In the Bedroom

USA, 130min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Todd Field
B:Andre Dubus,Todd Field, Robert Festinger
D:Tom Wilkinson,
Sissy Spacek,
Nick Stahl,
Marisa Tomei
L:IMDb
„Es ist nichts Ernstes, Mom. Nur so ein Sommer-Ding.”
Inhalt
Es ist Sommer in Neu-England. Frank Fowler (Nick Stahl) verbringt seine Collegeferien zu Hause, um dort bei einem Aushilfsjob beim Hummerfang ein wenig Geld zu verdienen. Seine Eltern Matt (Tom Wilkinson), der als Arzt im Ort praktiziert und Ruth (Sissy Spacek), die den Chor der dortigen Highschool leitet, sind ein typisches glücklich lebendes Kleinstadtehepaar, das ihren Sohn liebt und auch stolz auf ihn sind. Doch nun machen sie sich ein wenig Sorgen um ihn, denn er hat sich in Natalie (Marisa Tomei), eine Frau mit zwei Kindern, die mitten in der Scheidung von ihrem Ehemann Richard (William Mapother) steckt, verliebt. Eigentlich mögen Matt und Ruth die neue Freundin ihres Sohnes, die ein paar Jahre älter ist als Frank. Doch es kommt immer wieder zu unschönen Begegnungen zwischen Natalie und ihrem Noch-Ehemann, der es nicht verkraften kann, den jungen Mann an ihrer Seite zu sehen. Beim Geburtstag eines ihrer Söhne, der bei Franks Eltern gefeiert wird, taucht Richard uneingeladen auf. Auch zu Hause bei Natalie steht Richard plötzlich unangemeldet im Raum. Bei einem solchen Überraschungsbesuch treffen Richard und Frank aufeinander. Es kommt zum Streit zwischen den Beiden, und plötzlich fällt ein Schuss.
Kurzkommentar
Mit der kühlen Präzision eines Stanley Kubrick inszeniert Regiedebütant Todd Field mit "In the Bedroom" ein anspruchsvolles, aber in Thematik und Aussage zwiespältiges Drama um Liebe, Schmerz und die Stärke von Beziehungen. Nicht zuletzt dank exquisiter Darsteller und handwerklicher Perfektion bleibt "In the Bedroom" ein starkes Drama, hat allerdings mit der fragwürdigen Filmtauglichkeit seines Themas zu kämpfen.
Kritik
Ich muss zugeben: "In the Bedroom" eine Wertung zu geben war nicht einfach. Von kräftigen Verrissen bis hin zu überschwänglichen Lobpreisungen scheint bei Todd Fields Regiedebüt jede Wertung vertretbar zu sein. Der Film bietet einerseits aufgrund seiner akribisch genauen Ausarbeitung und der daraus oftmals resultierenden Langsamkeit (und nicht zuletzt Langeweile) viel Angriffsfläche für jede Art von Kritik, andererseits besitzt er zu viele ungewöhnliche, unerwartete und dadurch bemerkenswerte Elemente, dass man ins hohe Wertungsregal greifen möchte.

Schauen wir uns also an, warum ich mich für letztere Möglichkeit entschieden habe. Zunächst einmal ist an "In the Bedroom" zu loben, dass er einen auch nach dem Kinobesuch nicht loslässt. Zu geschickt hat Todd Field nach der Kurzgeschichte von Andre Dubus die Hinweise im Film verstreut, um sie im Moment des Auftauchens unmittelbar begreifen zu können, zu sehr ist man damit beschäftigt, hinter die Handlungsweisen der Charaktere zu steigen, zu versuchen, ihre Reaktionen zu verstehen und die inneren Verbindungen der dem klassischen Drei-Akt-Schema folgendenen Abschnitte offenzulegen. Was nicht zuletzt aufgrund des durchaus unüblichen Storyverlaufs dieses Dramas jedoch noch viel mehr Hirnschmalz zu fordern scheint, ist die Aussage, die der Film verfolgt. Unmittelbar nach dem Kinobesuch hat sich hier ziemliche Unzufriedenheit und vielleicht auch Ernüchterung breit gemacht, denn "In the Bedroom" ist ein Film, der mehr fordert und auch nur entlohnt, wenn man bereit ist, noch etwas darüber nachzudenken (oder Kritken wie diese im Netz aufzusuchen).

Um nun jedoch etwas intensiver auf die Geschehnisse und Stärken des Films eingehen zu können, folgt an dieser Stelle eine Spoilerwarnung.

Das eigentliche Thema des Films, so stellt sich ja erst nach ca. 30 Minuten heraus, ist die Frage, wie eine Familie bzw. die Eltern mit dem Tod ihres einzigen Sohnes umgehen. Wer jetzt "Das gabs doch vor kurzem erst!" schreit, hat vollkommen Recht, denn Cannes-Preisträger Nanni Moretti behandelte dieses Thema bereits 2001 in "Das Zimmer meines Sohnes". Diesen habe ich leider noch nicht gesehen und kann von daher keinen Vergleich zwischen den beiden Vorgehensweisen der Filme ziehen, obwohl er allemal interessant sein dürfte. "In the Bedroom" geht es nun darum, Reaktionen zu zeigen, die man - bei allem Verständnis für diesen schrecklichen Schicksalsschlag- so nicht erwartet hätte. Vor allem aber geht es ihm darum, den Zuschauer selber zu fragen. Und auch hier macht er sich nicht einfach, denn er fragt nicht "Hättest Du genauso reagiert?", sondern viel mehr "Bist Du wirklich sicher, dass Du nicht genauso reagiert hättest?". Das Unbehagen, das der Film durch diese Prämisse auslöst, ist ebenso faszinierend wie fragwürdig, denn die Filmtauglichkeit dieses Themas steht nach "In the Bedroom" mehr denn je zur Debatte.
Braucht der Zuschauer also tatsächlich einen Film, der ihm so unangenehm aufs Gemüt schlägt, ohne eine wirklich klare Aussage zu formulieren und ihm (bequemerweise) eine Hilfestellung an die Hand zu geben?

Interessant, und im Nachhinein umso faszinierender ist jedenfalls das Handwerk und die Inszenierung des Films. In drei Akten scheint Regisseur Todd Field jeden Dialog und jede Einstellung äußerst bewusst gesetzt zu haben. Akribisch sauber reiht er Szene an Szene, schafft Verbindungen, ohne das Offensichtliche zu zeigen, verzichtet auffallend häufig auf die sonst sehr feine Musikuntermalung Thomas Newmans und legt fast schon unerträglichen Purismus an den Tag.

So scheinen die Informationen, die dem Zuschauer im ersten Akt zukommen alle sehr sorgfältig gewählt: zunächst nimmt sich Field Zeit die Beziehungen zwischen Sohn Frank und seiner Mutter, Frank und seinem Vater und Frank und seiner Freundin Natalie zu charakterisieren. Dass er dafür eine halbe Stunde und so immerhin ein Viertel des Films auf etwas verwendet, was nur als Ausgangsbasis dienen sollte, erweist sich im späteren Verlauf des Streifens als ebenso klug wie nötig. Der Zeitraum bis zu Franks Tod stellt jedenfalls den ersten Akt dar und schauen wir, was dem Zuschauer mitgeteilt wird. Seinem Vater gegenüber gibt sich Frank freundschaftlich, ehrlich und locker. Er erzählt ihm, dass aus dem Vorstellungsgespräch nichts geworden ist und weiß, dass sein Vater ihn in der Beziehung zur älteren Frau (und Mutter) Natalie verstehen kann - beide wissen, dass es ihm ernst ist. Seiner Mutter hingegen lügt er vor das Vorstellungsgespräch sei gut gelaufen und Natalie nur "so ein Sommer-Ding". Die Ehe der Eltern Matt und Ruth wird als problemlos, glücklich und verständnisvoll präsentiert: man versteht sich, hat sich nichts zu verbergen und spricht abends (in the bedroom) über die Probleme, die der Tag so brachte. Selbst als Sohn Frank von Noch-Ehemann Richard geschlagen wird (Field zeigt diese Konfrontation bewusst nicht, da es ihm eben weniger um vordergründige Theatralik, sondern viel mehr um die resultierenden Reaktionen geht), bleiben Matt und Ruth verhältnismäßig sachlich und verständnisvoll.

Als die Welt nun im zweiten Akt aus den Fugen gerät, Frank ermordet und Mörder Richard schließlich verurteilt wird, zeigt sich, dass jede noch so gute Ehe daran zerfallen kann. Nicht jedoch (wie man erwarten würde), indem sich Matt und Ruth aufs Erbittertste anschreien und Tränen fließen, sondern -im krassen Gegensatz zur gesunden Ehe, die uns in Akt 1 dargelegt wurde- sie versinkt in Schweigen und Verbitterung; in einer Reaktion, die noch viel mehr über die unfassbare Trauer und Verzweiflung der beiden Eltern aussagt als die offensichtliche Schuldsuche, die man als Kinobesucher sonst bei solchen Schicksalsschlägen gewohnt ist. Field zeigt uns einfach nur: egal, wie gut das Eheverhältnis vorher war, für diesen Schlag ist niemand gewappnet.

Handwerklich umgesetzt wird dies nun alles bemerkenswert unpathetisch, beängstigend abgeklärt und überraschend undramatisch, was sich wiederum schön in der Gerichtsszene zeigt: Natalie verstrickt sich unbeabsichtigterweise beim Prozeß in Widersprüche und Richard kommt auf Bewährung raus. Typische Hollywood-Fanfaren würden hier mit Musikgetöse Emotionen schüren, um die Verzweiflung Ruth und Matts (auch anschließend vor dem Untersuchungsrichter) zu verdeutlichen: Field jedoch hält einfach nur die Kamera drauf und schafft eine feine Linie zwischen Fiktion und dokumentarischem Charakter.

So dauert es nun scheinbar Wochen und Monate bis der Knoten (auch für den Zuschauer) endlich platzt und es zur Konfrontation und großen Aussprache zwischen Ruth und Matt kommt: man macht sich mehr oder weniger haltlose Vorwürfe, wer nun Schuld am Tod des Sohnes hat, will unberechtigterweise alte Rechnungen begleichen, weiß aber doch genau, dass hier nicht anzusetzen ist. Die beiden Umarmen sich seit langer Zeit, scheinen für den Augenblick wieder zusammen gefunden und an Stärke gewohnen zu haben, gewissermassen über den Berg zu sein, doch Field ist gnadenlos und es folgt ein dritter Akt, der in seinem ungewöhnlichen Verlauf wiederum bemerkenswert ist.

Matt sucht Richard mit einem Revolver auf, lässt ihn seine Sachen packen und in quälend langer Weise in einen abgelegenen Wald fahren. Selten war ein Film so spannend wie "In the Bedroom" in dieser Szene: die Charaktere wirken so echt und nah, dass das Geschehen, eben auch aufgrund der fehlenden Musik, so realistisch wirkt, dass es beinahe unerträglich wird. Jeden Moment erwartet man den Schuss Matts, obwohl man innerlich weiß, dass er kein "böser" Charakter im sonst so stereotypischen Filmsinne ist. Und doch weiß man ebenso, dass der Schuss folgen muss, folgen wird und Matt keine Wahl bleibt. Und obwohl man den Schuss erwartet, kommt er schockierend. So präzise hat Field ihn platziert.

In der Zeichnung der Ehe besinnt sich Field dann wieder zum Stilelement des ersten Aktes zurück, denn wie der Zuschauer erfährt, haben nicht nur Matt und sein Freund den Mord geplant, sondern auch Matt und seine Frau. Und so ist man der Meinung, sie hätten, jetzt wo der Plan zu ihren beiden Wünschen ausgeführt ist, endlich etwas innere Ruhe gefunden, doch Ruth erhält auf ihre Frage, wie es gelaufen sei, keine Antwort. Schließlich weicht sie abermals auf eine oberflächliche und somit für die erkaltete Beziehung exemplarische Frage nach einer Tasse Kaffee aus und wir realisieren die ernüchternde Erkenntnis, dass eine Beziehung, so gut sie gewesen sein mag, nicht jeden Schlag wegstecken kann: Matts körperliche Wunde ist geheilt, aber die seelische nicht. Auch nicht durch den Racheakt oder die aufgehende, hoffnungsvoll stimmende Sonne in den letzten Bildern.

Dass diese Erkenntnis und angestrebte Aussage des Films ziemlich starker Tobak ist und sich so einmal mehr die Frage stellt, ob diese Thematik tatsächlich kinotauglich ist, macht, um den Bogen endlich zu kriegen, eine Bewertung natürlich nicht einfach. Wie man an Fields handwerklicher und emotional dichter Ausarbeitung des Themas gesehen hat, kann "In the Bedroom" als starkes Drama faszinieren, hinterlässt aber dennoch ein mulmiges Gefühl. So ist die hohe Wertung weniger als Zustand der Zufriedenheit, sondern viel mehr als objektives, cineastisches Kriterium zu werten, denn "In the Bedroom" ist als anspruchsvolles, sehr sauber ausgearbeitetes Drama mit den bislang unerwähnt gebliebenen, absolut grandiosen Darstellern ohne Zweifel äußerst beachtenswert.

Kompromissloses, anspruchsvolles Drama mit zwiespältiger Thematik


Thomas Schlömer