Stigmata

USA, 103min
R:Rupert Wainwright
B:Tom Lazarus, Rick Ramage
L:IMDb
„The Kingdom of God is Inside You!”
Inhalt
Die junge, völlig unreligiös lebende Friseuse Frankie Page (Patricia Arquette) erleidet völlig unvermittelt das Stigmata, erlebt also körperlich die Leiden Christi nach. Der kritische "Wunder"-Inspektor Kiernan (Gabriel Byrne) wird vom Vatikan ausgesandt, die Sache zu untersuchen, doch mit der Zeit muss er feststellen, das die Dinge komplexer gelagert sind, als erwartet...
Kurzkommentar
Trotz des sehr spannenden Themas macht der Film fast alles falsch, was man falsch machen kann, besonders die unwahre Darstellung der tatsächlichen Gegebenheiten (der religiösen Aspekte) ist für den interessierten Zuschauer sehr ärgerlich. Für alle anderen bleibt ein nur durchschnittlicher Horror-Film mit Akte-X-Einschlag.
Kritik
Achtung: Massive Spoiler
Dieser Film hätte so interessant werden können: Das religiös-mystische Thema, das einen breiten Zuschauerkreis anspricht, ist gut gewählt, aber leider völlig unzureichend umgesetzt. Besonders ärgerlich ist sind die falschen Behauptungen, die den Eindruck erwecken, der Film sei basierend auf sauberen Recherchen mit hehren (aufklärerischen) Motiven gedreht: er ist es nicht. Doch fangen wir von vorne an:
Stigmata beschreibt die Erscheinung, dass Menschen (wobei dies zumeist nur sehr gläubigen wiederfährt) die fünf Leiden Christi erleiden: Die 39 Peitschenhiebe, die Wunden vom Aufsetzen der Dornenkrone, Wunden vom Tragen des Kreuzes, blutende Augen und die Wundmale der Kreuzigung. Genau dies geschieht mit Frankie Page, einer völlig unreligiösen Person, und der für Wunderuntersuchungen zuständige Pater Andrew Kiernan soll die mysteriösen Umstände prüfen. Nach dem zweiten Leiden fährt er in die USA, um Frankie persönlich zu sprechen, und er wird Zeuge noch weiterer Erscheinungen, die er nicht aufhalten oder vermeiden kann. Während einer dieser Heimsuchungen (die nicht durch einen unsichtbaren Angreifer geschehen, wie viele US-Kritiken schreiben) übernimmt der Geist eines verstorenen Paters von ihr Besitz, und schreibt in ihrer Gestalt einen Text in alter aramäischer Schrift an die Wand. Kiernan kontaktet einen Freund im Vatikan, der jedoch sehr kurz angebunden reagiert. Bei dem entsprechenden Text handelt es sich nämlich um einen verloren geglaubten Text, und zwar einen, von dem Experten vermuten, dass er Jesus zeitlich am nächsten kommt. Laut Film wird dieser Text von der Kirche vorsätzlich unter Verschluss gehalten und nicht anerkannt, weil sein Inhalt angeblich so revolutionär sein soll. "Stigmata" teilt einem nur den Beginn jenes Gospels Thomas' mit, der da lautet:

"The Kingdom of God is within you and it surrounds you and God does

not live in temples of wood and stone."


Der Tenor des Filmes ist nun, das jener Text von der katholischen Kirche deshalb unter Verschluss gehalten wird, weil er -obwohl er den Aussagen Jesu angeblich am nächsten kommt- Aussagen enthält, die die Kirche in ihren Grundfesten erschüttern könnte. Die zitierte Passage deute an, das Jesu keine organisierte, ritualisierte Kirche mit hierarchischen Strukturen und symbolischen Gebäuden und Handlungen wollte, sondern viel mehr eine gelebte, individuelle Kirche. Um sich selbst nicht die Grundlage zu entziehen, werde der Menschheit dieser wichtige Text vorenthalten.
Im weiteren Verlauf findet sich ein ominöser Geistlicher, Marion Petrocelli, der Mitglied einer Gruppe war (zusammen mit Pater Delmonico, der zu Beginn des Filmes vorkommt, und Pater Mario, dem Kiernan die Übersetzung anvertraute), die an der Übersetzung der Texte arbeitete, bis sie von der Kirche verboten wurde. Nun, da der Text wieder aufgetaucht ist, erwacht das Interesse neu, und Petrocelli erklärt Kiernan die Zusammenhänge: Der inzwischen verstorbene Pater Demonico hatte als einziger genaue Kenntnis des Textes, und wollte diese unbedingt weitergeben. Durch einen dramaturgischen Trick ist es nun gerade Frankie, die zum 'Messenger' erwählt wird (und irgendwie ist es wohl Delmonico, der von ihrem Geist Besitz ergreift), weshalb sie diesen Text aufschreibt.

Neben allen inhaltlichen Fehlern driftet der Film spätestens jetzt ins Unglaubwürdige ab: Inzwischen hat Kiernans Vorgesetzter, Kardinal Houseman, der eine Verbreitung des ketzerischen Textes verhindern will, alle Berichte, Beweise und Fotos vernichtet, und muss nur noch Frankie zum schweigen bringen. In einem Art Exorzismus-Ritus versucht er, Frankie umzubringen, doch Pater Kiernan erscheint gerade noch rechtzeitig, und rettet sie. In einer Szene mit viel Feuer, Hall, verzerrter Stimme und künstlichem Pathos wird schliesslich die Botschaft auf Pater Kiernan übertragen, und ist somit auf Dauer gesichert, das Böse, Cardinal Houseman besiegt. Im Abspann wird dann nochmal die Bedeutung jenes Textes erläutert, zusammen mit der suggestiven Anklage, die Kirche unterdrücke diesen Text und erkenne ihn nicht an.





"Stigmata" präsentiert sich, zumindest zu Beginn, in einer Art MTV-Stil, was ja eigentlich -man erinnere sich an Baz Luhrmanns geniale Romeo∓mp;Julia- Adaption- nichts schlechtes ist. Allerdings gewinnt der Film dadurch nicht, zumindest war es für mich nicht erkennbar. Ganz interessant sind die unzähligen christlichen Symbole und Allegorien, die sich überall in dem Film finden, obwohl sie mehr mit Halbwissen als gezielt in Bezug auf die Handlung eingesetzt scheinen, optische Spielereien ohne Gehalt. Die eigentlich unglaublich brutalen Szenen der Leiden (Kreuzigung, etc.) werden durch eine Musik-Videos ähnliche Schnitttechnik entschärft. Im zweiten Teil wird der Film jedoch ruhiger, und widmet sich mehr der Beziehung der beiden, und zieht Kraft aus der ruhigen Stärke von Gabriel Byrne. Gegen Ende hin wird es wieder etwas wilder, sowohl vom Sound als auch von der Photographie her, wodurch sich eine formale Paralellität zum Inhalt ergibt. Das ist zwar recht gekonnt, und unterstützt den Film, dennoch scheint der stark auf Bildwerte abhebende Stil dem Thema nicht angemessen -vielleicht wäre hier eine konventionellere Inszenierung besser gewesen. Während zu Beginn hauptsächlich die Heimsuchungen den Film vorantreiben und spannend halten und der Mittelteil sich auf Byrne und Arquette konzentriert, lebt der Schluss von dem eigentlich brisant-revolutionären Vorwurf, die Kirche habe sich seit dem Mittelalter nicht gewandelt, bediene sich immer noch grausamer Rituale und bevormunde den gläubigen Menschen. Auch optisch wird das durch den eindringlichen Kardinal Houseman (kaum zu erkennen: Jonathan Pryce) und die Exorzismuszeremonie bestätigt. Das Problem ist nur: Auf inhaltlicher Ebene versagt der Film (Schlussteil), wie ich später noch ausführen werde, die Leiden von Frankie (also die Leiden Christi) sind angesichts dessen zu Horroreffekten degradiert (Anfang), und der wenig spannende Mittelteil kann dann auch nichts mehr retten. Hätte der (notwendigen?) Brutalität der Geschehnisse eine gute Aussage gegenübergestanden, wäre sie angmessen gewesen, so wirkt sie reichlich pervers, gerade angesichts der seltsam verdrehten und unwahren Behauptungen. Schauspielerisch ist nichts Überragendes geboten, aber Jonathan Pryce und Gabriel Byrne können zumindest überzeugen. Der Stil ist zwar interessant, meiner Meinung jedoch unangemessen. Die Handlung wäre mit Aussage leicht unglaubwürdig, ohne ist sie unnötig.

Was ist nun an den Aussagen des Filmes auszusetzten? Einige Kritiker schreiben, die Kirche müsste sich ob dieses Filmes aufregen, da sie in Frage gestellt sei. Ob das in der Wirklichkeit so ist, und die katholische Kirche in ihrer jetzigen Form die beste aller möglichen Formen hat, mag mit Recht bezweifelt werden, doch der Film bietet keine gute Grundlage für Kritik, denn seine Annahmen und Aussagen sind falsch. Im Wesentlichen sind das nämlich drei: Zuerst die, die durch ihre Position im Abspann unzweifelhaft direkt auf die Wirklichkeit bezogen werden darf: Dieser Gospel Thomas' sei nicht anerkannt und von der Kirche unter Verschluss gehalten (1). Danach jene, die sich durch die Spannungsgrundlage des Filmes ergibt: Die Aussage "The Kingdom is inside you" ist revolutionär, weil dadurch die Rolle der Kirche als Organisation in Frage gestellt werde. Deshalb negiere die Kirche diese Aussagen.(2) Und zuletzt die durch das Ende implizierte Aussage, die Kirche, oder Teile von ihr, betreibe barbarische Riten.
Zum ersten Vorwurf ist anzumerken, das zum einen jener Text zwar nicht verbreitet ist und nicht in der Kirche gelesen wird, er aber durchaus bereits Grundlage von Forschungen verschiedener Wissenschaftler war und in der vatikanischen Bibliothek einsehbar ist. Der Textkanon, auf dem die Bibel beruht, wurde in der Frühzeit der Kirche festgelegt und hat sich über Jahrhunderte hin erhalten. Auch wenn es eine interessante Idee wäre, diesen Kanon umzuschreiben und ihn auf die Grundlagen der modernen Erkenntnisse der Forschung der kritischen Exegese zu stellen, vorwerfen kann man der Kirche kaum, der Text sei nicht anerkannt: Eine einfache Erweiterung der Bibel um 'interessante' Texte ist nicht vorgesehen. SO ergibt sich auch, das jener Text nicht offiziell in den Texten der Gottesdienste auftaucht.
Am wenigsten überzeugend ist die zweite Aussage, auf der eigentlich die Faszination des ganzen Films beruht, und die die betriebene Demontage untermauern und legitimieren soll. Tatsächlich wären (aus meiner Sicht) einige Reformen der Kirche dringend angebracht, der Vorwurf aber, sie unterdrücke den beschriebenen Gedanken ('the kingdom of God is inside you') ist unhaltbar: An mehreren anderen Stellen der Bibel finden sich sehr ähnliche Aussagen, zum Beispiel bei den Mahnungen Jesu an die Jünger im Lukas- Evangelium:

Lukas, 17, 21:
Man wir auch nicht sagen: Seht hier ist es, oder dort, denn sehet, das Reich Gottes ist in eurer Mitte.

Auch in den Briefen des Apostel Paulus an die Korinther finden sich entsprechende Passagen:

1. Korintherbrief, 6, 19:
Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, ihr habt ihn von Gott, und nicht euch selbst gehört er.

2. Korintherbrief, 6, 16:
Denn wir sind der Tempel des heiligen Geistes.

Die letzte Aussage lässt sich wohl am ehesten durch den Wunsch des Autors nach einen spektakulären Ende erklären, denn die Diffamierung ist zu plump, um wirklich ernst gemeint zu sein: Der Kirche Exorzismusriten zu unterstellen, grenzt geradezu an Populismus, besonders wenn man den pseudo- aufklärerischen Abspann betrachtet.

Was bleibt, ist ein Film, dessen Inhalt nicht ernstgenommen werden kann, dessen Gewalt ohne Hintergrund brutal erscheint, und dessen Form zwar interessant, aber unagemessen ist. Allein das dennoch sehr interessante Thema und die solide Leistung der männlichen Hauptdarsteller, und in Teilen der visuell gekonnte Formalismus retten den Film vor der Höllenglut, aber wer sich nicht für religiöse Themen interessiert, kann diesen Kelch guten Gewissens an sich vorübergehen lassen.

Unausgegorenes, vermeintlich seriös-informatives Spektakel mit MTV- Look und -niveau


Wolfgang Huang