Gift, The

USA 2000, 111min
R:Sam Raimi
B:Billy Bob Thornton
D:Cate Blanchett,
Giovanni Ribisi,
Keanu Reeves,
Greg Kinnear
L:IMDb
„Seeing dead people is no fun at all.”
Inhalt
Annie Wilson (Cate Blanchett) hat „die Gabe” – seit ihrer Kindheit leidet sie, angefeindet von ihrer kleinstädtischen Umwelt, an ihren übernatürlichen telepathischen Fähigkeiten. Nach einem mysteriösen Mordfall an einer jungen Frau aus gutem Hause bittet der Sheriff Annie um Hilfe bei der Aufklärung. Ihre alptraumhaften Visionen führen die Polizei schließlich an den Ort des Verbrechens. Der Mann ihrer Freundin (Hilary Swank), der Schläger Donnie Barksdale (Keanu Reeves), wird mit Hilfe ihrer Aussage in einem Indizienprozess als Täter überführt. Doch der Mord lässt Annie nicht los. Wiederkehrende dunkle Träume öffnen ihr den Blick, dass der wahre Täter noch auf freiem Fuss ist – und der hat es jetzt auf sie abgesehen.
Kurzkommentar
Mit großen Namen wirbt ein kleiner Film, und das rettet ihn. Schockmentor Sam Raimi ("Tanz der Teufel") will eine feine Mischung aus Horror, Mystery und Krimi inszenieren, stolpert aber über das banale Drehbuch Billy Bob Thorntons. Nur Dank Raimis Können, Stimmungen zu erzeugen, gehoben zu gruseln, vor allem aber aufgrund der großartigen Besetzung ist "The Gift" mehr als Konfektionsware.
Kritik
Programmatisches ist werbeträchtig. Anfang der 80er Jahre hielt Sam Raimis Horrorklassiker "Tanz der Teufel" dann auch, was der Titel versprach. Schlagartig war Raimi ein Begriff, blieb aber im Metier, drehte zwei Fortsetzungen - die zweite nur noch Horrorsatire - und schaffte es trotz Mainstream-Material wie "A Simple Plan" und "Aus Liebe zum Spiel" letztlich nicht, sich im großen Rahmen zu etablieren. Seine Meisterschaft bleibt der Grusel, wenig psychologisch, aber meist schrecklich effektiv.

Fast niemand versteht es so wirksam wie er, die berechenbaren Schockmechanismen des Horrorgenres in bedrohliche Stimmungen einzutauchen. Ob er aus diesem Vermögen für "Spider Man", dem potentiell größten Kassenschlager des nächsten Jahres, jedoch Kapital schlagen kann, ist fraglich; ob es sinnvoll war, ihm die Regie dafür anzutragen, ebenso. Auch verwundert, dass Raimi für "The Gift", ein Mystery-Horror-Gebräu ganz nach seiner Befähigung, eine Reihe hochbrillianter Darsteller gewinnen konnte. Hat sie der Teufel geritten?

Die Idee ist schon herzlich breitgetreten, aber Drehbuchautor Billy Bob Thornton (ja, mehr Ehemann Angelina Jolies als Schauspieler) musste dennoch auf eine "Sixth Sense"-Masche verfallen und einen ziemlich standardkonformen Horrorthriller zu Papier bringen. Gut, Innovation war von einem Raimi-Film dann nicht zu erwarten. Aber er überschätzt sich völlig. Es ist nur Dank des rettenden Ensembles so, dass "The Gift" doch noch etwas von seinen vollmundigen Ankündigungen einhält. Der Film ist für schwache Gemüter nicht zu empfehlen, sollte wegen seiner Hauptdarstellerin aber einen Besuch wert sein. Cate Blanchett, deren Auftritte ohnehin selten sind, spielt einmalig. Und nicht nur in hier. Schon für ihr starkes Porträit der "Elisabeth" bekam sie seinerzeit die Oscarnominierung, und sie, die jede noch so marginalen Rolle intensiv ausfüllt, ist sicher eine der besten jüngeren Darstellerinnen. Die Engländerin Hillary Swank gleichermaßen, sie bekam den Oscar ("Boys don´t cry") und ist auch mit dabei. Klasse, das sind sind sagenhafte Bedingungen, aber "The Gift" ist bloß phrasenhaft.

Über die banale Geschichte sei gleich noch etwas gesagt, doch zuerst zu den Darstellern. Blanchetts Möglichkeiten sind in der formalisierten Rolle einer Hellseherin, die ihre schrecklichen Visionen nicht schlüssig interpretieren kann, sträflich beschränkt, aber sie kämpft großartig dagegen an. Swank wird als geprügelte Ehefrau Valerie noch mehr beschnitten, wird fast auf Statistenstatus degradiert. Das schmerzt, macht aber Platz für Keanu Reeves in einer Gastrolle, die es in sich hat. Dass "Matrix"-Waschlappen Reeves als Frauenschläger jemals so verachtenswürdig, so viril, so glaubwürdig und physisch präsent spielen könne, hätten ihm keiner zugetraut. Bravo.

Dann sind da noch Greg Kinnear und Jungtalent Giovanni Ribisi. Beide reizen ihre Reissbrettfiguren bis zum Letzten aus, und obwohl Ribisis Figur ziemlich unmotiviert in den Plot eingebaut ist, begeistert er als aufbrausender Jungpsycho mit Vaterkomplex. Das Zusammenwirken der Darsteller, selbst in der kleinsten Nebenrolle, ist ausnahmslos klasse. Aber das Drehbuch Thortons verhindert den großen Wurf, daran kann auch die handwerklich beachtenswerte Regie Raimis nicht mehr rütteln. Ist die Idee, eine Hellseherin zur einzigen "Zeugin" eines Mordes werden zu lassen, noch halbwegs inspirativ, so ist die Umsetzung nicht mehr als stilvolle Konvention mit dem Plus an Atmosphäre. Trotz mehrerer Verdächtiger ist der mikrige Plot absehbar, schwergängig, das Ende erwartungsgemäß unspektakulär, gekünstelt vielschichtig und letztlich kaum befriedigend.

Dass "The Gift" dennoch sehenswert ist, liegt wie gesagt an der sagenhaften (Über)Besetzung, an seinen geheimnisvoll melancholischen Südstaatenbildern und an Raimis Virtuosität bei den Schockmomenten. Wie er sie souverän auspielt, das verleiht dem supernaturalistischem Geschauer einige Spitzen und wirkt insgesamt subtiler, gereifter als bei irgendeinem Fließbandhorror. Aber ohne seine Darsteller, die hier das einzig wirkliche Geschenk sind, wäre "The Gift" eben erschreckend nichtig.

Unbedeutender Mysteriethriller mit begnadeter Besetzung


Flemming Schock