schicksal schlägt derart bedingungslos zu, dass Regisseure wie Sean Penn und Oliver Stone das Drehbuch abgelehnt haben und ein Nicht-Amerikaner kommen musste, um die heikelsten aller US-Themen, Rassismus und Erotik, grenzerweiternd zu thematisieren.

Spoiler
Aber kann "Monster's Ball" dank dieser "Qualitäten" als gelungener, soll heißen "guter" Film gelten? Das kann er, denn Foster inszeniert nicht ohne Hintersinn. Er sammelt nicht einfach die gängigsten, dramaturgischen Kniffe und verkehrt sie ins Gegenteil. Vielmehr instrumentalisiert er konventionelles, dramaturgisches Werkzeug, um die Charakterzeichnung seiner Protagonisten auf eine neue, bislang unbekannte Ebene zu heben. Man mag sich z.B. darüber aufregen, dass hier nicht nur Hank seinen Sohn Sonny (besser denn je: Heath Ledger) verliert, sondern auch Leticias Sohn bei einem Unfall ums Leben kommt. Das wirkt zuviel des Schicksals, zu unglaubwürdig im Aufbau. Aber Foster braucht diese Prämisse, braucht das starke Unwohlsein des Zuschauers, um Leticias und Hanks Gier nacheinander zu erklären. Sie stehen am Abgrund ihrer Existenz und finden nur aus reinem Selbsterhaltungstrieb zusammen. Sie begehren einander seelisch, aber vor allem körperlich, empfinden jedoch wenig füreinander. So formuliert Hank nie liebevolle Worte für Leticia, ihr Dialog wirkt immer nur funktional, abgeklärt und kalt wie das Schokoladeneis, mit dem der Film endet. Ursprünglich sah das Drehbuch auch vor, dass Leticia Hanks Vater angiftet und schlägt, als er sie rassistisch beleidigt, aber Foster kam es mehr auf den Selbstkonflikt an als auf die direkte Konfrontation.
Spoilerende

Auch den rassistischen Aspekt wollte er klischeelos, echt, realistisch behandeln, weshalb er Halle Berry zunächst für "zu hübsch" für die Rolle der Leticia empfand. Erst als sie ihn darstellerisch überzeugt hatte (und Vanessa Williams sowie Angela Bassett aufgrund der freizügigen Nacktszenen ablehnten), stimmte er zu. Wozu das führte, wissen wir ja seit der letzten Oscarverleihung, aber Berry macht ihre Sache tatsächlich tadellos. Im englischen Original entwickelt sie vor allem auch mit ihrer Stimme eine Wirklichkeit, die für den Film unerlässlich ist.

"Monster's Ball" bezieht seine Anziehungskraft vor allem aus den Charakteren, ihren Konflikten und dem unkonventionellen Drehbuch. Eine Figurenzeichnung wie Foster sie hier vollzieht, ist auch nur möglich, wenn man Zugeständnisse an Glaubwürdigkeit der Story und dramaturgische Konvetionen macht. Gelohnt hat es sich in jedem Fall - und sei es auch nur, um die Filmtauglichkeit unkoventioneller Dramaturgie prüfen zu können.

Unkonventionelles, hartes Drama von zwiespältigem Aufbau


Thomas Schlömer