Meisterdieb von Dublin, Der
(General, The)

Irland 1998, 126min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:John Boorman
D:Brendan Gleeson,
Adrian Dunbar,
Maria Doyle Kennedy,
Jon Voight
L:IMDb
„Nichts ist mieser, als einen Dieb zu beklauen!”
Inhalt
Schauplatz Dublin, Irland. Der schlitzohrige Junge Martin Cahill (Brendan Gleeson) wird in slumähnlichen Verhältnissen aufgezogen, vom sozialen Unrechtsstaat von Geburt an abqualifiziert. Wo Gewalt und Kriminalität die Tagesordnung bestimmen, entwickelt Martin einen ausgeprägten Hang zum Diebstahl, der seinen Lebensweg bestimmen wird. Ständig eingebuchtet und der Polizei ein alter Bekannter, wird er schnell zum beflissenen Individualisten. Gerne würde er in Robin Hood-Manier Partei für die sozial Deklassierten ergreifen, wenn er nicht selbst versessen aufs Diebesgut wäre. Instinkte und Verstand sind durch seine kriminellen Lebenswandel geschärft, und so schafft es der Exzentriker durch Scharfsinn in Durchführung und Planung, die Polizei unter Führung des bedächtigen Inspektors Ned Kenny (Jon Voight) ständig an der Nase herumzuführen. Als Einbrecherkoryphäe rangiert er als 'der General' schon neben den Namen legendärer Großgangster. Zunehmend sieht er sich mit Schikanen der Polizei und auch mit der IRA konfrontiert, die ihn als äußerst unbequem empfindet. Als fatal problematisch erweist sich zudem noch, daß millionenschwere Bilder nach einem Kunstraub nur schwer einen Käufer finden. Cahills Obsession bleiben nicht ohne Quittung.
Kritik
Der 65jährige britische Filmveteran John Boorman, vielleicht noch durch die Mythosadaption 'Excalibur' in Erinnerung, liefert mit 'Der General' seinen ersten Film seit über zehn Jahren ab. Auf der Grundlage eines authentischen Faktengerüstes zeichnet er ein Charakterporträit von Irlands Einbrecherkönig, der sich in seiner verstockten Hybris sogar mit der IRA anlegte. Daß sich Boorman nach einer Dekade Ruhepause mit einem gediegenen Werk zurückmeldet, wurde in Cannes 1998 gleich mit dem Preis für die 'beste Regie' hoch gestimmt belohnt - womöglich wegen mangelnder Konkurrenzbeiträge, denn ein virtuoses Kabinettstück liegt hier nicht vor. Auch Boorman bedient sich der formalistischen Experimentaltendenzen der letzten Jahre und drehte konsequent in Schwarzweiß, um von vornherein das designbezogene Kunstetikett zu beanspruchen. Die gekonnte Bildkomposition kreiert denn auch eine effektvolle Mischung aus Anlehnung an die britischen 60er Jahre Krimis und enthobender Schwarzweiß-Äshtetik, die den mythischen Maßstab der Figur Cahills ins rechte Licht rücken soll, was größtenteils gelingt.

Mitunter ist der filmischen Farblosigkeit anzumerken, daß die technische 'Extravaganz' aus purem Selbstzweck zelebriert wird und keinen Beitrag zur guten dramaturgischen Konzeption leistet. Sicher, die besondere Fotografie schafft ein leicht historisches und dokumentarisches Ambiente, das das heruntergekommende Dubliner Milieu gekonnt einfängt, doch Boorman versäumt es, den Einsatz der Schwarzweiß Äußerlichkeit stilistisch auszureizen. Die Kamera vermag nicht, die biografische Abarbeitung von Cahills Leben eindringlicher oder gewichtiger wirken zu lassen - Farbe wäre nicht schlechter gewesen. Somit wirkt das Kolorit selbstgefällig und nach Kunstcharakter heischend. Könnte man noch annehmen, daß die nicht sonderlich aufregende Plotentfaltung ein außerordentliches formales Styling bedingt, so verrückt das sehr gute Schauspiel die Konzentration bald auf das Wesentliche.

Zwar erzählt uns Boorman einen Krimi, er geht aber nicht nur formalistisch andere Wege, als das amerikanische Genre, das sich zumeist durch ausladende Schießwütigkeit aus erzähltechnischer und darstellerischer Ödnis zu befreien sucht. Als Kontrastprogramm wirkt 'Der General' als subtile Charakterzeichnung mit radikal reduziertem Bleigehalt, der leider auch ein Symptom der ausbleibenden Spannungskurve ist. Dadurch, daß die Erzählung geschickt mit dem unvermeitlichen Ende von Cahills respektlosen Verbrecherkarriere beginnt, ist die 'konventionelle' Erzählstruktur des Spannungskrimis ausgehebelt und Boormans Ziel der detaillierten Filmbiografie klar definiert. Doch auch wenn der Zuschauer am Anfang mit dem Ende konfrontiert wird, gäbe es genügend Mittel der dramaturgischen Kurzweil, die Regisseur Boorman mitunter außer Acht läßt. Das Problem ist das der Authentizität. Äußerst unspektakulär und alles andere als nervenzerreißend kommt die Inszenierung des Juwelenklaus und Bilderraubes daher - millionenfach gesehen und nichtmal mehr fernsehtauglich. Auch ist die nicht vorhandene zeitliche Fixierung der Szenen nicht gerade orientierend.

Aber es wäre falsch, den Gesamteindruck des 'Generals' aufgrund fehlender Adrenalinmomente entscheidend zu mindern, denn die Stärken lassen eine charismatische Studie des legendären Gangsters enstehen. Brendan Gleeson in der Rolle Cahills überzeugt auf der ganzen Linie. Vortrefflich steuert er durch eine undurchsichtige Darstellung zur Mystifikation des 'historischen' Cahills bei und genießt das Spiel des eigenbrödlerischen Individualisten, der die Behörden zum Narren hält. Regisseur Boorman und Hauptdarsteller Gleeson ergänzen vorbildlich die politische Betonung, mal mit Humor, mal mit Ernst thematisiert, aber stets perfekt. Auch wenn Gleesons Mimik hätte mehr Emotionen herauskehren können, bleibt sein Schauspiel distanziert virtuos und zeichnet brilliant die schleichende Selbstdemontage, als Cahill unter dem Streß der Polizeischikane und dem ständigen Druck seines letzten Coups zu leiden beginnt.

Seine kriminelle Tendenz erweist sich jedoch als pathologisch und sein resolutes Verhalten wird zum Grundsatzkampf, in der das Diebesgut sekundär wird: "Wir gegen sie". Das Zentrum der Biografie ist komisch, bewegend und mitleidserregend. Der übrige Schauspielstab ist nicht weniger erstklassig gewählt und gruppiert sich effektvoll um die Zentralfigur. Adrian Dunbar glänzt als Cahills rechte Hand, Jon Voight gibt sich als sinnierender Kommissar zwischen Loyalität und Solidarität fürs 'anständige' Verbrechen, und Maria Doyle Kennedy als Cahills geliebte Frau ist die Ruhe selbt, durch die Cahill immer wieder Kraft schöpft. Die Quintessenz des bravourösen Spiels ist die weitere mythische Überhöhung Martin Cahills, ganz so, als ob die kriminelle Existenz nachahmenswert und gleichsam der einzig wirksame Protest gegen soziales Unrecht sei. Ein Robin Hood der Postmoderne, der soziales Unrecht kritisierend erkennt, wegen Egozentrik, Anmaßung und Zerrissenheit jedoch zum Scheitern verurteilt ist.


Ruhige, exzellent gespielte Biographie in fragwürdigem Schwarzweiß


Flemming Schock