Asche meiner Mutter, Die
(Angela's Ashes)

USA, 145min
R:Alan Parker
B:Frank McCourt,Laura Jones
D:Robert Carlyle,
Emily Watson,
Shane Murray-Corcoran
L:IMDb
„Mam sagte, das da ist die Freiheitsstatue, und das da ist Ellis Island, wo alle Immigranten reingekommen sind. Dann beugte sie sich seitlich vornüber und erbrach sich, und der Wind vom Atlantik wehte alles über uns und andere frohgestimmte Menschen, die die Aussicht genossen. Möwen schossen heran, um etwas von der Gabe abzubekommen, während Passagiere kreischend und gottlose Ausdrücke äußernd flohen und Mam schlaff und bleich an der Reling hing”
Inhalt
Zu Beginn der 30er Jahre machen die Katholikin Angela Sheenan (Emely Watson) und ihr Mann Malachy McCourt (Robert Carlyle), ein Protestant, genau das Gegenteil von dem, was die meisten irischen Familien machen: sie immigrieren nicht nach Amerika, sondern gehen ohne einen Penny in der Tasche wieder zurück nach Irland. Seine neue Heimat kennt Frank (Joe Breen), der älteste Sohn, nur aus den Sagen von Cuchulain. In Angelas Geburtsort Limerick, dem wohl verregnetsten Ort der Welt, angekommen, sucht Malachy als Protestant erfolglos nach Arbeit. Derweil sterben drei von Angelas Kindern an den Folgen der Unterernährung. So wächst Frank mit seinem Bruder Malachy Jr. (Shane Murray) in einem entbehrungsreichen, armutsvollen Leben in den Slums von Limerick auf. Hier, zwischen Flöhen und Läusen und der Sorge um das nächste Stück Brot, verbringt Frank die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens, bis er kurz nach Kriegsende wieder nach dem ersehnten New York zurückkehren kann.
Kurzkommentar
Frank McCourts unvergleichliche Autobiographie über die irische Seele wurde seit ihrem Erscheinen 1996 zum international gefeierten Literaturphänomen. Alan Parker ('Evita') illustriert die erwartete Leinwandaufbereitung in hochstilisierten Elendsaufnahmen und Bildmetaphoriken, transferiert jedoch die prosaische Kraft der Erinnerungen zwischen tiefstem Leid und höchster Lebenslust nicht sonderlich gehaltvoll aufs Filmmedium. Emotionale Gedankenfülle, Lebenswille und ungebrochene Selbstachtung kapitulieren vor eher hüllenhaft fotografierten Figuren und einer humorlosen Adaption. Trotzdem gelingt Parker für eine Hollywood-Produktion ein ungewöhnlich subtiles Arrangement, das nicht von Pathetik, sondern von dezenten und leisen Untertönen lebt.
Kritik
"Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe. Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit".

Mit diesen Zeilen beginnt der heute 69-jährige, pensionierte High-School Lehrer Frank McCourt seinen autobiographischen Roman, der sich wie ein Lauffeuer verbreitete, Kritiker wie Lesepublikum zu Begeisterungsstürmen hinreissen sollte und zum größten Bucherfolg der letzten Jahre avancierte. 'Die Asche meiner Mutter' wurde als belletristische Sensation, von manchen gar als Meisterwerk gefeiert, das auf beispiellose Weise Lesbarkeit mit hohem literarischem Anspruch verschmelzen ließ. Warmherzig wurden die 'irischen Erinnerungen' weiterempfohlen, was eine Übersetzung in insgesamt 25 Sprachen nach sich zog.

Frank McCourt erfüllte sich mit seinem ersten Buch einen Lebenstraum und zeigt sich im Alter als großartiger Erzähler, dessen elendserfüllte Kindheit dadurch, dass man "nie weiter als eine Schüssel Suppe dachte" und ein entbehrungsreiches Leben unterhalb des Existenzminimums führte, zutiefst menschlich und lebensbejahend blieb. Der tägliche Überlebenskampf, zwischen insistierender Hoffnung und Verzweifelung pendelnd, hinterließ Spuren, die Frank McCourt in außergwöhnlicher Prosa nachzeichnete. Diese griff auf eine ebenso einfache wie unverbraucht und wirkungsvolle poetologische Form zurück, nämlich auf ein lyrisches Ich, das die eigentliche Weisheit des Erzählers hinter der simplen Sprache eines fünfjährigen Kindes versteckt.

Die assoziative Wirkung dieser Erzählperspektive ist enorm, beginnt doch der Leser, das irische Limerick mit staunenden Kinderaugen zu ergründen. Die 'Magie' und Kraft von McCourts Prosa liegt somit in ihrer Simplizität und Natürlichkeit, erzählt mit unglaublichem Humor und Sprachwitz. Eine bittersüße Chronik, so komisch wie tragisch, so berührend wie ironisch - und stets ursprünglichstes Glück empfindend. Auf fast unnachahmliche Weise entwerfen Frank McCourts Erinnerungen ein polarisierendes Bild der irischen Seele, das herzzereissend Schrecklichste mit dem zugleich Wundervollsten vereinend. Bestimmend ist die Plastizität, die Deutlichkeit, mit der man als Leser die Elendsbilder der limerickschen Existenz vor sich sieht und die Lektüre als Bereicherung erlebt.

Das ist nun ganz der Stoff, der in Hollywood zum Verkauf von Gefühlen animiert und prompt waren die Filmrechte vergeben. Marktstrategisch günstig kommt der Film während der geziert mitgefühlsduseligen Weihnachtstage in die amerikanischen Kinos. Alan Parker, noch durch den eigenwilligen 'Evita' in bester Erinnerung, bekam den Regiezuschlag. Seine Aufgabe war, den vielen Assoziation und von den Lesern individuell erlebten Bilderwelten eine angemessene Leinwandentsprechung zu geben. Sozusagen das Elend, im Buch Kern UND auch Peripherie der Schilderung, stilgerecht zu illustrieren. "Limerick war für seine Frömmigkeit berühmt, aber wir wussten, es war nur der Regen" - für das visuelle, 'sinnhafte' Nachempfinden der 'gottverlassenen' Slums scheut die Inszenierung denn auch keine Mühen und Kosten.

Regisseur Parker hat den authentischen Anspruch wohl etwas überreizt, denn Regen fällt tatsächlich fast ohne Pause, hat hier symbolhaft keine reinigende Aufgabe, ist vielmehr Metapher für endgültige Traurigkeit. Was nach Hollywoodmentalität zu befürchten war, ist damit halbwegs eingelöst: Plakative Fotografie wird mit Klischeekonventionen vermengt. Das leidvolle Äußere wird zum Stilmittel mit Bildern, denen - noch extremer - sämtliche Farben entzogen scheinen. Andererseits ist der Optik gutzuschreiben, dass sie doch mehr zweckdienlich als schwülstig-salbungsvoll wirkt. Zudem gelingt es durch die Verpflichtung von John Williams, legendärer, sonst eher dick auftragender Krösus unter den Filmkomponisten ('Star Wars','Jurassic Park'), eine unaufdringliche Klangkulisse zu ergänzen. Ihre leise Sentimentalität bewahrt sich überraschend vor Kitsch.

Der demnach zwischen Überzeichnung und gelungener Ästhetik schwebende formale Charakter sollte ja nur die Folie für den Hauptakzent von McCourts Memoiren, den individuellen Schicksalen bilden - der eigentliche Prüfstein einer jeden Literaturverfilmung. Hier gelingt es der Autorin Laura Jones durchaus solide, den Roman auf seine gedanklichen, stimmungsmäßgen Kernmomente zu reduzieren und in ein Drehbuch umzumodellieren. Das unumgänglich Negative ist nur, dass die Essenz von McCourts Buch weniger im Handlungsstrang als in der außergewöhnlichen Kraft seiner Prosa liegt, die das Bildmedium Film nur bedingt fassen kann.

Sich dessen bewusst, greift Regisseur Parker zum vielleicht besten Kompromiss und lässt die Stimme des alten Frank McCourt wesentliche Momente in Zitaten aus dem 'Off' referieren. Verfehlen diese ihre berührende Wirkung nicht, so kränkelt es der verbleibenden Inszenierung an Entschlossenheit und Mut, die Emotionalität des Buches abzubilden. Darstellerisch werden insgesamt zwar keine Schlappen geboten, aber von Charakterpsychogramme und überzeugende Leidens- und Freundensfähigkeit, von erwartungsgemäßer Gefühlsintensität, ist man weit entfernt.

Das ist umso bedauerlicher, weil zweierlei nicht voll genutzt wurde: das Potential einer bewegenden Biographie und die Schauspielkunst der beiden Hauptdarsteller, Robert Carlyle und Emily Watson. Carlyle, seit seiner 'Oberarschloch'-Rolle in 'Trainspotting' extrem wandlungsfähig, zeichnet die Rolle des gemütssanften Malachy in zu unauffälliger Natur. Was nicht der Sprache des Buches bedurft hätte, ist die Liebe des Vaters zu seinen Söhnen, die Phantasien, die die Geschichten über den irischen Freiheitskämpfer Cuchulain in Frank wecken. Dies wird nur angeschnitten, deutlich mangelt es seiner blassen Figur an Substanz und vor allem an Herbheit, schildert McCourt seinen Vater doch als 'begnadeten Säufer'.

Emily Watson spielt zwar ebenso funktional, kann aber keineswegs die aufopferungsbereite, empfindsame Idealmutter widerspiegeln, auf die der Titel von Buch und Film anspielt. Es fehlt Inbrunst und Pathos. Vielmehr als leidende Blicke und verzweifeltes Ziehen an ihren Woodbine-Zigaretten bleiben nicht. Tadellos sind indessen die verschiedenen Kindesdarsteller von Frank, die Regisseur Parker jedoch wiederum zu distanziert ins Geschehen einbaut. Nur wird wenig vom träumerischen, utopischen Denken Franks vermittelt. Vielmehr wird ersichtlich, dass Parker zögerte, die Lebensgeschichte in ihrer emotionalen, ja 'gesunden' Sentimentalität konsequent umzusetzen, in der Sorge in Kitschpathetik abzudriften. Ist das Vermeiden derselben löblich, so schlägt zu starke Reserve in eine harmlose Chronik um, die vom beseelten Buch allein den Charakter einer demonstrativen Sozialstudie übernommen hat. Nichtsdestoweniger ein formal überdurchschnittliche Adaption, die Anreiz zum Lesen des Buches und seiner vergleichbar brillianten Fortsetzung geben sollte.


Unaufdringliches Bildäquivalent ohne die Ausdruckskraft der Romanvorlage


Flemming Schock