Stille nach dem Schuss, Die

Deutschland, 103min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Volker Schlöndorff
B:Wolfgang Kohlhaase, Volker Schlöndorff
D:Bibiana Beglau,
Richard Kropf,
Martin Wuttke,
Nadja Uhl
L:IMDb
„Wir wollten das Unrecht abschaffen, und den Staat am besten gleich mit.”
Inhalt
Die bundesdeutsche RAF-Terroristin Rita (Bibiana Beglau) flieht nach Ost- Berlin, um für sich und andere Aussteiger, die in möglichst ferne Länder wollen, die Vermittlung der DDR zu erbitten. Doch die DDR zeigt kein Interesse am Vermitteln. Wenn schon, dann will sie die Leute im eigenen Land haben, unter eigener Kontrolle. Rita entscheidet sich gegen die Bewegung. Sie will sich auf das andere Deutschland einlassen. Dort begegnet ihr eine andere Wirklichkeit, als sie erhofft hat, vor allem durch ihre Bekanntschaft mit der Kollegin Tatjana (Nadja Uhl). Tatjana revoltiert gegen die erstarrten Verhältnisse, an die Rita den Rest ihres Traums von einer besseren Welt gehängt hat.
Kurzkommentar
Volker Schlöndorff ("Der Unhold") wagt sich mit "Die Stille nach dem Schuss" an die Behandlung eines doppelten Vergangenheitsschocks. Wo der politische Kontext ebenso wie die Spannungsdramaturgie im Ansatz stecken bleibt, überzeugt der Film durch beobachtungsgenaue Atmosphäre und eindringliches Schauspiel.
Kritik
Mit der Verfilmung von Günter Grass´ "Blechtrommel" gelang Volker Schlöndorff 1979 der große Wurf, dem internationale Aufmerksamkeit und schließlich sogar ein Oscar für den besten ausländischen Film zuteil wurde. Zuletzt versuchte er sich in den USA erfolglos mit dem Thriller "Palmetto" und kehrte nach Deutschland zurück, um sich einer Quasi-Literaturverfilmung der Autobiographie "Nie war ich furchtloser" (1996) der Ex-Terroristin Inge Viett anzunehmen. Ein Rechtsstreit schien anzurollen, weil Viett, über ihre Leinwandabbildung nicht gerade erfreut, nicht-autorisiertes Handeln anprangerte, derweil Schlöndorffs Studio in Berlin-Babelsberg heftig dementierte. Mittlerweile ist es jedoch zu einer außergerichtlichen Beilegung durch Geldzahlung gekommen.

Dabei wundert, dass die Filmindustrie, zumal die deutsche, bisher noch kein Interesse zeigte, das Terrorismus-Phänomen der siebziger Jahre, ein diffuses Konglomerat aus urmarxistischem Utopismus, Ethik, Pop und Romantik, ästhetisch zu verarbeiten. Vielleicht ist die Distanz noch nicht groß genug, vielleicht herrscht aber auch zu viel Ratlosigkeit und zu viel Zweifel, um den sozialistischen Traum der gewaltbereiten RAF in differenzierter Manier zu erfassen. Womöglich wäre ihre Identität und Selbstreflexion, einfach alles in Plattitüde und Klischee erstickt. Schlöndorff hingegen belässt es nicht dabei, vielmehr geht er geht er mit "Die Stille nach dem Schuss" insofern über diesen Versuch hinaus, als er versucht, neben die diskursiv schwer erfassbare Geschichte des deutschen Terrorismus noch die des "real existierenden Sozialismus" zu stellen. Beide Systeme waren in sich geschlossen, tendierten immer mehr zum Wahn und in Richtung innere Wirklichkeit. Die Kämpfenden im Westen wollten den kapitalistischen Staat in Blut versenken und hingen noch immer der naiven Vision eines gerechten Sozialismus nach, während die im Osten sich bloß in den Westen und weg von der bürokratischen Tyrannei des Realsozialismus ("Wir sind für die Leute und deshalb sind wir gegen sie") träumten. Menschen kamen von einem System ins andere und bundesdeutsche Terroristen, im Westen gesucht, fanden in der DDR unter neuer Identität Schutz und ein neues Leben im spießbürgerlichen Konformitätsalltag der "sozialistischen" Gesellschaft, die man sich irgendwie anders, gerechter gedacht hatte. Das war´s mit der Romantik.

Unter der entscheidenden Mitwirkung des DDR-erfahrenen Autors Wolfgang Kohlhaase bot sich Schlöndorff die zugegebenermaßen sehr schwierig einzulösende Aussicht, einen politischen Film zu drehen, in dem sich im Medium der Kunst die Geschichten zweier Phänomene auf deutschem Boden gegenseitig erhellen würden. Doch der Regisseur macht schnell klar, dass es ihm nicht um eine möglichst facettenreiche Politreflexion, sondern mehr um die Psyche des Terrorismus anhand einer Protagonistin geht. Überall, wo sich dem ursprünglich als Fernsehproduktion gedachten Film die Chance bietet, den innerdeutschen Diskurs zu erfassen, verliert er sich in Symboliken und altbekannten Gesten. So intensiv der Film auf politischer Ebene hätte werden können, vielmehr als Klischee ist er hier nicht. Sobald die sozialistischen Rebellen oder auch die Stasi-Charaktere ihre Idee der Staatsführung artikulieren, wird "Die Stille nach dem Schuss" ziemlich hölzern und zuweilen zur Makulatur.

Dass diese Möglichkeit somit an der Oberfläche bleibt, wird aber durch Schlöndorffs Interesse für seine Handelnden kompensiert. Mit der Besetzung der Hauptrolle durch Bibiana Beglau ist eine große Entdeckung gelungen und nicht umsonst wurde die Darstellerin in Berlin mit dem Preis für die beste Hauptdarstellerin bedacht. Ihr Spiel ist ungemein vielschichtig und weniger fanatische Phrase als vielmehr bemerkenswert distanziert und verunsichert, streckenweise sogar unzugänglich. Mit der Figur der Rita lässt Schlöndorff nicht nur den Menschen hinter dem Terroristen Platz, sondern skizziert auch glaubwürdig jenes Trauma, in das für viele ihre abstrakte Wunschvorstellung letztlich mündete. Der Film fängt mit einem als Spiel dargestellten Banküberfall szenisch ziemlich vermurkst an und auch der große Spannungsbogen wird schlechterdings vermisst. Was zudem negativ wiegt, ist das mehr ruckartige Fortschreiten der Geschichte und dass der Zuschauer statt Zusammenhang nur flüchtig eingeworfene Fragmente der Ideologien serviert bekommt.

Ohne spannungstechnische Spitzen entsteht so ein Flickenteppich, dem es durchweg an Antrieb mangelt. Doch ist die Stille auch seine Leistung, denn in der Beobachtung des DDR-Alltags und in der zeitintensiven Beziehungsdarstellung zwischen Rita und ihrer alkoholkranken Freundin Tatjana (Najda Hull) beweist Schlöndorff minutiöse Beobachtungsgabe und Autentizität. Die Eine will dem repressiven Kleinbürgeregalismus in den Westen entfliehen, die Andere muss ihre Westvergangenheit verschweigen und versucht, sich dem DDR-System zu fügen und ernüchtert ihre reservierte Idylle zu finden, nur, um mit dem Fall der Mauer Sämtliches zu verlieren. Sympathieträger werden beide. So wird aus der "Stille nach dem Schuss" zwar kein vergangenheitsbewältigender Großentwurf, aber ein ruhig-subtiles Psychogramm, eingebettet in realistisches Zeitkolorit. Nur Fragen beantwortet es keine.

Spannungsarmes, jedoch glaubwürdiges Gesinnungsdokument


Flemming Schock