St. Pauli Nacht

Deutschland, 95min
R:Sönke Wortmann
B:Frank Göhre,Frank Göhre
D:Ill-Young Kim,
Armin Rohde,
Maruschka Detmers,
Axel Milberg
L:IMDb
„Ich habe Lust, auf der Stelle mit Ihnen zu vögeln!”
Inhalt
Kein tragender Plot, keine übergeordneten Hauptdarsteller. Sönke Wortmann, seit dem 'bewegten Mann' einer der namhaftesten deutschen Jungregisseure, legt eine Betrachtung des Hamburger Kiez vor. Zeitraum des Geschehens ist ein einziger Tag mit dessen Nacht, der Nacht auf St. Pauli. Mehrere fragmentarisch focusierte Einzelschicksale des Milieus, die keinerlei Verbindung zueinander haben, kreuzen sich fremd auf den Straßen des Lebenskreises. Die Summe der exemplarischen Existenzen soll ein authentisches Panorama der 'sündigsten Meile der Welt' entwerfen.
Kritik
Schon die Namensgebung von Wortmanns Quasidokumentation weckt negative Spekulationen über Sinn und Berechtigung einer neuen Reeperbahnparabel: 'St. Pauli Nacht' ruft Assoziationen von Stereotypen, Klischees und auch von der Wirklichkeit des Kiezes hervor, die schon unsäglich oft die Vorstellungskraft der Film- und Fernsehmachern zum Fabulieren anreizte. Gehasst und geliebt, verteufelt und romantisiert - die täglich gelebte Milieuantagonismen ergeben eine pulsierende Synthese, ein Abbild der Sehnsüchte, Träume, Ängste und Unwägbarkeiten des menschlichen Lebens. Der Mythos der Reeperbahn ist dekadentes Bild der Lust, jeden auf seine Weise anziehend oder abstoßend. Diese Einsicht ist banal und alt wie der Kiez selbst, und doch braucht auch Wortmann seine individuelle Zueignung der heruntergekommenden Wahrheit.

Diese wäre noch halbwegs originell, wenn die Kiezrealität ungewöhnlich verpackt in einer außergewöhnlichen Geschichte reflektiert würde. Aber wozu eine Fiktion, wenn die Realität doch so 'spannend' ist? Die Erzählung soll 'das' Leben selbst sein, wenn Wortmann mehrere kleine 'Subplots' erzählt, die fiktiv, nicht aber fiktional sind, denn - das muß man ihnen guthalten - sie sind mitunter realistisch denkbar. Doch trostlos ist die glanzlose Wirklichkeit , trostlos und unverzeihlich abgedroschen ist die filmische Plattitüde. Schon allein der uninspirierte Titel sollte beim potentiellen Zuschauer eine berechtigte Gänsehaut der Ablehnung provozieren und ist vielleicht bestes Exempel für die Krise und die stagnierte Verfassung des deutschen Filmes. Da passabele Drehbücher zur Mangelware verkommen sind, dachte Wortmann sich wohl, einfach keines zu nutzen und kompromittiert sich damit selbst.

Im Ergebnis sehen die erzählten Begebenheiten erbärmlich trivial und alltäglich aus - Wortmann studiert den hypothetischen Kiezalltag, das Publikum schüttelt ungläubig verärgert darüber den Kopf, daß die offenkundige Ödnis und Jämmerlichkeit der Realität phrasenhaft gespiegelt werden. Das mag der Dokumentation zukommen, die Prinzipien der Kinounterhaltung wollen wenn nicht ablenkende Fiktion, so doch wenigstens kreativ verkaufte Wirklichkeit. Von dem sind die Schicksale in 'St. Pauli Nacht' so weit entfernt, wie der Kiez von der Jungfrau Maria. Da gibt es einen von seiner Frau betrogenen Postbeamten, der nackig, besoffen und mit Schießprügel bewaffnet torkelnd herumballert, einen Ex-Knacki mit Fönfrisur und klischeehafter Coolness, einen abgewrackten Punk, einen glatzköpfigen Oberzuhälter, eine Frau, die Mann war, zwei kriminelle Kids, einen jointrauchenden Taxifahrer, sexgeile Manager, Menschen auf der Suche nach wahrer Liebe etc. pp. - stereotyp, entsetzlich platt und unglaublich einfältig. Ebenso die Schauspieler, die aufgrund der eng gesetzten Grenzen ihrer Rollen allesamt eindimensionale Pappkameraden bleiben und Hoffnung auf ein baldiges Ende dieses 'Reeperbahnexperimentes' verbreiten. Das Gros der Charaktere und ihre Dialoge sind derart dämlich, daß man meinen könnte, sie seien kurz vor Drehbeginn planlos improvisiert worden. Die filmische Kotztüte wird nur deswegen nicht zum totalen Desaster, weil es Wortmann versteht, die stumpfsinnigen Einzelerzählungen und ihre Protagonisten auf dem Kiez beziehungslos immer wieder zusammenlaufen zu lassen. Um zu 'dramatisieren' und der Brutalität des Lebens gerecht zu werden, läßt Wortmann einige seiner Antihelden auf groteske Weise sterben. Er moralisiert die Welt nicht und entläßt den genervten Zuschauer ohne Anliegen. 'Leben ist, wenn etwas dazwischen kommt'.

Filmisch umnachtetes Kiezporträit


Flemming Schock