Sturm, Der
(Perfect Storm, The)

USA, 129min
R:Wolfgang Petersen
B:Sebastian Junger,William Wittliff
D:George Clooney,
Mark Wahlberg,
Diane Lane,
William Fichtner
L:IMDb
„Aber hey,´n toller Kampf war´s trotzdem!”
Inhalt
Der Film erzählt eine wahre Begebenheit. Im Herbst 1991 stößt der Hurricane Grace vor der Ostküste der USA auf zwei weitere Schlechtwetterfronten. Dadurch braut sich der gewaltigste Sturm seit Menschengedenken zusammen. Der Wetterbericht hält den Kapitän Billy Tyne (George Clooney) trotzdem nicht vom Auslaufen ab. Mit seiner verzweifelten Aktion will er seine vorigen Fangschlappen in weit entfernten, reichen Fischgründen wettmachen. Mit an Bord befindet sich u.a. Bobby Shatford (Mark Wahlberg), der seine Scheidung finanzieren muss. Ihr Leben riskieren die Fischer sowieso jeden Tag, aber diesmal müssen sie erfahren, wie gnadenlos die See wüten kann.
Kurzkommentar
Neunzehn Jahre nach seinem Klassiker "Das Boot" wagt sich Wolfgang Petersen mit einer Bestseller-Bearbeitung zurück in nautische Gefilde. Vorzeitig wird "ballastverdächtige" Handlung und alles Verfeinerte über Bord geworfen, aber als lärmend-plattes Bombastspektakel, das kurzweilig fesselt, kann Petersens "Popcorn-Mechanismus" durchaus punkten.
Kritik
Wer Erfolg hat, der emmigriert. So auch Wolfgang Petersen, gebürtiger Ostfriese, der nach der Regie einiger "Tatort"-Folgen und des Adolf-Grimme- Preis gekürten TV-Dramas "Die Konsequenz" 1981 sprichwörtlich auftauchte - und zwar mit "Das Boot". Die Leinwandbearbeitung des autobiographischen Romanmonuments über eine deutsche U-Boot Besatzung im 2. Weltkrieg war klaustrophobisch, detailbesessen, kongenial und zeigte die Hauptdarsteller in den Rollen ihres Lebens. Kritik und Publikum überschlugen sich, das Werk wurde für sechs Oscars vorgeschlagen und ist bis heute - man glaubt es kaum - der erfolgreichste deutsche Streifen im Ausland. Das war Petersens entre billet und Sprungbrett Richtung Traumfabrik, wo er zwar keine Gefahr lief, gleich wieder unterzugehen, aber als einziger Deutscher sich in Riege der Starregisseure festzusetzen schaffte er erst 1993 mit "In the Line of Fire" - ein entmotteter Clint Eastwood war am fetten Kassenergebnis nicht unwesentlich beteiligt.

Zwei Jahre später konnte er mit dem Viren-Thriller "Outbreak" erneut und 1997 mit dem unglaubwürdigen Präsidenten-Schocker "Air Force One" vollends absahnen - wieder mit Starmagnet, nämlich mit Harrison Ford . Mit also nur drei Filmen setzte sich Petersen im Feld der umschwärmtesten Regisseure dadurch fest, dass er sich den Blockbuster-Prinzipien fügte und europäisches Kino hinter sich ließ. Aber es sei zugestanden: im schulmäßigen Sinne dumm waren seine Filme trotzdem nicht, vielmehr sogar packend inszeniert. Und für Petersen, den Jungen von der Waterkant, war klar, dass sein eigentliches Element das unstete ist, also musste endlich mal wieder was Maritimes her, um für ordentlich Seegang an der Kasse zu sorgen.

Wie gut, dass Sebastian Jungers minutiöser Romanbericht zwischen Fakten und Fiktion noch nicht beackert war. Denn vielleicht bot er genau jene Attribute, die schon "Titanic" zur Überraschungslektion in Sachen Filmerfolg machten: ein bekanntes Ende, viel Wasser, viel tragisches Leid und den Betroffenheitsbonus "Wahrheit". Dass Jungers Erzähldebüt dabei einer grobschlächtigen Vereinfachung zum Opfer fallen würde, war wahrscheinlich, würde doch die Maschinerie der Spezialeffekte im "Sturm" ihre fast letzte Herausforderung finden. Und so kam es. Der Rest, sprich die Handlung, bevor es zum elementaren Duell Mensch gegen Naturgewalt kommt, ist reiner Hinhaltestoff. Diejenigen, die in den gewaltigen Katastrophenausbruch geraten, werden als tragische Helden ziemlich holzschnittartig eingeführt und eine detaillierte Schilderung des Fischereialltags gibt es ebensowenig wie irgendein Interesse am besonderen Denken und Fühlen der Menschen, die seit Gedenken mit dem Meer in Tod und Leben verbunden sind.

Zudem fährt Petersen mit John C. Reilly ("Magnolia"), Mary Elisabeth Mastrantonio ("Limbo") und nicht zuletzt George Clooney eine eigentlich fähige Idealbesetzung auf, die individualisierende Typen und die Mentalität der Küstenbewohner hätte herausarbeiten können. Doch das ist alles Fassade, von Beginn an ist klar, dass der Hauptdarsteller auf der Festplatte liegt und nur auf seine Entfesselung wartet. Der Rest ist hier reines, hohles Opfer. Die Sehnsüchte, die der Mensch neben der Furcht mit dem Meer verbindet, finden kaum Behandlung, ihre Schicksale interessieren nicht wirklich. Bis endlich abgelegt und Kurs ins Verderben genommen wird, hat die platte erste Hälfte des Films nicht für sich selbst, sondern allein für die zweite Stunde Arbeit geleistet. Ähnlich geht es weiter, wenn die Darsteller ihr wirkliches Vermögen über Bord werfen dürfen und deutlich wird, dass Petersen seinen Handelnden keine Identität, sondern reine Statistenrollen zuweist. So wird, um dramaturgische Nichtigkeiten zu vertuschen, mal eben aus Verlegenheit ein Hai an die Angel gelegt - ein Vorbote dessen, was die Natur respektive die Hardwaregurus von "Industrial Light & Magic" gleich an tricktechnischen Schwergewichten auffahren werden. Gerade noch rechtzeitig retten somit die ersten Ausläufer des Digisturms Petersens Angelausflug vor dem vorzeitigen Absaufen.

Aber lassen wir das Lamentieren, den Vorwurf, hier würde viel Wind um nichts gemacht, denn dann entfesselt "Der Sturm" ein beispielloses Effektgewitter, das, trotzdem das Ende unvermeidlich ist, wirklich spannend und teils atemberaubend umgesetzt ist. Zwar ist einigen Einstellungen ihr Computerursprung deutlich anzusehen, aber en Gros ist es großartig gelungen, die biblische Urgewalt im Rechner lebendig zu machen. Und weil der uneinsichtige Kampf der "Andrea Gail" gegen die Wogen nicht reicht, gerät parallel noch eine dilettantisch gesegelte Yacht in Seenot, die der Crew eines Seenotrettungshubschraubers Gelegenheit bietet, ihr Können unter Beweis zu stellen. James Horners Retortenmusik dröhnt begleitetend schon im Vorfeld in jeder Szene so übertrieben laut, so dass selbst der Blick auf den Kompass zum heroischen Akt gerät. Wir sehen Hollywood und abgesoffene Handlung, wieder den Sieg der Effekte, der Form über den Inhalt, wir sehen aber auch perfektes, manchmal lächerliches Popcornkino und einen der besseren Katastrophenfilme der letzten Zeit. Die finale Welle der Verhängnis ist dann ein wirkliches Ereignis, Skipper Clooney will´s wissen wie Ahab und der von Mark Wahlberg gespielte Charakter findet mitten in der zweiten Sintflut noch Muße zur transzendeten Liebeserklärung - das ist Deutschland in Hollywood: schöner kämpfen, schöner lieben, schön und gewaltig sterben.

Donnernde Effekthascherei ohne Tiefgang - reine Formsache


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Ein Erfolg ist Wolfgang Petersen gewiß: Von "Das Boot" bis "Der Sturm" ist es ihm jedesmal gelungen, ein jeweils schlechteres Drehbuch zu finden, dieses aber immer gewinnbringend umzusetzen. Wieso auch "Der Sturm" wieder ein Kassenerfolg ist, ist mir schleierhaft - er ist bodenlos langweilig....