Straight Story, The

USA, 111min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:David Lynch
B:John Roach, Mary Sweeney
D:Richard Farnsworth,
Sissy Spacek,
Jane Galloway,
Joseph Carpenter
L:IMDb
„Ich möchte neben ihm sitzen und in den Himmel schauen.”
Inhalt
Der in seinem Heimatort Laurens/Iowa für seinen Eigensinn bekannte 73jährige Kauz Alvin Straight (Richard Farnsworth) hat sich in den Kopf gesetzt, seinen erkrankten Bruder Lyle (Harry Dean Stanton), mit dem er seit zehn Jahren zerstritten ist, wiederzusehen, um sich endlich mit ihm auszusprechen. Da er kein Auto mehr fahren kann, beschließt Alvin den langen Weg durch zwei Bundesstaaten auf seiner Rasenmähmaschine anzutreten. Auf der sechswöchigen Reise begegnen dem verschrobenen wie eigensinnigen Alten die unterschiedlichsten Menschen, denen er bereitwillig von den Höhen und Tiefen seines Lebens erzählt.
Kurzkommentar
"The Straight Story" ist eine wundervolle, behutsam erzählte Geschichte, voller Wärme und Menschlichkeit. Alvin Straight lädt den Zuschauer zu einer Reise durch das Leben ein - jede Anekdote basierend auf eigener Erfahrung - und man meint eine Vorstellung davon zu bekommen, was das Leben bereithält. David Lynch bietet die perfekte Synthese aus Erzählreichtum, Emotionen und gewitzter Darstellweise.
Kritik
Die wundervolle Behutsamkeit, mit der Lynch "The Straight Story" realisiert hat ist zugleich bemerkens- und bewundernswert. Es ist genau diese gefühlvolle Kameraführung, genau diese Art der inszenierten Erzählweise, die ich bei so vielen anderen Filmen vermisse. David Lynch hat bei dieser wahren Geschichte - um es auf den Punkt zu bringen - alles richtig macht. "The Straight Story" ist die Art von Film, die einen nachhaltig beeindruckt; nicht nur in dem Sinne, daß die Zuschauer bis zum Ende der Credits sitzen geblieben sind, sondern ihn vielmehr zum Überdenken des gerade Aufgenommen anregen.

Ein alter Tatergreis, und dies meine ich im höchst liebevollen Sinne, erzählt von seinem Leben. Unspektakulär und in hohem Maße langeweileprovozierend mag man meinen; für mich jedoch einfach nur ergreifend und eindringlich. Der Auslöser Alvin Straights' dickköpfiger Reise auf einem Rasenmäher dient inhaltlich eigentlich nur als Rahmenhandlung für Alvins Lebenserzählungen, an der verschiedene Leute teilhaben dürfen. Und : nicht seinen alltäglichen Seniorenkollegen erzählt er seine geheimgehaltenen Erlebnisse, sondern flüchtigen Begegnungen. Eine schwangere Frau, die an familiärer Orientierungslosigkeit leidet, ein durchschnittlicher Ehemann, der sich durch seine Freundlichkeit auszeichnet, ein altersgleicher Leidensgenosse, der mit seinen Kriegserlebnissen ebenso zu kämpfen hat wie er selber. Und seinem Bruder? Dem eigentlichen Grund für seine Reise und gleichzeitig die Ziellinie seines Abenteuers: ein begrüßendes "Lyle!". Hält man sich Alvins sture Lebensweise, seine Zielstrebigkeit vor Augen, endet der Film genial passend. Keine Worte, nur der emotionale Ausdruck in den Gesichtern der Brüder, der markanter nicht sein könnte. "Ein Gesicht sagt mehr als tausend Worte" sollte das Sprichwort in diesem Fall umfunktioniert werden. Jede Falte in Alvins Gesicht stellvertretend für eine wertvolle Erfahrung; die gläsernen, wässrigen Augen zeugen in höchstem Grade von Ehrlichkeit und Lebensfreude. Allein Richard Farnsworths Charisma hegt den Wunschgedanken : "Warum durfte nicht ich Zuhörer seiner Geschichten sein?". Geschichten, die vom Bund einer Familie erzählen, vom Älterwerden, vom zweiten Weltkrieg (zugegebenermaßen ein strapaziertes Thema) oder einfach nur von Schicksalen - wie ich finde zutiefst berührend und untermalt von wunderschöner Filmmusik.

Zudem werden außerhalb Alvin Straight toll gezeichnete Charaktere geboten: die verhaltensgestörte Tochter (klasse dargestellt von Sissy Spacek), die gewöhnliche Mitbewohnerin mit alltäglichen Problemen ("da war ich wohl im Sonnenstudio"), die Reisebekanntschaften, wie beispielsweise eine entnervte Angestellte, die auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit mit kreuzenden Rehen zu kämpfen hat. In jedem Charakter schwingt dabei eine gewisse Tragik mit, ohne jedoch unkontrolliert stark gewichtet zu sein.

Lynch ist eine perfekte Synthese aus Erzählreichtum, Emotionen und gewitzter Darstellweise gelungen. Er präsentiert einen Film, der die Tücken des Lebens aufzeigt, ihn aber weder pessimistisch noch demoralisierend inszeniert hat. "The Straight Story" bietet Stoff zum Nachdenken und Rezensieren des eigenen Lebens, zum Bewundern und Verwundern, zur Unterhaltung und als Vorbild.

Intensives, in höchstem Maße berührendes Filmerlebnis


Thomas Schlömer