Arlington Road

USA, 117min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mark Pellington
B:Ehren Kruger
D:Jeff Bridges,
Tim Robbins,
Joan Cusack,
Hope Davis,
Robert Gossett
L:IMDb
„They say that you're never as wise as when you're a child. We'll never think that clearly again.”
Inhalt
Die "Arlington Road" ist eigentlich eine kleine, beschauliche Vorstadtstraße. Just auf dieser Straße kommt dem Witwer Michael Faraday (Jeff Bridges), der kleine Brady (Mason Gamble), Sohn der Langs, die auf der anderen Straßenseite wohnen, blutüberströmt entgegen. Wie sich später herausstellt, hat er beim Basteln einer kleinen Bombe gefährliche Verbrennungen erlitten. Dessen Eltern Oliver (Tim Robbins) und Cheryl (Joan Cusack) sind Michael sehr dankbar und die Familien freunden sich miteinander an - darunter auch Michaels Sohn Grant (Spencer Treat Clark) und Michaels Freundin Brooke Wolfe (Hope Davis). Aber irgendwas kommt Michael bei den Langs komisch vor. Oliver behauptet, als Bauingenieur an einem Einkaufszentrum zu arbeiten - aber die Baupläne, die er sieht, scheinen von einem großen öffentlichen Gebäude zu stammen. Er beginnt, in Olivers Vergangenheit zu stochern und findet heraus, daß nicht einmal der Name echt ist - und er im Alter von 16 Jahren bereits wegen eines Bombenanschlags verhaftet wurde.
Kritik
Unvermittelt beginnt das Geschehen. Mitten auf der zu ruhigen Straße einer amerikanischen Vorstadtkulisse schleppt sich ein zehnjähriger Junge, bleich, sich in den linken Arm haltend und soweit entkräftet, daß er sein Durchhaltewillen traumhaft zu beschwören beginnt. Von der Wunde seines Armes tropft Blut auf den Asphalt als einziges Zeichen von Leben, denn niemand eilt zu Hilfe. Kein Auto befährt die Straße, kein Mensch zeugt davon, daß die konformen Häuser bewohnt sind. Alles wirkt einheitlich rein, belanglos und unbeteiligt am Schicksal. Daß der Junge weiterstolpert, trotz der Schmerzen, die er stumm erträgt, zeichnet die Umgebung noch lebloser, beinahe irreal. Der Zuschauer sieht sich in eine dramatische Situation der Hilflosigkeit versetzt, hofft, daß sich endlich irgendwo eine Reaktion zeigen möge. Doch nichts, das Normalität wieder herstellt und die Angst nimmt.

Dem Regisseur Mark Pellington gelingt in ersten Minuten des Films hiermit eine bedrohliche, surrealistische Szene von Verletzlichkeit inmitten des vermeintlichen Lebens, das sich erst dann zeigt, als ein Wagen um die Ecke biegt, vor dem schwankenden Jungen zum Stehen kommt und der Fahrer herausstürzt, um endlich Hilfe zu bringen. Der Mann reagiert auf den blutüberströmten Arm des Jungen schockiert, ganz so, wie es kraß zur Leblosigkeit der vorigen Szene kontrastiert. Er nimmt den Jungen auf und ruft, schreit nach Hilfe. Deutlich wird das Subversive. Man fühlt sich durch das Herbeieilen des Helfers von der Beklommenheit befreit, wird aber gleich wieder zurückgeworfen. Noch immer reagiert niemand, nichts beendet wie selbstverständlich das absurde der Situation. Spontan handelt der Mann, legt den Jungen in seinen Wagen und rast hektisch zum Krankenhaus.

Durch hektische Kameraführung und schnellen Schnitt wird die bis zur Verzweiflung steigende Anteilnahme des Mannes deutlich, der, wie das Folgende zeigen wird, durch die alptraumhafte Begegnung mit dem Jungen aus einem fragilen Gleichgewicht gestoßen wurde. Psychisch völlig erschöpft muß er sich im Krankenhaus an einer Wand stützen. Sein Name ist Michael Faraday (gespielt von Jeff Bridges) Professor für amerikanische Geschichte. Sofort sind die Eltern des Jungen zur Stelle, dessen Wunden, die er sich beim Spiel mit Feuerwerkskörpern zuzog, bald verheilt sein werden. Die Eltern, die vor zwei Monaten zugezogenen Nachbarn Lang, gespielt von Tim Robbins und Joan Cusack sitzen Faraday erschrocken und sichtlich berührt gegenüber, obgleich gerade er keine zusätzliche Last tragen kann. Tiefe Wunden fügte ihm der Verlust seiner Frau zu, eine FBI Agentin, die wegen eines fehlerhaften Akteneintrages zu Unrecht einen legal handelnden Waffenkäufer observierte. Sie starb in einem Feuergefecht, das aus einem Mißverständnis hervorging. Faradays zehnjähriger Sohn hat den Tod der Mutter nicht verkraften können, spricht kaum darüber. Zwar akzeptiert er die Studentin Brooke im Haus, doch nicht als neue Mutter. Nur zögernd kehrt die Normalität in Faradays Leben zurück. Als Retter gefeiert, wird er in die bisher anonyme Nachbarschaft der erst spießbrügerlich wirkenden Langs eingeladen.

Oliver Lang, der Vater von drei Kindern, erzählt Faraday von seiner Kindheit, Studienzeit und gibt vor Bauingenieur zu sein. Doch bald entdeckt der aufmerksame Faraday erst durch fehlerhaft adressierte Briefe, dann durch eigene Investigation, Ungereimtheiten in der Existenz des vorgeblich unbescholtenen Oliver Lang. Das Mißtrauen, das Faraday seinem Nachbarn von Beginn an latent entgegenbrachte, stellt sich als keine rein zufällige Entwicklung heraus. Den Tod seiner Frau aufgrund bürokratischen Versagens hat er dem FBI nie verziehen, hegt jedoch keine Rachegefühle. Eng verbunden mit seiner persönlichen Situation ist seine Arbeit an der Uni, wo er Seminare über Terrorismus hält. Hier überschreitet er die akademischen Grenzen durch paranoide Theorien und Spekulationen über zu schnell konstruierte, fiktive Einzeltäterprofile von Bombenattentaten jedoch schnell. Als Terrorismusexperte sieht er das Zünden von Bomben in der amerikanischen Öffentlichkeit nicht nur durch Einzeltäter, sondern durch Gruppen motiviert und klagt die Polizei und die Medien an, die Identität und den Namen eines konstruierten Einzeltäters nur so schnell wie möglich bekanntgeben zu wollen, um für eine scheinbare Sicherheit zu sorgen. Ergriffen , nicht mehr wissenschaftlich distanziert, doziert er gegenüber seinen verängstigten Studenten. Er unternimmt gar eine Seminarexkursion zum Todesort seiner Frau, um das Mißtrauen gegenüber der staatlichen Macht weiter zu schüren. Durch eine Rückblende, die das für Faradays Frau tödlich endende Feuergefecht zeigt, intensiviert Regisseur Pellington die Unsicherheit und Ungewißheit, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Plot zieht.

Durch verbissene Nachforschungen gelingt es dem Geschichtsprofessor, die Maske und falsche Identität des Oliver Langs bröckeln zu lassen und ihn als Spitze einer terroristischen Gruppe, die Bombenattentate durchführt, zu entlarven. Vorerst muß der Kontakt zu den Nachbarn jedoch vordergründig normal ablaufen, da selbst seine neue Freundin Brooke Faraday keinen Glauben schenkt. Sein Umfeld wägt sich in Sicherheit und sieht ihn zunehmend von seiner Arbeit krankhaft vereinnahmt als Opfer einer Paranoia. Auch der Zuschauer findet sich in einem Wechselbad der Anteilnahme. Weiß er sich von Beginn an auf des Helden Seite, so bleibt lange unklar, ob Faradays Bombentheorien und Mißtrauen nicht gar übersteigert krankhaft sind. Bald ist der entlarvte Terrorist Faraday auf die Schliche gekommen und kidnappt aus erpresserischen Zwecken dessen Sohn. Der Konflikt nimmt duellhafte Formen an und der Spannungsbogen wird immer konsequenter ausgebaut, nachdem Faradays Freundin sterben mußte, da auch sie, doch eher durch Zufall, mißtrauisch wurde. Jeff Bridges als Faraday gelingt es beispielhaft, die Zerrissenheit, Unsicherheit und Ängste des Geschichtsprofessors herauszuarbeiten, bis diese immer weiter kulminieren und bald im Kampf um seinen Sohn in einer wahnsinnigen Existenzangst gipfeln.

Niemand außer Faraday will das wahre Gesicht des Oliver Lang erkennen, niemand fühlt, daß die Normalität der Sicherheit bald zerstört werden wird. Der Zuschauer fiebert mit Faraday bis zum Äußersten mit, der zweierlei Ziele verfolgt: Die Rettung seines Sohnes und Verhinderung der Bombenexplosion. Dadurch, daß seine Umwelt eine Verletzlichkeit nicht realisieren möchte oder verdrängt, kämpft Faraday den aussichtslosen Kampf und macht sich letztendlich zum kalkulierten Opfer und Instrument der Terroristen, die dem Staat das nehmen, was er als Selbstverständlichkeit vorgibt zu garantieren: Die Sicherheit des Einzelnen. Ihn endgültig als Paranoiker empfindend, der jedoch als Einziger hätte retten können, ignoriert nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch das FBI seine verzweifelten Warnungen, bis es zu einem fulminant spannenden Ende kommt. Die letzten zwei Minuten des Films, in denen Faraday das Fatale seines Handelns zu spät erkennt, läßt Atemberaubendes geschehen.

Die Suche nach Wahrheit wird dem Erkennenden zum Verhängnis und die Medien stilisieren ihn letztendlich so, wie er es anprangerte. Das falsche Kalkül der Öffentlichkeit, neben Faraday allein von den Terroristen erkannt, hat tödliche Konsequenzen. Zum Schluß bleibt der Eindruck, daß der Staat das Streben nach Wahrheit zugunsten einer falschen, labil konstruierten Sicherheit fallengelassen hat. Durch den Verweis auf reale Bombenattentate jüngster amerikanischer Vergangenheit, in denen schnell ein vermeintlicher Einzeltäter und dessen Motiv ausgemacht war, läßt der Film gekonnt die Grenzlinie zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Der moralische Impetus des beklemmenden Thrillers liegt in der Relativierung des allgemeinen Sicherheitsgefühls, das oft die Wahrheit um der Ruhe willen ignoriert. Nicht zuletzt gerade deswegen zeigt sich die Öffentlichkeit und auch Staat verletzlicher, wird die Zerstörung wiederkehrend schneller die trügerische Ruhe treffen.
Flemming Schock